Thomas Köck: Atlas (MDR Kultur)

Mitreißend und erhellend

06.12.2020 •

Nicht der antike mythologische Stützer des Himmelsgewölbes oder das Gebirge im Nordwesten des afrikanischen Kontinents stehen Pate für den Namen von Thomas Köcks Hörspiel „Atlas“, einer Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Vielmehr scheint es die aus dem Erdkundeunterricht bekannte Kartensammlung zu sein. Hier lässt sich mit wenig Blättern von einem Kontinent auf den anderen springen. Eine Faszination, die schon Judith Schalansky in ihrem Buch und Hörspiel „Atlas der abgelegenen Inseln“ (vgl. MK-Kritik) ansteckte.

Thomas Köck springt in „Atlas“ nicht von Insel zu Insel, sondern von Vietnam nach Deutschland – und durch die Zeiten. Das Stück umkreist den Themenbereich Flucht und Migration. Den Kern bildet eine Familiengeschichte. Deren Brüche werden von der fragmentierten Struktur des 70-minütigen Hörspiels widergespiegelt. Für ein besseres Verständnis der nicht geradlinig erzählten Geschichte wird diese auf der Website des MDR zu dem Stück eindeutig zusammengesetzt.

Dort heißt es: „Über drei Generationen entfaltet sich eine komplexe Familiengeschichte. Die Großmutter floh kurz nach dem Ende des Vietnamkriegs 1975 mit ihrem Kind aus Saigon auf die Flüchtlingsinsel Pulau Bidong. Sie gehören zu den ‘Boatpeople’, auf der Überfahrt kenterte das Schiff, Mutter und Tochter wurden getrennt. Die Großmutter wurde schließlich als Kontingentflüchtling von der Insel gerettet und nach Westdeutschland gebracht. Nach einigen Jahren kehrte sie aus der BRD zurück nach Vietnam. Die Tochter hingegen ertrank entgegen der Annahme ihrer Mutter nicht und wuchs als Adoptivkind auf. Als junge Erwachsene bewarb sie sich als Vertragsarbeiterin und wurde in die DDR entsandt“, wo sie als Gast- und Vertragsarbeiterin aufgenommen wurde, wie es in der DDR ab 1980 für Bürger aus befreundeten Staaten möglich war.

Ursprünglich entstand „Atlas“ als Bühnenstück. Thomas Köck bekam für den Theatertext, bei dem es sich um ein Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig handelte, den Mülheimer Dramatikerpreis 2019. Für „Atlas“ gab es aber nicht nur Lob, sondern auch Kritik, die vor allem auf die Besetzung der Rollen in der Uraufführung zielte. Denn dort wurden die Rollen vietnamesischer Flüchtlinge und Migranten von weißen Darstellern gespielt.

Auf diese Kritik reagiert nun die Hörspielversion unter Regie von Heike Tauch. Von den fünf beteiligten Mitwirkenden – Mai Duong Kieu, Dan Thy Nguyen, Thuy Nonnemann, Stephan Grossmann und Claudia Jahn – haben drei ‘vietnamesische Wurzeln’. Wobei das eigentlich nicht die richtige Bezeichnung ist. Denn das geflügelte Wort von den ‘Wurzeln’, die ein Mensch habe, wird in dem Hörspiel seiner Absurdität überführt, indem sich hier Flucht und Migration als Grundkonstanten des menschlichen Lebens zeigen.

Im Wesentlichen geht es im Hörspiel „Atlas“ um die Perspektive der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der DDR auf den Mauerfall und auf die Zeit davor und danach. In diesem Handlungsstrang gelangt die erwähnte, als Kind bei Adoptiveltern aufgewachsene Frau Teng als Vertragsarbeiterin in die DDR, wo sie den Übersetzer Herrn Le kennenlernt. Sie wird schwanger von ihm und damit lebt die kleine Familie gefährlich, denn Schwangerschaft ist wie Krankheit ein Grund zur Beendigung des Arbeitsvertrags und damit des Aufenthalts im Land.

Das Versteckspiel endet nicht mit dem Mauerfall. Denn nun, wo die DDR in der neuen Bundesrepublik aufgegangen ist, haben die drei nur noch einen quasi vogelfreien Status, während sich um sie herum ein neues, bedrohliches Bewusstsein von ‘Volksgemeinschaft’ zusammenbraut. Sehr mitreißend und erhellend und in seiner gesellschaftlichen Analyse treffsicher überzeugt der Hauptteil der Geschichte auf ganzer Linie. Die Rückblenden auf die Flüchtlingsinsel Pulau Bidong in die Mitte der 1970er Jahre bleiben hingegen etwas nebulös und bieten auch kaum historischen Kontext. Sie vermitteln vor allem den Schrecken der Flucht. Etwas in der Luft hängt auch der Teil der Geschichte, in dem um 2010 herum die mittlerweile erwachsene Tochter von Frau Teng und Herrn Le nach Vietnam reist, um die verwickelten Familienangelegenheiten nachzurecherchieren. So wird Vietnam auf gewisse Weise zu einem unkonkreten Phantasiegebilde, das als Projektionsfläche sowohl für Horror als auch für Hoffnung dient.

Alles in allem ist „Atlas“ ein äußerst positiv zu bewertendes Hörspiel, das seine Ernsthaftigkeit durch ein geradezu verspieltes Interagieren der Stimmen auch so kunstvoll vermittelt, dass das Aufmerksamkeitslevel kaum einmal absinkt. Das Stück und ein Gespräch mit dem Autor Thomas Köck lassen sich auf der Website des MDR weiterhin nachhören.

06.12.2020 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 14-15/2021

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