Michael Lentz: Hörspiel Hölle (Bayern 2)

Überblendungen und Überlagerungen

28.09.2019 •

In Andreas Ammers aus dem Jahr 1993 stammendem Hörspiel „Radio Inferno“ (vgl. FK-Kritik) nach der „Göttlichen Komödie“ merkt eine Figur lakonisch an: „Die Hölle ist ein Buch von Dante.“ Die Hölle ist aber auch ein Bild von Hieronymus Bosch. Natürlich ist auch die Kindheit eine Hölle und die Welt von Franz Kafka sowieso. Und jetzt inszeniert auch Michael Lentz die Hölle als Hörspiel. Sein 62-minütiges Stück „Hörspiel Hölle“ verwendet Motive aus seinem 2018 veröffentlichten 1000-Seiten-Roman „Schattenfroh. Ein Requiem“.

Die Rahmenhandlung des Stücks bildet ein Prozess, in dem der Vater über seinen Sohn zu Gericht sitzt. Die Schuld des Sohnes ist schon durch den Umstand erwiesen, dass der Prozess stattfindet: „Eine Anhörung des Delinquenten ist nicht vorgesehen, er meldet sich trotzdem.“ Und das tut er zum Beispiel so: „Ich bin es ihm schuldig zu sagen, ich sei schuldig. Er ist mein Vater.“ Um ein konkretes Vergehen geht es also nicht. Weil der Ausgang des Verfahrens zweifelfrei feststeht, wäre es bedauernswert, wenn die Inszenierung den Unmut der Beiwohnenden auf sich ziehen würde, so dass die einzelnen Akte wiederholt geprobt werden müssen. „So können wir es nicht lassen, bitte von vorn“, werden im Hörspiel die variierenden Zyklen der Wiederholung eingeleitet.

Doch bevor der Prozess beginnt, hebt das Stück mit einem Stimmengewirr an, in dem die Akteure ein Gemälde beschreiben, auf dem eine Fülle von Handlungen stillgestellt ist. Während in der Malerei immer alles gleichzeitig präsent und auf einen Blick erkennbar ist, hat das zeitbasierte Hörspiel so seine Probleme, Gleichzeitigkeiten darzustellen. Die Überlagerung von Stimmen ist nur eines der Stilmittel, konkurrierende Rezeptionsweisen zu vergleichzeitigen. Ein anderes ist das der Wiederholung. Michael Lentz setzt in seinem Hörspiel, das er auch selbst inszeniert hat, beide ein.

Das zu beschreibende Bild ist der rechte Flügel von Hieronymus Boschs um 1500 entstandenem Weltgerichts-Triptychon „Das jüngste Gericht“. Im Zentrum steht Luzifer als Ratte, in deren Bauch das Höllenfeuer lodert, während um sie herum erschienene Chimären die armen Sünder foltern. „Es ist nichts als die ewige Rache des Göttlichen, das haben wir Augustinus und Gregor dem Großen zu verdanken“, kommentiert der Komponist Gunnar Geisse, der im Hörspiel die Rolle des Vaters, der in seiner Freizeit Gott ist, übernommen hat. Objekt seines Zorns ist „Niemand“, sein Sohn, gesprochen von Autor Michael Lentz selbst. Als Mutter und Protokollführerin agiert Sophia Siebert und den „Mann vom schulpsychologischen Dienst“ sowie Guy Montag, den Bücher verbrennenden Feuerwehrmann aus dem Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury, spielt jeweils Uli Winters.

Es sind nur diese vier Stimmen, die zwischen der Hölle des Hieronymus Bosch und der des sprichwörtlich kafkaesken Prozesses agieren – und das sind nicht die einzigen literarischen Referenzen, mit denen in dem Hörstück gespielt wird. Im Zentrum der doppelten Szenerie steht der Gründungsakt einer Religion, der in seiner ganzen Brutalität ausgestellt wird: Es handelt sich um die Kreuzigung Jesu. In der Schilderung der protestantischen Mystikerin Catharina Regina von Greiffenberg aus dem Jahr 1672 klingt das so: „Das hirn vertruknete seine feuchtigkeit / das hirn=häutlein zersprange fast darob / die augen=häutlein und gläßlein verschmelzten ihre säfte / die ohren verrukten ihre gehör=werkzeuge“. Diese Physiologie einer Kreuzigung wird im Hörspiel als „Pornographie der Innereien“ bezeichnet und sarkastisch kommentiert: „Wie schön das Schreckliche doch klingt, wenn die Rhetorik das Zepter führt.“ Catharina Regina von Greiffenberg ist nicht die einzige Vertreterin der Barocklyrik, die Eingang in das Hörspiel gefunden hat. Auch Texte von Angelus Silesius und Caspar David von Lohenstein werden in chorischen Überlagerungen zitiert oder gesungen.

Für die Gegenwart schreibt Michael Lentz das, was der Mensch dem Menschen antut, in kalter Drastik fort. Vielleicht inspiriert von den durchkomponierten Bewegtbildern der Terrororganisation, die sich „Islamischer Staat“ nennt und ihre Gräuel penibel geprobt und inszeniert hat – inklusive Kreuzigungen. Zu deren Videos hatte Lentz im Rahmen des Hörspielforums NRW 2015 ein Hörstück produziert. Doch es bleibt nicht bei den gewaltpornographischen Ausschmückungen.

Den ins Künstlerische gehobenen Qualen wird gegen Ende des Stücks ein grün phosphoreszierender Perlmutt-Jesus gegenübergestellt. Eine kitschige Figur, die das einzige Licht in der „Dunkelkammer der Kindheit“ darstellt, zu der der angeklagte Sohn verurteilt wird. Seine Hölle ist die Konfrontation mit der Permanenz der Qual. So düster das Stück „Hölle Hörspiel“ auch ist, so ist es doch ein Stück der Überblendungen – auch wenn diese nichts mit Helligkeit zu tun haben. Es handelt sich vielmehr um die Überlagerungen der Schrecken des Realen mit ihren ideellen Überformungen, ebenso wie die autobiografische Erfahrungen mit den Nachtgestalten der Phantasie überblendet werden, die vom fahlen Licht einer kitschigen Jesus-Darstellung illuminiert werden: „Im Schein des Selbstleuchters wird alles zu Kitsch werden. Aber er, der Verurteilte, wird diesen Kitsch lieben, der die Körpergrenzen auflöst, ihn Dinge empfinden lassen wird, die er nie gesehen hat.“ Es ist dieser Moment, in dem man hinter den vielfältigen Diskursen, die das Hörspiel durchziehen, den Autor Michael Lentz zu erkennen meint.

28.09.2019 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 24/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren