Marcel Proust: Combray. Funkbearbeitung: Valerie Stiegele. 3‑teilige Hörspielverson (Bayern 2 Radio)

Fortsetzung erwünscht

09.05.2003 •

Der Hörspiel-Bearbeiterin Valerie Stiegele sind die Romangiganten der Weltliteratur eine gesuchte Herausforderung. Nach ihrer zu Recht gerühmten „Zauberberg“-Adaption vom Dezember 2000 (vgl. FK-Kritik) wagte sie sich nun an Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Von den sieben Romanteilen hat sie, basierend auf der neuen Übersetzung von Michael Kleeberg (Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2002), das Combray-Kapitel aus „In Swanns Welt“, also die ersten 250 Seiten des Romans adaptiert. Diese Beschränkung auf das Anfangskapitel ist sinnvoll, und wer den ganzen Romankosmos kennt, hat nicht den Eindruck, nur eine Einleitung, einen Romanausschnitt oder gar einen Torso gehört zu haben. Tatsächlich hat die Erinnerung Marcels an die mit den Eltern verbrachte Ferienzeit bei seinen Großeltern in Combray eine große formale und inhaltliche Geschlossenheit. Das erste Romankapitel stellt nicht nur wichtige Romanfiguren vor, der Ich-Erzähler porträtiert sich als Kind und der Autor reflektiert sein zentrales Erzählthema: die Erinnerung.

Vom ersten Satz des Romanzyklus in der Übersetzung von Eva Rechel-Mertens im Suhrkamp-Verlag, „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ (der bei Michael Kleeberg „Lange Zeit habe ich mich zu früher Stunde schlafen gelegt“ heißt), bis zur letzten ‘illuminierten’ Erinnerung an Combray reiht die Adaption die wichtigsten Erinnerungen Marcels zu einer Perlenkette bedeutungsvoller Details. Aus der Kenntnis des Romanzyklus reduziert die Bearbeiterin den Text auf etwa ein Drittel des Kapitelumfangs, ignoriert Nebenfiguren, kappt einzelne Episoden und streicht die literarischen Erörterungen plausibel ein.

Die Beibehaltung des Sprachbestandes ist kennzeichnend für Valerie Stiegele, die stets eine ‘getreue’ Umsetzung der Vorlage in die Hörspieldramaturgie anstrebt, statt das adaptierte Werk als Basis für ein sprachlich, dramaturgisch und inhaltlich ‘eigenständiges’ Hörspiel, sprich: für eine ‘neue’ Autorenschaft auszuwerten. In der erstgenannten Adaptionsvariante hat es Stiegele zur Meisterschaft gebracht.

Im Mittelpunkt des „Combray“-Hörspiels steht neben Marcels „Drama des Zubettgehens“ selbstverständlich die erzählerische Reflexion zum „Wiederfinden der verlorenen Zeit“ durch die von sinnlichen Eindrücken hervorgerufenen „unwillkürlichen Erinnerungen“, die den Ich-Erzähler die Vergangenheit neu erleben lässt. Wie diese ‘Illuminationen’ funktionieren, zeigt exemplarisch die Erinnerung an das Gebäck „Madeleine“ (bei Eva Rechel-Mertens „Sandtörtchen“): Aus der erinnerten Gaumenberührung wird ein nachhaltiger Gefühlszustand rekonstruiert.

Ulrich Lampens Regie ist sehr dezent im Einsatz der inszenatorischen Mittel: Der Hauptakzent liegt auf der sorgfältigen Wortregie. Sehr sparsam werden Geräusche eingesetzt und akustische Kulissen gewechselt. Die Musikkompositionen von Peter Zwetkoff und Hans Platzgumer illustrieren nicht den Text, sondern skizzieren eher tonmalerische Stimmungen und Atmosphären. Gar nicht sparsam, sondern hochkarätig sind die großen und kleinen Sprecherrollen besetzt. Den gewichtigsten Part hat der Ich-Erzähler Marcel, dem Sylvester Groth viel mehr Facetten der Textgestaltung verleiht, als dies einem Vorleser möglich wäre, und seine Stimme passt genau zu dem introvertierten Charakter der Figur. Statt einer kritischen ‘Summe’ hier diese Empfehlung: Fortsetzung erwünscht.

• Text aus Heft Nr. 19/2003 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

09.05.2003 – Norbert Schachtsiek-Freitag/FK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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