Asterisk und Genderix

Poetisches Frauenstück wird Hörspiel des Jahres – und eine Initiative, die fordert, dass das Hörspiel weiblicher werden soll

Von Jochen Meißner
15.04.2020 •

Am 22. Februar wurde im Literaturhaus in Frankfurt am Main Ruth Johanna Benraths Stück „GEH DICHT DICHTIG. Hörspieldialog mit Elfriede Gerstl“ als Hörspiel des Jahres 2019 ausgezeichnet. Die Koproduktion von Österreichischem Rundfunk (ORF) und Bayerischem Rundfunk (BR) war im April 2019 von der dreiköpfigen Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats gewählt worden (vgl. MK-Meldung).

Erstmals waren 2019 neben den deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auch der Österreichische Rundfunk (ORF) und der Schweizer Rundfunk (SRF) bei diesem Hörspielwettbewerb teilnahmeberechtigt. So könnten jetzt in einem Jahr rein rechnerisch insgesamt 156 Produktionen von dreizehn deutschsprachigen Kulturwellen um die Auszeichnung „Hörspiel des Jahres“ konkurrieren, gegenüber 120 von elf Programmen in den vergangenen drei Jahrzehnten. Das Hörspiel des Jahres wird seit 1987 aus den zwölf Stücken gewählt, die jeweils zum Hörspiel des Monats gewählt wurden.

Eine leuchtende Hommage an Elfriede Gerstl

Statt 156 waren es 2019 jedoch nur 124 Stücke, die zur Wahl standen, wie Juror Torsten Mergen anlässlich der Preisverleihung in seinem Jahresrückblick schilderte – also 20 Prozent weniger als möglich. Trotz des Zuwachses auf der Anbieterseite hat sich der Abwärtstrend bei den eingereichten Produktionen noch verstärkt. In den vergangenen Jahren schwankte er stets so um ein Minus von 15 Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass der Deutschlandfunk in Köln traditionell nicht über ein vergleichbares Hörspielproduktionsbudget verfügt wie der Schwestersender Deutschlandfunk Kultur in Berlin, sondern stattdessen vorwiegend ein deutschlandweites Schaufenster für Hörspiele der ARD-Landesrundfunkanstalten sein soll. Zum anderen liegt der Rückgang der Produktionen an dem planmäßigen Heruntersparen von Sendeplätzen, Planstellen und Produktionskapazitäten, vor allem bei den kleineren Sendern der ARD.

An Ruth Johanna Benraths Preisträgerstück „GEH DICHT DICHTIG“, einem imaginären Dialog der mit der Wiener Dichterin Elfriede Gerstl, der als Trialog mit den Schauspielerinnen Gerti Drassl, Dörte Lyssewski und der Vokalistin Lauren Newton angelegt ist (vgl. MK-Kritik), lobte die Jury die perfekte Melange gestalterischer Parameter: „Das Hörspiel präsentiert sich als Wort-, Klang- und Gedankenexperiment und wird durch den anarchischen Umgang mit Sprache und einer selten so gelungenen Rhythmisierung sprachlicher Musikalität zum Unikat, zu einer vor Intensität leuchtenden Hommage an die 2009 verstorbene Elfriede Gerstl.“

Weiter schrieb die Jury, Christine Nagels Regie „macht den performativen Charakter von ‘GEH DICHT DICHTIG!’ aus und das Werk zu einem lautpoetischen Klangkunsthörspiel außergewöhnlicher Art: Sprachklang wird schillernd transportiert, geräuschhafte Strukturen wirken im besten Sinne so integrierend wie irritierend, ihre ausgeklügelte Mischung mit konkreter Sprache schafft Distanz, provoziert und produziert eine mitunter köstlich-absurde Komik.“

„Karlsruher Postulate“

Auffällig war: Das in Frankfurt preisgekrönte Hörspiel, federführend produziert vom Österreichischen Rundfunk, wurde, abgesehen vom ORF-Tonmeister Martin Leitner, ausschließlich von Frauen geschrieben, betreut und hergestellt, von der Autorin über die beiden Dramaturginnen (Elisabeth Zimmermann/ORF und Katarina Agathos/BR) bis hin zum rein weiblich besetzten Ensemble. Das wurde in Frankfurt allerdings nicht weiter thematisiert. Man ließ damit eine Diskussion außen vor, die im Hörspieljahr 2019 besonders virulent geworden ist, weil die Hörspielabteilung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) als federführende Ausrichterin der ARD-Hörspieltage im November im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) unter dem Motto „Frauen im Ausschnitt: Wie weiblich ist der Kulturbetrieb?“ einen Thementag veranstaltete, auf dem die sogenannten „Karlsruher Postulate“ verabschiedet wurden. Nach redaktioneller Überarbeitung sind sie am 26. November, gut zwei Wochen nach Ende der Hörspieltage, auf der Website des WDR veröffentlicht worden und außerdem auf den Seiten von Bayerischem Rundfunk, Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und Deutschlandfunk (DLF) abrufbar.

