Den Wesenskern nicht erfasst: Eine Nachbetrachtung zum ARD-Film „Goldjungs“ über den Kölner Herstatt-Skandal

05.05.2021 •

Im Dezember 2019 lief die filmische Farce „Der König von Köln“ (ARD/WDR) im Ersten, es ging darin um die Immobiliengeschäfte der Kölner Privatbank Oppenheim (vgl. MK-Kritik). Der von der Firma Zeitsprung Pictures produzierte Film bekam viel positive Aufmerksamkeit und hatte mit 3,8 Mio Zuschauern auch eine gute Einschaltquote (Marktanteil: 12,6 Prozent). Vielleicht hat sich daraufhin in der Produktionsfirma jemand gedacht, dass man das doch einfach fortsetzen könne. Harrte doch eine weitere Bankengeschichte aus Köln der filmischen Bearbeitung, die noch wilder erschien als der Deal, den Teile der Stadtverwaltung, viele Honoratioren der Domstadt, ein ebenso cleverer wie windiger Bauunternehmer und das Bankhaus Sal. Oppenheim um 2005 geplant und umgesetzt hatten.

Diese zweite Bankengeschichte ereignete sich im Sommer 1974 und sollte auf Tage die Stadt Köln erschüttern, denn mit der Herstatt-Bank ging ein seit 1955 in der Stadt verwurzeltes Geldunternehmen in Konkurs. Ursache waren Devisentermingeschäfte der Bank, mit denen sie zunächst die minimale Rendite aus dem klassischen Geschäft aus Geldanlagen und Krediten zu großen Gewinnen gesteigert hatte. Am Tag, als die Bank ihre Filialen schloss und viele derer, die bei ihr Spar- und Girokonten unterhielten, um ihr Geld bangten, stand die Stadt Köln still. Es war der 27. Juni 1974.

Es ist eine Geschichte, die in umfangreichen journalistischen Artikeln recherchiert wurde, die in mehreren Prozessen straf- und arbeitsrechtlich ausgeleuchtet und später in manchen Büchern bilanziert wurde. Zugleich eine Geschichte, die mit allem verbunden ist, was man als Kölner Klüngel bezeichnen muss. Der Namensgeber der Bank, Iwan D. Herstatt, war nicht ihr Besitzer, sondern nur ihr Gesicht, das er für den Mann im Hintergrund zeigte, den Versicherungsunternehmer Hans Gerling, der in den 1950er Jahren in der Kölner Innenstadt ein ganzes Viertel nach den Plänen des Nazi-Bildhauers Arno Breker gestalten ließ. So wenig Herstatt in der Bank seines Namens das Sagen hatte, so herausgehoben agierte er in der Kölner Öffentlichkeit als Patron, dem vor allem – natürlich – das karnevalistische Treiben am Herzen lag, was sich in vielen Konten der diversen Karnevalsvereine bei seiner Bank niederschlug. Selbstverständlich unterhielt auch die Stadtverwaltung enge Geschäftsbeziehungen zur Bank, die dann überdies noch mit so manchen Großunternehmen der Region verbandelt war.

Also Stoff genug für eine neue Farce, die das kölsche Milieu ebenso wunderbar darstellt wie einst „Der König von Köln“? Leider nein. Der am 5. Mai um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlte Film „Goldjungs“ (ARD/WDR/Degeto), den Zeitsprung Pictures diesmal zusammen mit der Firma G5 Fiction realisierte, erreicht das Niveau der vorhergehenden Produktion nicht, weil er den Wesenskern des Skandals nicht erfasst. Die Herstatt-Bank war nur dank der Devisengeschäfte, die erst seit Anfang der 1970er Jahre möglich wurden, zu einem erfolgreichen Unternehmen geworden. Es war der schlichte Größenwahn, der Iwan Herstatt, seine leitenden Mitarbeiter und den Großaktionär Hans Gerling die Devisenabteilung der Bank schalten und walten ließ, selbst dann noch, als ein Mitarbeiter der Revisionsabteilung angesichts von enormen Verlusten Alarm schlug. Doch diesen Größenwahn, der aus der großbürgerlichen Mitte der Kölner Gesellschaft entsprang, thematisierte der Film nur am Rande, indem er vollkommen nebensächliche Absonderlichkeiten des Verhaltens bei Herstatt (Waldemar Kobus) und Gerling (Martin Brambach) stilisierte. Während Kobus den Banker als jovialen Rheinländer anlegte, der vom Geldgeschäft angeblich nichts verstand, spielte ein sichtlich unterforderter Brambach den Versicherungsmagnaten als einen autoritären Sonderling, der sich nicht für die ihm weitgehend gehörende Bank interessierte.

Der Film beschäftigte sich leider weniger mit den beiden Unternehmern als mit denjenigen, die denn auch im Titel „Goldjungs“ erwähnt werden: So wurden damals die Devisenhändler in der Herstatt-Bank genannt, die den neuen Eigengeschäftszweig der Bank nicht nur entdeckt, sondern zu einer Art Gelddruckmaschine ausgebaut hatten. In den filmisch schönsten Szenen der Produktion (Regie: Christoph Schnee) sieht man diese Truppe junger Männer mit ihren Sportwagen durch die Stadt fahren und in einer Edel-Diskothek – die so edel dann im Film doch nicht aussah – ihre Erfolge feierte. Diese netten Szenen mit ein wenig Sex and Drugs and Rock’n’Roll und vielen bunten Kostümen konnten aber über die müden Passagen, in denen umständlich die Arbeit des Innenrevisors oder später eines Bankenkontrolleurs geschildert wurde, nicht hinwegtäuschen.

Auch der Idee, die Geschichte dieses Bankenskandals (Drehbuch: Eva Zahn und Volker A. Zahn) aus der Perspektive einer jungen Frau (Michelle Barthel) zu erzählen, die ihre erste Stelle als Sekretärin gleich beim Vorstand der Herstatt-Bank, Baron von Broustin (Ulrich Friedrich Brandhoff), antritt, um später gar zur rechten Hand von Iwan Herstatt aufzusteigen, merkte man die Notwendigkeit an, die komplexe Bankengeschichte aus einer volkstümlichen Perspektive zu schildern. Doch den Wandel von der unscheinbaren Stenotypistin zu einer Frau, die von der Spekulationswelle der Bank auch persönlich erfasst wird, nahm man der Figur nicht ab. So erwies sich das gesamte Personal des Films als eine Mischung von Karikaturen und Handlangern einer nicht gerade einfachen Erzählung.

Dass man den Bankenskandal von Herstatt als eine Blaupause für nachfolgende lesen kann, dass sich in den Devisenspekulationen dieser Kölner Privatbank bereits die Derivategeschäfte der 2008 zusammengebrochenen New Yorker Investmentbank Lehman Brothers andeuten, dass sich in den Bilanztricksereien, mit denen Herstatt und Konsorten die Schieflage ihres Hauses zu kaschieren trachteten, bereits die Luftbuchungen und imaginären Konten des 2020 pleite gegangenen Wirecard-Konzerns abzeichnen, auf solche Gedanken konnte man bei diesem Film nicht kommen.

So blieb der „Goldjungs“-Film (4,83 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,5 Prozent) eine nette Abendunterhaltung. Anders als bei „Der König von Köln“ fehlte es an erzählerischer Substanz, filmischen Mitteln und schauspielerischen Glanzleistungen. Vertan, verschenkt. Schade.

05.05.2021 – Dietrich Leder/MK

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