RBB-Produktion „Zauderwut“ ist Hörspiel des Monats Dezember

12.01.2021 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Zauderwut“ von Bettie I. Alfred zum Hörspiel des Monats Dezember gewählt. Es handelt sich bei dem Stück um eine Autorenproduktion im Auftrag des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), Bettie I. Alfred führte dabei auch die Regie. Erstausgestrahlt wurde das 52-minütige Hörspiel am 18. Dezember vorigen Jahres im Programm RBB Kultur (vgl. MK-Kritik). Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury der Akademie:

«Ihr ganzes Leben lang zaudert Lissy. Schon früh lernt die ungewöhnlich kleine Frau, dass das Leben hart ist: Ihre Mutter verlässt die Familie, als Lissy noch ein Kind ist, der Vater landet daraufhin in der Psychiatrie, wo er sein Leben lang Labyrinthe malt und sich nicht mehr daran erinnert, dass er eine Tochter hat. Die Auswirkungen ihrer traurigen Kindheit beschreibt die eigenwillige Protagonistin aus Bettie I. Alfreds Hörstück so: „Nun als Erwachsene hatte ich also eine Art die Realität so zu sehen, wie sie war. Gnadenlos. Dies führte dazu, dass ich zauderte. Immerzu zauderte.“ Die einzige Möglichkeit für Lissy, mit ihrer Handlungs- und Entscheidungsunfähigkeit umzugehen, ist die künstlerische Auseinandersetzung.

Mit minimalistischen Mitteln macht das Stück Lissys Zaudern hörbar und legt zugleich den künstlerischen Schaffensprozess einer Hörspielproduktion offen. Lissy rekapituliert, protokolliert und erinnert sich an Ereignisse aus ihrer Vergangenheit, die mit der Gegenwart verschwimmen. Durch stilistische Kniffe wie Loops und Sprachaufnahmen, in denen Lissy laut an Sätzen feilt, die sie anschließend aufschreibt, entfaltet „Zauderwut“ eine wehmütige Komik des Scheiterns. Das Hörspiel verbindet charmant und gekonnt leise Melancholie und schrägen Humor, die durch die markanten Stimmen von Jens Harzer als Lissys Ehemann und Leopold von Verschuer als Vater getragen werden, aber auch durch den besonderen Charme der von der Autorin selbst gesprochenen Teile.

Mit „Zauderwut“ kürt die Jury eine im Heimstudio der Autorin entstandene Arbeit zum Hörspiel des Monats, die sich zum Teil auch augenzwinkernd mit den Standards und Ritualen des Mediums Radio bzw. Hörspiel auseinandersetzt. Stücke wie „Zauderwut“ repräsentieren einen wichtigen Aspekt der großen Vielfalt, die das Medium Hörspiel ausmacht – einen Aspekt, den der RBB mit der Sendung von Bettie I. Alfreds Stück auf hohem künstlerischem Niveau präsentiert.»

Lob für BR-Hörspiel „Meine geniale Freundin“

Im Monat Dezember bedachte die Jury zudem ein Hörspiel mit einer lobenden Erwähnung. Sie ging an die vom Bayerischen Rundfunk (BR) „aufwendig produzierte erste deutschsprachige Hörspieladaption von Elena Ferrantes Bestseller ‘Meine geniale Freundin’“, die, so die Jury, durch „eine große literarische Nähe zu Ferrantes Erfolgsroman“ beeindrucke wie auch durch herausragende Sprecherinnen und Sprecher. Insbesondere Rosalie Thomass als Lenù und Enea Boschen als Lila, die Sprecherinnen der beiden Hauptrollen, werden genannt. Hervorzuheben sei vor allem auch, schrieb die Jury weiter, „die gekonnte Inszenierung der Vielschichtigkeit des ersten Bands der neapolitanischen Saga, durch die das Hörspiel dem literarischen Vorbild mehr als gerecht wird“. „Meine geniale Freundin“ – Bearbeitung und Regie: Martin Heindel – wurde vom BR-Kulturprogramm Bayern 2 als Vierteiler ausgestrahlt (am 29.11., 6.12., 13.12. und 20.12.20, jeweils von 15.05 bis 16.00 Uhr) und war bereits am 23. November vom Münchner Hörverlag in einer CD-Edition als Hörbuch veröffentlicht worden.

Alles in allem ist es verwunderlich, dass die Hörspieladaption von „Meine geniale Freundin“ im Wettbewerb Hörspiel des Monats überhaupt dabei war. Ist es nicht so, dass dieser Wettbewerb für Originalhörspiele gedacht ist? Der Bayerische Rundfunk betonte, wie schwierig es gewesen sei, die Rechte für eine Funkbearbeitung des Buchs zu erhalten. Aber bei allem Respekt dafür, dass es gelang, und bei aller Qualität der Realisation dürfte die Hörspielversion eines Bestsellers dennoch nicht als Originalhörspiel zu bezeichnen sein. Vielleicht müsste die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste diesbezüglich einmal ihre Kriterien überdenken. Erst recht in einer Zeit, in der es um die Produktion von Originalhörspielen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern immer schlechter bestellt ist und man sich folglich fragen muss, ob es der richtige Weg ist, in einer solchen Situation eine mit großem Schauspielensemble besetzte Bestselleradaption zu befördern und zu belobigen, die nicht zuletzt für eine Vermarktung als Hörbuch gedacht ist. Verwunderlich auch, dass die Hörspielredaktion des Bayerischen Rundfunks „Meine geniale Freundin“ für den Wettbewerb eingereicht hat. Bayern 2 hat in der Regel ausreichend wirkliche Originalhörspiele in seinem Programm.

12.01.2021 – da/MK

Print-Ausgabe 14-15/2021

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