Sebastian Büttner: Der Putsch. Teil Drei – Kanzlerdämmerung (WDR 3/WDR 1Live)

Wenn das Bier alle ist

21.09.2020 •

Jetzt ist er auch noch Kanzler geworden. Nachdem der gescheiterte Wurstfabrikant Jens Markowitz 2016 in „Der Putsch. Ein Hörspiel aus Bottrop“ noch Oberbürgermeister werden wollte, um ungehindert dafür sorgen zu können, dass seine neue „vollautomatische Wurstfabrik“ auf einem Gelände gebaut werden darf, das angeblich von der Firma Kryssen-Tupp durch Entsorgung chemischer Abfälle verseucht wurde (vgl. MK 9/16), ist er 2018 im Hörspiel „Der Putsch. Teil Zwei“ von der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles zum Kanzlerkandidaten gemacht worden. Im aktuellen dritten Teil der jeweils von WDR 3 und WDR 1Live ausgestrahlten „Putsch“-Serie – die Folge trägt den Untertitel „Kanzlerdämmerung“ – hat er den Job nun, lässt ihn aber von einem Superminister erledigen, während Kanzler Markowitz selbst im Homeoffice auf seiner Alpaka-Ranch im bolivianischen Dschungel sitzt.

Jens Markowitz wird gespielt vom Sänger der Bochumer Fun-Punk-Band „Die Kassierer“, Wolfgang „Wölfi“ Wendland. Der kandidierte im Jahr 2015 für den Oberbürgermeisterposten der Stadt Bochum, nachdem er 2005 als Kanzlerkandidat der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschlands (APPD) bei der Bundestagswahl gescheitert war – einer der nicht allzu häufigen Fälle, dass der Schauspieler interessanter ist als die Figur, die er spielt.

Im dritten Teil von Sebastian Büttners Politsatire kommt wieder alles vor, was sonst seinen Platz in der Wortspielhölle hat: eine Fernseh-Talkshow namens „Kraischberger“, die Jugendbewegung „Friedas for Future“ und das Verschwörungstheorie-Portal „Naidu FM“. Schon nach den ersten Minuten des knapp 55-minütigen Hörspiels ist klar, welches Register auf der Orgel des Humors hier gezogen wird. Nämlich das, bei dem es das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist. Die Anspielung auf den größten Hit der „Kassierer“ zieht sich als Running-Gag durch das ganze Hörspiel. In der Tat mögen ein bis zwei Bierchen im Vorfeld den Rezeptionsgenuss des Hörspiels empfindlich steigern.

Worum geht es? Nachdem Markowitz in „Der Putsch. Teil Zwei“ noch glücklich einem Attentat der SPD-Parteiführung entgangen ist, ist er als Kanzler der Bundesrepublik Deutschland erst dann richtig gefordert, als sein Superminister Stefan Holtbrinck (Patrick Joswig) die Brocken hinschmeißt. Gut, dass da gleich IT-Unternehmer Hasso Hepp (Robert Dölle) zur Stelle ist und Markowitz mit einer Künstlichen Intelligenz ausstattet. Dieser ‘Governance Bot’ sorgt dann dafür, dass Deutschland vom Joch der Arbeit befreit wird. Alle Arbeiten werden von Maschinen erledigt und jeder Mensch bekommt ein Grundeinkommen von 2500 Euro (netto). Natürlich entpuppt sich das alles als ein fieser Coup der Regierung von China, die ganz Deutschland übernehmen will.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Folgen der Serie, in der Jens Markowitz noch eine gewisse Bauernschläue gerettet hat, ist er in der „Kanzlerdämmerung“ nur noch ein tumber Tor, der hilflos durch die Handlung stolpert. „Ein Wunder, dass noch niemand eine Comedy-Serie über Sie gemacht hat – oder wenigstens ein Hörspiel“, lässt Autor Sebastian Büttner Hasso Hepp sagen – auch die metafiktionale Selbstironie kommt hier eher grob daher.

Moralisch korrekten Einwänden, durch genretypische Übertreibungen, das klischierte Figuren-Ensemble, allzu naheliegende Wort- und Namenswitze und die hanebüchene Handlung werde Politikverdrossenheit nur noch befördert, kann man entgegnen, dass das Komische kein funktionaler Bestandteil des Pädagogischen ist. Die Frage ist vielmehr: Ist es wirklich witzig, was Autor Sebastian Büttner, Regisseur Matthias Kapohl und das Schauspiel-Ensemble hier geschaffen haben? Und sind die beiden ersten Folgen aus den Jahren 2016 und 2018 eigentlich gut gealtert?

Alle bisherigen Folgen der Comedy-Serie „Der Putsch“ sind Dokumente eines auf eine einvernehmliche Selbstbestätigung zwischen Akteuren und Publikum ausgerichteten Kabarettismus. Man ist sich einig, was so schiefläuft in der Welt. Jahre später erinnert man sich daran, worüber man damals gelacht hat und was man zwischenzeitlich längst vergessen hatte.

Um sich länger ins Gedächtnis einzuprägen, hätte es entweder ein paar Umdrehungen Irrsinn mehr gebraucht oder eine genauere Figurenzeichnung (wahrscheinlich beides) und zusätzlich einen Wechsel des komischen Registers. Denn die gegenwärtigen Verhältnisse komisch überbieten zu wollen, dürfte immer schwerfallen. Falls es in zwei Jahren eine weitere Folge der „Putsch“-Serie geben sollte, wird man – wie schon heute – an die vorherigen Folgen mit nostalgischer Wehmut zurückdenken: Das war sie, die gute alte Zeit, als flache Witze noch geholfen haben, wenn das Bier alle war.

21.09.2020 – Jochen Meißner/MK

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