Sebastian Büttner: Der Putsch. Ein Hörspiel aus Bottrop (WDR 3/WDR 1Live)

Hörenswerte Satire

29.04.2016 •

Der 1976 in Mettmann bei Düsseldorf geborene Sebastian Büttner ist im Radio bereits als Koautor des Multimedia-Projekts „Alpha 0.7 – Der Feind in dir“ (SWR; vgl. FK-Heft Nr. 2/11) und des Stücks „Heroin – ein Hörspiel“ (WDR 2013) in Erscheinung getreten. Mit der politischen Komödie „Der Putsch. Ein Hörspiel aus Bottrop“ hat er nun sein erstes eigenes Hörspiel vorgelegt; Regie bei dem für den WDR produzierten Stück führte Oliver Salkic (Redaktion: Natalie Szallies). Eine tragende Rolle bei der Entstehung von „Der Putsch“ spielte die 1985 gegründete Punkband „Die Kassierer“. Sie steuerte nicht nur den musikalischen Part zu dieser Hörfunkarbeit bei, ihr Sänger Wolfgang Wendland stand mit seinem politischen Engagement sogar Pate für die von Büttner entworfene Hauptfigur, den Wurstfabrikanten Jens Markowitz, und er gibt ihm auch seine Stimme.

Auf Bundesebene war Wolfgang Wendland etwa für die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands vor deren Aufspaltung aktiv. 2009 zog Wendland als parteiloser Kandidat für die Linkspartei in die Bezirksvertretung Bochum-Wattenscheid ein. Er war bis 2014 Mitglied der Bezirksvertretung und engagierte sich dort schwerpunktmäßig für die Jugendarbeit. Bei den Wahlen für das Amt des Oberbürgermeisters von Bochum im September 2015 trat Wendland als unabhängiger Kandidat an und konnte mit rund acht Prozent der abgegebenen Stimmen einen beachtlichen vierten Platz erreichen.

Im Hörspiel „Der Putsch“ sind diese realen Parameter, die den Hintergrund für das Stück bilden, nun verändert worden. Jens Markowitz, Erbe der Westwurst KG, sieht seine Pläne zur Errichtung einer vollautomatischen Wurstfabrik in Bottrop in Gefahr. Das Grundstück, das er vom Unternehmen Kryssen-Tupp erworben hat, ist angeblich mit Giften belastet und kann erst einmal nicht bebaut werden. So schickt sich Markowitz an, Bottrops Oberbürgermeister zu werden, um als neuer Amtsträger endlich die Macht zu haben, seine Westwurst KG um die hochmoderne neue Tierverarbeitungsanlage erweitern zu können.

Zu diesem Zweck gründet er kurzerhand eine eigene Partei, die Alternative für Bottrop. Um die Wahl auch ganz sicher zu gewinnen, wird Markowitz vom Marketingchef der Westwurst KG (Patrick Joswig) auf die Idee gebracht, Obdachlose aus ganz Deutschland auf seinem Gelände anzumelden, mit Freibier und Currywurst ihre Stimmen zu kaufen und sich dadurch gleichsam putschartig zum Oberbürgermeister wählen zu lassen. Seine Gegenspielerin ist Amtsinhaberin Bettina Bott (Dagmar Geppert), die Bottrop zur „Innovation City“ und grünsten Stadt Europas machen will. Ihr kapitalkräftiger Bündnispartner ist dabei die Firma Solar Raider, die vor Ort ein Werk für sonnenstromgespeiste Einpersonenfahrzeuge plant. Das Glück scheint zwar zunächst auf der Seite von Markowitz zu sein, der bei der Wahl die Stimmenmehrheit erhält. Doch dann erklärt ein Vertreter des Ordnungsamts die per Briefwahl abgegebenen Stimmen der 70.000 Obdachlosen aufgrund deren zweifelhafter Meldesituation auf dem ruhenden Industriegelände für ungültig.

Dass die autoritäre Bettina Bott, obwohl nun sie die Wahlsiegerin ist, doch nicht ihre nächste Amtszeit als Oberbürgermeisterin antreten kann, liegt an ihrem Mann, dem Klimaforscher Manfred Bott (Rolf Berg). Als der erfährt, dass Solar Raider in die Modelle der Miniflitzer normale Rasenmähermotoren eingebaut hat und die Solarmotoren erst entwickelt werden sollen, wenn die beantragten Fördergelder fließen, wendet er sich gegen seine Frau. Der Verrat wird ihm leicht gemacht: Als er Markowitz begegnet, schlägt ihm Manfred Bott vor, seine Frau Bettina mit einer vorgetäuschten Entführung seiner selbst zum Verzicht auf eine zweite Amtsperiode zu bewegen und eine Neuwahl auszurufen. Die Erpressung gelingt, was die Neuwahl bringt, lässt das Stück aber offen.

Erzählerisch eingerahmt werden die Ereignisse rund um diese OB-Wahl durch den Barbetreiber Peter (Stephan Schleep), einen Jugendfreund von Jens Markowitz. Der eigentlich gemischte Charakter des Unternehmers Markowitz bekommt auf diese Weise ein paar Sympathiepunkte extra. Spielerisch und satirisch wird in dem Hörspiel neben der fiktionalen Umsetzung von Wendlands Politkarriere auch der Bezug zur aktuellen politischen Parteienlandschaft gesucht. Markowitz erfüllt also nicht nur die Funktion eines Alter Egos von Wolfgang Wendland, sondern verkörpert auch den Typ des modernen Populisten und führt ihn vor. Dieser in der Rolle angelegte heikle Spagat wird in dem Stück gut ausgeführt. Die energiegeladene Gitarrenmusik der „Kassierer“ mit ihren von Kohlenpott-Lokalkolorit durchsetzten Songs verleiht dem 55-minütigen Hörspiel Dynamik. Alles zusammen ergibt trotz kleinerer inhaltlicher Ungereimtheiten eine lebendige, hörenswerte Satire zur aktuellen gesellschaftlichen Lage.

29.04.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 21/2020

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