Thomas Mann: Der Zauberberg. Funkbearbeitung: Valerie Stiegele. 10‑teilige Hörspielversion (Bayern 2 Radio)

Die Erfordernisse des Audiophonen

12.01.2001 •

Thomas Manns Epik gehört nicht zu jenen Texten, die sich auch von ganz gewöhnlichen Vorlesern ohne weiteres bewältigen lassen. Sie ist von der Art, die sorgfältige, über alle Maßen hochsprachliche Gestaltung braucht. Schon die „Buddenbrooks“ provozieren seit jeher alle Schülergenerationen mit überlangen Satzkonstrukten. Den Lesern des „Zauberberg“ hat Thomas Mann seinerzeit empfohlen, mehrmals zu lesen. Es ging ihm dort darum, dem Inhalt und seinen Formen durch einfache Wiederholung überhaupt beizukommen.

Nun ist aus dem Epos „Der Zauberberg“ ein zehnstündiges Werk für das Radio gemacht geworden. Die sorgsame Pflege der ARD-Kultur-Hörfunkprogramme, zugleich die geradezu kultische Inwertsetzung des Verlagsgenres Hörbuch, machen es kommerziell möglich, dass literarische Schwergewichte in einer wie auch immer angemessenen zeitlichen Länge nicht nur in den Bereich des Audiophonen übertragen, sondern dort zumindest peripher auch in ein neues Genre gewandelt werden können. Für den Bayerischen Rundfunk (BR) ist Thomas Manns „Zauberberg“ die erste literarische Hörfunkproduktion dieser Größenordnung überhaupt. Auch in diesem Fall galt die Vorgabe, dass dem Autor vor allem Ehre und nicht so sehr Gewalt angetan werden sollte.

Valerie Stiegele hat den Riesenroman nun aber gekürzt – das war bei vorgegebenen zehn Hörfunkstunden wohl nicht anders möglich gewesen – und vor mehr als zehn Stunden hatten offenbar sowohl Sende- als auch Vertriebsverantwortliche übergeordnete Erwägungen gesetzt. Stiegele schrieb Thomas Mann an fast keiner Stelle um, ritzte nur zuweilen grammatikalische Konstruktionen an, kürzte zwischen Absätzen, kürzte ganze Absätze weg, dampfte ein komplettes Kapitel ein („Ein Wort zuviel“).

Stiegeles Bearbeitung reflektiert nicht so sehr kanonisierte germanistische Thesen zu Thomas Manns Roman, sondern zieht vorrangig die Erfordernisse des Audiophonen in Betracht. Das ist nicht neu, hier aber besonders umfänglich und zuweilen heikel: In einer Schlüsselszene etwa, der sogenannten Walpurgisnacht, wo Castorp auch die angebetete Clawdia Chauchat duzt und ihr gegenüber seine Seele umstülpt, und zwar sowohl auf Französisch als auch auf Deutsch. Hier käme es eigentlich darauf an, das Wesentliche wie im Mann-Original vorwiegend in Französisch zu belassen. Weil im Radio auch spontanes Verstehen nötig ist, haben Stiegele und Regisseur Ulrich Lampen das Changieren zwischen Französisch und Deutsch deutlich mehr auf die deutsche Seite gewichtet: Im Hörspiel kann nicht in einem Buchanhang nachgeschlagen werden.

Der Bearbeiterin kam entgegen, dass „Der Zauberberg“ ein ausgeprägt dialogisch angelegtes Buch ist. Indem sie zwischen den reichlich vorhandenen Dialogteilen Verbindungstext wegließ, nutzte sie auch Hördramaturgie zur zeitlichen Straffung. Die lebhafte Abfolge von Erzählung und Dialogszenen wurde von Lampen in den Erzählparts weiter ausdifferenziert mit zwei Erzählern (Udo Samel als Haupterzähler, Horst Sachtlieben als „Titelsprecher“), die zugleich Repräsentanten von wechselnden Reflexionsebenen sind.

Diese Erzählparts nun gerieten mit fortschreitender Lesung zur Lektüre mit zunehmendem pathetischem Melos, nicht nur etwa in den „Forschungen“ (Teil 5), sondern auch in den glasperlenspielartigen Diskursen über „Veränderungen“ bis „Vom Gottesstaat und von übler Erlösung“ (Teil 6), und natürlich ist das mit dem besonderen ironischen Erzählgestus von Thomas Mann in Verbindung zu bringen. Die zeitgeschichtlichen, philosophisch-theologischen Reflexionen, die Mann teilweise als blasierte Plaudereien darbietet, das umfangreiche Bildungsgepäck, die ausschweifenden thematischen Verästelungen, die Redundanzen, die neben den zeitlichen Längen die Abgeschiedenheit im fiktiven Berghof über Davos und daneben auch die zeitlichen Abstände zwischen den Schüben der literarischen Produktion reflektieren, ließen sich in den zehn Sendestunden nicht eins zu eins unterbringen. Aber man hört auch der verkürzten Produktion die Anspannung und verschiedene kleine Ermüdungserscheinungen an.

