Bettie I. Alfred: Zauderwut (RBB Kultur)

In missliche Raten gelagen

28.12.2020 •

„Der Vater, bei dem ich alleine aufgewachsen war und der andauernd in missliche Raten gelagen war – Lagen geraten war –, hatte mir als Kind die Augen geöffnet.“ Jeder, der schon mal aus professionellen Gründen in ein Mikrofon gesprochen hat, kennt den Seufzer, den Bettie I. Alfred ausstößt, nachdem sie beim ersten Satz gleich dreimal hintereinander denselben Fehler macht und „in Raten gelagen“ statt „in Lagen geraten“ sagt. Jene Gefühlsmischung aus Scheitern, Resignation und leichter Verzweiflung, die sich aber durch ein paar Klicks auf den Undo-Button im Aufzeichnungsprogramm leicht entfernen lässt. Das war in Zeiten des Magnetbands und der Schreibmaschine noch anders. Was damals gesagt oder geschrieben war, war fixiert und der Aufwand der Korrektur entsprechend groß.

Kein Wunder, dass die Hauptfigur Lissy Heiliger – von der Hörspielautorin und -produzentin Bettie I. Alfred selbst gesprochen – ein gewisses Zögern und Zaudern an den Tag legt. Statt also die Fehler auszumerzen und das Ergebnis glattzupolieren, eröffnet die Autorin konsequenterweise ihr Hörspiel „Zauderwut“ mit einem mehrfach wiederholten Fehler plus zu langer Pause am Anfang und zu hektischer Korrektur am Ende.

Nun ist eigentlich nichts langweiliger, ermüdender und manchmal auch ärgerlicher als die Masche, fehlerhafte Stellen besonders herauszustellen. Schlechtestenfalls will man die Hörerschaft zeigefingrig darauf hinweisen, nicht so romantisch zu glotzen, sondern sich bewusst zu machen, dass man hier einem Kunstprodukt gegenübersteht, in dem sich (auch) Produktionsverhältnisse abbilden. Bestenfalls erweitert man den Resonanzraum der Rezeption, indem man den Hörer kurz aus der Fiktion wirft, auf dass er die Differenz zwischen Schauspieler und Figur erkennt und ebenso auf die Person hinter der Stimme aufmerksam wird.

Doch Bettie I. Alfred ist selbst die Stimme hinter ihrem Text und also geht es nicht um diese Differenz, sondern um das Gegenteil, um Authentizität. Will heißen: die Beglaubigung des eigenen Textes durch die eigene Stimme, allerdings ohne dass der Text dadurch seinen Charakter als Kunstwerk verlieren oder auf eine Ebene des Selbstgefühligen reduziert würde.

Schon mit der Gestaltung der ersten Sätze rehabilitiert Bettie I. Alfred die „Fehlerkultur“ im Hörspiel und im Fortgang des 52-minütigen Stücks werden viele weitere Hörspieltechniken eingesetzt, wie beispielsweise die technische Beschleunigung oder Verdichtung der Sprache, geloopte Wiederholungen, Sprünge zwischen akustischen Räumen, Pachelbels „Kanon“ in vorsätzlich miserabler Soundqualität und usw. usf. – Techniken, wie sie in der Regel anti­realistisch eingesetzt werden, um die Gemachtheit und Künstlichkeit des Werks zu akzentuieren. Geradezu lehrbuchhaft wird vorgeführt, was man auf Basis eines literarischen und wenig dialoglastigen Textes schon allein durch die Manipulation gesprochener Sprache alles machen kann.

Bettie I. Alfred hat in ihrem „Balkonstudio“ – so nennt sie ihre Produktionsstätte, die sich natürlich weder auf einem Balkon befindet noch ein Studio im herkömmlichen Sinne ist – die Mittel des Hörspiels liebevoll parodiert. Sie zieht alle Register und ist sich der Effekte sehr wohl bewusst, nimmt sie aber nicht ganz ernst. Dazu gehört es auch, Geräusche zu verwenden, wie man sie so nur noch im Hörspiel hören kann, wie das Klacken der Aufnahmetaste eines Kassettenrekorders oder die Typenhebelanschläge einer mechanischen Schreibmaschine. Diese Sound-Icons werden so überillustrativ eingesetzt, dass sie komische Effekte erzielen.

Worum geht es? In „Reisewut“, dem ersten Teil ihrer „Wut-Trilogie“, hatte Bettie I. Alfred die Geschichte der etwa neunjährigen Lissy Heiliger erzählt, die mit ihrem Vater Erich (Leopold von Verschuer) durch die Lande zieht, weil der ständig auf der Suche nach einer neuen Frau ist, nachdem ihn Lissys Mutter verlassen hat. Auch hier hatte Bettie I. Alfred selbst die tragende Rolle übernommen – mit permanent hochgepitchter Stimme. Was den beiden Stücken „Reisewut“ und dem hier vorliegenden zweiten Trilogie-Teil „Zauderwut“, gemeinsam ist, ist nicht die Wut im Sinne der Emotion, sondern das „Wütige“, also das Getriebensein von einer gewissen Intensität, wie in arbeits-, schieß- oder tanzwütig.

In „Zauderwut“ ist Lissy 40 Jahre alt und über die Größe von 1,42 Meter nicht hinausgekommen. Der Vater sitzt seit 30 Jahren in einer Nervenheilanstalt, malt labyrinthische Zeichnungen auf Quittungsblöcke und erkennt die eigene Tochter nicht mehr. Die Rolle von Lissys Ehemann, nur „der Mann“ genannt, spielt Jens Harzer. „Der Mann war ebenfalls, wie man selbst auch, ein Künstler und hatte, wie man ebenfalls selbst auch, meistens wenig Hoffnung sowie auch wenig Geld“ – die Situation ist, wie es der umständliche Satzbau andeutet, prekär. Oder im Duktus von Lissy gesagt: Man ist „in eine missliche Rate gelagen.“ Auch beim Besuch eines Therapeuten kommt nur heraus, dass letztlich jeder „ein beschädigter Mensch“ ist. Klar, dass aus dem Kinderwunsch des Mannes wie auch aus Lissys Romanprojekt über eine Vater-Tochter-Beziehung nichts wird.

Was fast klischeehaft dramatisch klingt, wird mit einem Humor erzählt, der nicht in erster Linie auf Pointen abzielt, sondern der von feiner Ironie durchzogen ist und auf einer melancholischen Grundierung basiert. Diese Balance zu halten, ohne ins schulterklopfend Selbstironische oder ins Kitschig-Gefühlige abzurutschen, gelingt Bettie I. Alfred auf textlicher wie auf inszenatorischer Ebene bravourös. Der dritte Teil der „Wut-Trilogie“ heißt „Scheinwut“ und ist bereits fertiggestellt. Er soll im nächsten Jahr ins Radio kommen und man darf gespannt sein, wie die Geschichte ausgeht.

28.12.2020 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 14-15/2021

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