Die Postulate der feministischen Initiative gliedern sich in zwei Teile, der eine steht unter dem Titel „Wir fordern“, der andere unter dem Titel „Wir verpflichten uns“. Eine der Forderungen ist die nach „geschlechtergerechter Sprache in allen Texten“. Im sprachsensiblen feministischen Diskurs ist es Konsens, dass alles, was nicht ausdrücklich benannt ist, unsichtbar gemacht und verdrängt wird. „Mitgemeint“ werden kann demnach also prinzipiell gar nichts. Zu Ende gedacht heißt das, dass Gesellschaft im Prinzip nur dann „gerecht“ repräsentiert werden kann, wenn man sie im Maßstab 1:1 abbildet. Eine Abstraktionsleistung, wie es das generische Maskulinum in der Grammatik ist, wird abgelehnt. Deshalb behilft man sich mit großen Binnen-Is, Tiefstrichen (dem sogenannten „Gender_Gap“) oder dem Asterisk als Gender*sternchen zur inklusiven Repräsentation.

Eine Forderung – so steht es in den „Karlsruher Postulaten“ geschrieben – lautet: „Mindestens 50 Prozent reine Frauen*jurys in den nächsten 25 Jahren“. Die Formulierung hier wird umso rätselhafter, je länger man sie ansieht. Wofür steht das Gendersternchen in „Frauen*jurys“ und wofür nicht? Möglicherweise für geschlechtlich sich nicht binär verstehende Frauen? Jedenfalls wohl nicht für Träger des xy-Chromosoms. So exkludiert man mit einem eigentlich für Inklusion vorgesehenen Symbol. Und was bedeutet hier „reine Frauen*jurys“? Ausschließlich weibliche? Über das Verhältnis von Reinheit, Ausschließlichkeit und Inklusion denkt man besser gar nicht erst nach. Wie immer bei ideologisch überdeterminierten Sätzen geht es nicht um logische Konsistenz, sondern darum, das Wir und die Anderen zu definieren. Wir sind die, die verstehen, was eigentlich gemeint ist.

Behauptete und besternte Inklusion

Es lohnt also ein Blick darauf, wessen Gender in den „Karlsruher Postulaten“ ausdrücklich markiert wird und wer aus dem Raster der behaupteten und besternten Inklusion herausfällt Da wird gefordert: „Gleicher Lohn und gleiche Honorare für gleiche Arbeit für Künstlerinnen und weibliche Beschäftigte“, was ja nur heißen kann, dass weibliche Beschäftigte für die gleiche Arbeit das gleiche Honorar bekommen sollen wie Künstlerinnen – nicht etwa so viel wie männliche Beschäftige und Künstler.

Ebenfalls nicht gegendert wird im Selbstverpflichtungsabschnitt der „Karlsruher Postulate“. „Wir verpflichten uns“, heißt es da unter anderem, „Teamleistungen in der Außenwahrnehmung zu stärken, statt den Mythos des genialen Einzelkämpfers zu untermauern“. Wieder ist klar markiert, wer der Gegner ist. Geniale Einzelkämpferinnen sind offensichtlich nicht mitgemeint.

Was der genannte Verpflichtungssatz zu bedeuten hat, hat WDR-Hörspielchefin Martina Müller-Wallraf in einem Interview im Hörspielmagazin des Deutschlandfunks vom 3. März 2020 konkretisiert: „Alles, was wir jetzt einkaufen zur Produktion als Hörspiel, ist ab sofort paritätisch, das heißt, jeder Mann als Autor erfordert eine andere Produktion mit einer Frau als Autorin. […] Das heißt, dass man Autoren, mit denen man vielleicht schon seit zehn Jahren zusammenarbeitet, mal anbieten muss: ‘Hast du schon mal darüber nachgedacht, das mit einer Frau zusammen zu machen?’“ Und später ergänzt sie noch: „Zu meinem redaktionellen Verhalten gehört es schon inzwischen dazu, dass ich auch die Frage stelle: ‘Ist das wirklich ein Mann oder ist diese Rolle vielleicht umschreibbar auf eine Frau?’“

So arg scheinen sich patriarchalischer und matriarchalischer Führungsstil nicht zu unterscheiden. Wer zahlt, bestimmt die Musik und auch, wer an die Kandare genommen werden soll. Hier ist es das einzelkämpferische Autor-Genie, dem die Dramaturgie ein Angebot macht, dass er nicht ablehnen kann – wenn er denn sein Hörspiel beim WDR machen will. Zum halben Honorar, denn die andere Hälfte bekommt die gegebenenfalls zu engagierende Koautorin. Seine künstlerische Autonomie darf das Autor-Genie vorher an der Garderobe abgeben.