Es ist etwas anderes aus dem Roman geworden. Zugleich aber hat man in der radiogerechten Aufwertung der lebhaften Abfolge von Erzählparts und dialogischen Phasen auch neue Werknähe ermöglicht, weil die erzeugten Kopfbilder keine filmisch vorgegebenen sind, sondern jedem Hörer seine eigenen belassen, so wie das jede Hörproduktion tut. Damit kann man die Hörspielfassung des „Zauberberg“ anders als jene Geißendörfer-Fernsehproduktion von 1981 als adäquates Zitat jener Distanz von Thomas Manns Höhenwelt zur damaligen Nachkriegsgesellschaft und Manns eigener ironischen Distanz zu dieser fiktiven Höhenwelt gelten lassen.

Die Musik von Michael Riessler wirkt spartanisch. Die disharmonischen Streichquartett-Sequenzen, die Pizzikati der unterschiedlichen Streichinstrumente kommunizieren mit den ebenso spartanisch platzierten übrigen Geräuschen, den Stethoskop-Lungenaufnahmen etwa; als Außengeräusche gibt es sogar zartes Zikaden-Gezirpe. Diese minimalistische Musik- und Geräuschfolie lässt Phantasie möglich werden, wirkt als Ebene, auf der eher beiläufig die Möglichkeit der Fortschreibung von Gedanken aufgetan wird. In einigen Fällen sind szenische Geräusche überflüssigerweise redundant eingesetzt worden, einige Erzählsequenzen sind mit langen Legati untermalt, die hätte man viel lieber ganz ohne gehört. Das in mehreren Sendeteilen verwendete identische Geräusch einer zuschlagenden Tür als verstärkendes Basta am Schluss von Diskussionen lässt sich dagegen als übergreifender Regie-Gag deuten. Geräuschverknüpfungen wurden auch unternommen, etwa im dramatisch aufklärenden Gespräch zwischen Castorp und Pepperkorn in Teil 9, wo Lampen ein ostinates nacktes Glucksen von Wein-Einschenken einsetzt, das später in Teil 10 („Fülle des Wohllauts“) als verfremdeter musikalischer Akzent beim Wechseln der Grammophon-Platten erneut auftaucht.

Die Verkleinerung und karge audiophone Einhüllung des Wortinhalts sind ein weiterer Versuch, Literatur – hier nun den langatmigen Thomas Mann – im durchaus populären Sinn konsumierbarer zu machen. Die Antwort auf die Frage, ob das dem Inhalt und dem literarischen Anliegen zugutekommt, beantwortet sich einfach: Sie wird es – auf das Medium bezogen – in dem Maße sein, wie wirksam sie dem sperrigen Werk neues Publikum zuführt. Für Mann-Kanoniker ist Veränderung ein Ärgernis, für Mann-Novizen eine Hilfe, wenn auch mit dem Vorbehalt, dass sie über die Epik Manns auch irreführende Eindrücke schafft.

Die Sprecherleistungen, an erster Stelle natürlich die des Erzählers Udo Samel und die der sehr jung klingenden Hauptfigur Hans Castorp (Konstantin Graudus), sind allesamt nicht anders als enorm zu bezeichnen. Sehr gefallen hat mir auch Friedhelm Ptok in der komödiantisch dankbaren Rolle des Hofrats Behrens. Auffällig sind allerdings auch Schwachstellen wie etwa der seltsame Tonfall des Gesprächs zwischen Castorp und Clawdia Chauchat in Teil 10, Takes 3 und 4, was man auch als sprachkünstlerisch herbeigeführte psychologische Bruchstelle hören mag.

Die Hörfunkausstrahlung bei Bayern 2 Radio in zehn Teilen plus zehn Wiederholungen jeweils am selben Tag ist ein lobenswertes Experiment, auch weil damit im Sinne Thomas Manns programmlich das Wiederholen eingebaut war. Es war ein generöses, im besten Sinne öffentlich-rechtliches Kulturangebot. In der Pressepräsentation war den gedruckten Informationen auch eine kleine, von Ulrich Lampen zusammengestellte CD mit Äußerungen Thomas Manns über die Ausstattung des „Zauberberg“ beigefügt: „Dies alles habe ich Hans Castorp mitgegeben.“ Ob sich nun auch eine breitere literarisch eher indifferente Gemeinde dem mit 149 DM vergleichsweise preiswerten zehnteiligen Hörbuchpaket nähert, ist nicht sicher. Es ist aber zu hoffen und es geschieht vielleicht, denn die Wege des Kultischen sind verborgen.

• Text aus Heft Nr. 2/2001 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

12.01.2001 – Waldemar Schmid/FK
Das Hörspiel ist auch als Audiobuch erhältlich (10 CDs)