Hörspiel des Monats November: „Atlas“ von Thomas Köck

18.12.2020 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Atlas“ von Thomas Köck zum Hörspiel des Monats November gewählt. Es handelt sich um eine Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), Regie führte Heike Tauch (Komposition: Janko Hanushevsky). Die Ursendung des 70-minütigen Hörspiels erfolgte am 9. November um 22.00 Uhr im Programm MDR Kultur (vgl. MK-Kritik). Das Hörspiel „Atlas“ erzählt eine Geschichte von vietnamesischen Arbeitsmigranten in der DDR während der 1980er Jahre, mit dem Schwerpunkt auf der Zeit kurz vor und nach dem Mauerfall. Die schauspielerisch Mitwirkenden in dem Stück sind Mai Duong Kieu, Dan Thi Nguyen, Thuy Nonnemann, Stephan Grossmann und Claudia Jahn.

Zur Begründung ihrer Entscheidung schreibt die Jury unter anderem: „In einem historisch-geopolitischen Kartenwerk verzeichnet der Autor Thomas Köck die Grenzziehungen von globalen Machtverhältnissen und rassistischer Ausgrenzung. Seine Tafeln bestehen aus Sprachbildern und Gedankenströmen, die Geschichte und Gegenwart in äußerst plastischer, erkenntnisstiftender Weise verschränken – mit scharfer Polemik, aber auch mit viel Empathie gegenüber menschlichem Leid. Köck entfaltet hierbei eine komplexe Familiengeschichte von Flucht und Migration aus Vietnam nach Deutschland und zurück, die quer zu den Kollektiverzählungen der Deutschen liegt. Literarisch versiert vereint das Hörspiel die Geschichte einer dramatischen Flucht und einer entzweigerissenen Familie gegen Ende des Vietnamkriegs, der Arbeitsmigration ‘ausländischer Werktätiger aus dem kommunistischen Bruderstaat Vietnam’ in die DDR und einer Vietnamreise auf der Suche nach den Vorfahren.“

Spiel mit Sprachen und Akzenten

Weiter heißt es in der Begründung, das Hörspiel würdige die Geschichte der Vietnamesen in Deutschland, „weil es ihr nicht nur eine, sondern gleich mehrere Stimmen an einer exponierten Stelle im öffentlichen Diskurs gibt. Durch das kontrapunktische Spiel mit Sprachen und Akzenten, durch straff rhythmisierte Monologe und minimalistische Chorsequenzen gibt die Inszenierung dem Text eine enorme sinnliche Präsenz“, so die Jury. Das souveräne Sprecher-Ensemble werde dabei kongenial durch die Musik von Janko Hanushevsky unterstützt: „Seine spröden, an den Bruchkanten zwischen Melodie und Geräusch angesiedelten E-Bass-Figuren machen das Leitmotiv des Risses fast haptisch präsent, das sich durch den Hörspieltext zieht.“

Weiter schreibt die Jury mit Blick auf das Verdienst des Stücks: „Die Mängel der sogenannten Wiedervereinigung wurden zum 30. Jahrestag zumeist als eine Art kollektive Beziehungskrise von Ost- und Westdeutschen verhandelt. Man kann es der Hörspielabteilung des MDR nicht hoch genug anrechnen, dass sie mit ‘Atlas’ dieses Narrativ gründlich verwirft und hinterfragt.“ Die Neuerzählung der deutschen Nach-Wende-Geschichte, die das Hörspiel am Beispiel der Sichtweise der vietnamesischen Gastarbeiter vornehme, zeige: „Ein zukunftsfähiges, demokratisches und vielfältiges ‘Wir’ muss alle Menschen einschließen, die hier leben. Mit der Wahl seiner Erzählperspektive leistet das Stück selbst einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung dieses ‘Wir’.“

18.12.2020 – MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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