„Der Amazonenclub“ beim WDR

Eine andere auffällige Leerstelle in den „Karlsruher Postulaten“ kann man im Forderungskatalog lesen: „Spitzenpositionen / Moderationen / Interview- und Gesprächsrollen / Sendeminuten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk paritätisch besetzen und verteilen, gemäß der paritätisch bezahlten Beiträge“. Ausdrücklich nicht gefordert wird die paritätische Besetzung von Redaktionen und Dramaturgien, obwohl man das in der sicheren Erwartung, dass es nie dazu kommen wird, locker hätte tun können. Denn öffentlich-rechtlich bestallte Dramaturginnen und Dramaturgen sind durch ihre eigenen Produktionsetats des prekären Projekt- und Förderungsantragswesens des Kulturbetriebs enthoben – und das ist auch gut so.

Bis die gegenwärtige Dramaturginnengeneration in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren verrentet wird, wird sich also nur wenig an der Besetzung der Dramaturgien ändern – und die ist alles andere als divers oder wenigstens paritätisch. Schon heute sind in den meisten Dramaturgien die Frauen in der Überzahl. Bei WDR, BR, Saarländischem Rundfunk (SR) und DLF (Köln) liegt die Quote der Festangestellten bei komplett unparitätischen 100 Prozent. Zusätzlich werden die Hörspielabteilungen beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) und Hessischen Rundfunk (HR) von Frauen geleitet. In den restlichen ARD-Landesrundfunkanstalten und bei Deutschlandfunk Kultur (Berlin) liegt der Frauenanteil bei den Festangestellten im Hörspielbereich zwischen 50 und 80 Prozent. Nur beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und bei Radio Bremen, der kleinsten ARD-Anstalt, sieht es anders aus. Wenn es nur noch eine oder anderthalb feste Stellen gibt, wird das mit der Parität im Übrigen schwierig.

Gesellschaftspolitisch statt hörspielästhetisch

Wenn sich die homogene, feministisch engagierte Hörspieldramaturgie des WDR, die sich ironisch „Der Amazonenclub“ nennt, selbstverpflichtet, den Anteil von Autoren und Regisseuren bei Neuproduktionen ebenso wie bei Übernahmen und Wiederholungen von gegenwärtig etwa 80 Prozent auf 50 Prozent zu reduzieren, dann verfolgt man damit keine hörspielästhetische, sondern eine gesellschaftspolitische Agenda. Die Konsequenzen daraus konnte man bei der Jury-Besetzung der ARD-Hörspieltage 2019 in Karlsruhe beobachten. Anders als jede andere Kunstform hat das Hörspiel das Privileg, sich seine Kritiker selbst aussuchen zu können. Es gibt halt nicht so viele. Anstatt aber einschlägig zum Hörspiel publizierende Frauen für eine ausschließlich weiblich zu besetzende Jury auch nur anzufragen, hat man sich eine Religionspädagogin, eine Musikberaterin, eine Filmschauspielerin und -regisseurin, noch eine Schauspielerin und eine Radioautorin eingeladen.

Dass die meisten dieser Jurorinnen weder über eine hörspielästhetische Vorbildung verfügten noch andere Werke der nominierten Autoren kannten, war eine Missachtung all derer, die sich um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Werken gebracht sahen. Man stelle sich so eine Besetzung beispielsweise beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt vor; das Feuilleton würde sie in der Luft zerreißen. (Offenlegung: Der Autor dieser Zeilen war selbst mehrfach Juror bei den ARD-Hörspieltagen.)

Wie man hört, haben neben dem WDR auch BR und Deutschlandfunk Kultur signalisiert, die Umsetzung der „Karlsruher Postulate“ anzugehen und den Fokus der eigenen Arbeit mehr auf Frauenförderung auszurichten. Da empfiehlt sich ein Blick auf den Stand der Dinge: Von Susanne Amatosero über Elfriede Jelinek bis Juli Zeh kann man das Alphabet durchgehen und wird bei jedem Buchstaben auf ausgezeichnete Autorinnen treffen. Von Susann Maria Hempel über Sybille Berg bis Friederike Mayröcker sind auch alle Generationen vertreten und mit großen Hörspielpreisen bedacht worden.

Möglicherweise ist die Genderzugehörigkeit weit weniger relevant oder hinderlich für die Produktion herausragender akustischer Kunstwerke, als es das feministische Opfernarrativ behauptet. Gerade das Hörspiel ist, schon aufgrund seiner Kostenstruktur (eine Minute Fernseh-„Tatort“-Kosten = ein Stunde Hörspiel) viel offener und durchlässiger für das sogenannte „weibliche Schreiben“ als Film oder Fernsehen. Bei der Podiumsdiskussion anlässlich des Thementags der ARD-Hörspieltage 2019 sagte Stefanie Lohaus, eine der Gründerinnen des feministischen „Missy Magazines“: „Vielleicht wäre ich eine Hörspielautorin geworden, unter anderem, aber mich hat niemand gefragt.“ Beim WDR und bei einigen anderen ARD-Anstalten wird jetzt verstärkt nachgefragt.

15.04.2020/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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