Ralf Husmann/Richard Huber: Der König von Köln (ARD/WDR) / Ingolf Gritschneder/Georg Wellmann: Der Milliarden-Maurer vom Rhein. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/WDR)

Klüngel, Korruption und Karneval

19.12.2019 •

Um es gleich vorneweg zu sagen: Der Fernsehfilm „Der König von Köln“, den der WDR fürs Erste Programm der ARD produzieren ließ, war eine böse Farce. Eine finstere Komödie, die keine Idee ausließ, mit der man Lachen provozieren kann – von klassischen Szenen, wie man sie aus Slapstick-Filmen kennt, über Momente des Boulevardtheaters bis hin zu Klischeefiguren, die im Kasperletheater verwendet werden. Ausdifferenziert im Sinne einer Gesellschaftssatire war das nur selten; stattdessen wurde dem Affen Zucker gegeben, sobald sich nur die szenische Gelegenheit dazu bot.

Wer das kritisiert, hat allerdings Pech. Zum einen enthält die reale Geschichte, die der Film als Farce nacherzählt, noch viel mehr Kolportage-Elemente, die Drehbuchautor Ralf Husmann gar nicht alle in den Film einbauen konnte. Die Farce ist somit realistischer, als es eine ausdifferenzierte Darstellung je vermocht hätte. Zum anderen ist ein Zentrum der filmischen Erzählung der Kölner Karneval, in dem all die Fäden gesetzt werden, an denen später so erfolgreich gezogen wird – und dieser Karneval ist ernsthaft gar nicht darstellbar, es sei denn als Tragödie. Konsequent also, dass alle nur erdenklichen Karnevalslieder den Soundtrack abgaben und dass jedes von ihnen mit einer Textzeile jeweils einen Punkt der Geschichte traf.

Der 90-minütige Film „Der König von Köln“ (Produktion: Zeitsprung Pictures in Zusammenarbeit mit Dreamtool Entertainment) folgt den Ereignissen, wie sie sich in der Rheinmetropole in den frühen 2000er Jahren abspielten. Ein Bauunternehmer, eine Privatbank und eine Reihe von Großinvestoren ziehen die Stadt Köln beim Bau von dringend benötigten Messehallen über den Tisch. Der Bauauftrag wurde von der Stadt ohne Ausschreibung an die Firma des ausgesuchten Bauunternehmers vergeben und zugleich mit einer Mietgarantie für die Hallen versehen. Durch weiche Nebenkosten, die bis zu 40 Prozent der Gesamtkosten ausmachten, wurde der Bau überproportional teuer, was wiederum zu überteuren Mieten führte und den Fonds der Investoren hohe Renditen garantierte.

Nach den mittlerweile abgeschlossenen Gerichtsverfahren zu dem Komplex war bei der Durchsetzung dieses grundsätzlich illegalen Verfahrens Korruption im Spiel. 2005 wurde das durch die WDR-Dokumentation „Milliarden-Monopoly – Die verschwiegenen Geschäfte der Oppenheim-Esch-Holding“ öffentlich (der Beitrag wurde am 4. Juli 2005 im Dritten Programm WDR Fernsehen ausgestrahlt). Vier Jahre später, als die Beteiligten sich an einem Dax-Konzern überhoben, krachte die Privatbank in sich zusammen. Es kam zu Prozessen, an deren Ende Bewährungs- und hohe Geldstrafen standen.

Im Film heißen die handelnden Figuren ziemlich ähnlich wie die tatsächlichen, so dass jeder, der sich für die Geschichte interessiert, durch eine kurze Internet-Recherche herausbekommen kann, wer sich hinter dem Polier und Oberstrippenzieher Josef Asch (dargestellt von Rainer Bock), dem etwas tumben Privatbanker Alfred von Hoppenheim (Ernst Stötzner), dem windigen Manager Tom Middeldorf (Jörg Hartmann) oder der dümmlichen Investorin Valerie Dickeschanz (Judith Engel) verbirgt. Fiktiv sind die Figuren auf Seiten der Stadt – der Bauamtsleiter Lothar Stüssgen (Joachim Król) und sein Nachfolger Andrea Di Carlo (Serkan Kaya). Ein ehemaliger (und mittlerweile verstorbener) Oberstadtdirektor, der in den 1990er Jahren bei anderen Bauvorhaben der Stadt dieses Geschäftsmodell tatkräftig gefördert hatte und der am Ende seiner Dienstzeit sofort in die Unternehmensgruppe des Bauunternehmers wechselte, kam im Film nicht vor.

Stattdessen wird die Geschichte aus der Perspektive des fiktiven Protagonisten Andrea Di Carlo erzählt, der Schritt für Schritt in die Machenschaften einbezogen wird, dem der Bauunternehmer in privaten Dingen hilft, ihn bald mit Geld beschenkt, um ihn am Ende zu erpressen, wenn er nicht spurt. Das ist clever konstruiert und ermöglicht dem Film (3,76 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,6 Prozent), selbst komplizierte Zusammenhänge der Vertragsgestaltung und der politischen Intrige nachvollziehbar zu erzählen.

Es dominieren aber – wie dargelegt – die derb-komischen Szenen, in denen die Schauspieler unter der Regie von Richard Huber stets an der Rampe agieren. Joachim Król gibt sich alle Mühe, Kölsch zu sprechen, was man dem aus dem Ruhrgebiet stammenden, aber seit vielen Jahren in Köln lebenden Schauspieler bis auf wenige Ausnahmen auch abnimmt. Jörg Hartmann gibt einen stets mit Anglizismen vor sich hinplappernden Manager, dem man eine Karriere in einem Weltkonzern nicht ganz abnimmt. Ernst Stötzner legt den Banker als betrogenen Betrüger an, der das Spiel, das der Bauunternehmer treibt, nicht begreift, aber angesichts der Rendite umso begeisterter mitspielt. Und Judith Engel spielt eine introvertierte Investorin, der mehr an ihrer Puppensammlung als an ihren Unternehmen liegt.

Zurückgenommen agierte nur Rainer Bock, der den Bauunternehmer Asch spielt, also den titelgebenden „König von Köln“. Er ist der joviale Mann im Hintergrund, der stets zur Stelle ist, wenn Hilfe gebraucht wird und der sich damit ein Netzwerk aus Abhängigkeiten verschafft, mit dem er seine Deals durchsetzen kann. Zur passenden Zeit kann dieser Mann dann auch knallhart sein. Bock spielt die Mischung aus Bonhomie und Gewalt so, dass man dem eher unscheinbaren Mann abnimmt, dass er eine Privatbank in seine Abhängigkeit brachte.

Serkan Kaya hat die undankbarste Rolle, da seine Figur naiver sein muss, als man es spielen kann. Auch die Wendung zum Helden, der die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entscheidend beschleunigt, nimmt man ihm nicht ganz ab. Ähnlich verhält es sich mit den Szenen, die in einem Kaufhaus des Dax-Konzerns spielen, deren Immobilien sich die Strippenzieher unter den Nagel gerissen haben. Diese Szenen wirken wie ein Alibi dafür, dass der Film sich über die Verhältnisse, unter denen ja reale Menschen wie die Mitarbeiter des Konzerns zu leiden haben, einen solch bösen Witz erlaubt.

Direkt im Anschluss an den Spielfilm zeigte die ARD ab 21.45 Uhr eine halbstündige Dokumentation, in der die realen Hintergründe noch einmal rekonstruiert wurden und man dann auch die Klarnamen der Hauptfiguren aus der fiktiven Produktion erfuhr. So war es ein echter Kölner-Klüngel-Themenabend. Der Film „Der Milliarden-Maurer vom Rhein“ (WDR), gesendet im Rahmen der Reihe „Die Story im Ersten“, stammte von den beiden Reportern Ingolf Gritschneder und Georg Wellmann, die 2005 mit dem gennannten Beitrag „Milliarden-Monopoly – Die verschwiegenen Geschäfte der Oppenheim-Esch-Holding“ ein erstes Licht auf den Skandal geworfen hatten. In der neuen Dokumentation (3,36 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,4 Prozent) bestätigen denn auch die Kölner Staatsanwälte, die in dieser Affäre aktiv wurden und die Anklagen gegen den Bauunternehmer und die Privatbanker erhoben, welch wichtige Rolle dieser damalige Film gespielt hat.

In ihm gab es eine Einstellung, die nun auch im aktuellen Film wiederholt wurde und die man als Sinnbild der ganzen Affäre bezeichnen kann: Man sieht den (realen) Banker neben dem (realen) Bauunternehmer bei der Grundsteinlegung der Messehallen stehen. Gerade wurde in einer Rede die Summe genannt, die der Bau kosten würde, da greift einer der beiden in die Tasche seines feinen Mantels, holt so etwas wie einen Taschenrechner heraus, drückt auf ihm herum und zeigt dann das, was auf dem Display erscheint, dem Nebenmann. Beide beginnen zu lachen. Es hat den Anschein, als lachten beide darüber, welchen großen Gewinn sie aus dem Unternehmen auf Kosten der Stadt Köln und damit ihrer Bewohner ziehen würden.

Die bitterste Pointe der sogenannten weichen Kosten, die die beiden der Stadt aufdrückten, war der Posten für die Gewinnung eines Mieters der Messehallen, der ja von Anbeginn feststand: die städtische Messegesellschaft. Für die Gewinnung dieses Mieters stellte man der Stadt mehrere Millionen Euro in Rechnung. Und die zahlte das tatsächlich aus.

19.12.2019 – Dietrich Leder/MK