Heiner Goebbels: MAeLSTROMSÜDPOL. Soundtrack nach einem Text von Heiner Müller zu einer gemeinsamen Aktion mit Erich Wonder (S2 Kultur; Produktion: Heiner Goebbels/ECM)

Drei Minuten vor Schluss

20.02.1992 •

Die Genesis dieses neuesten Soundtracks von Heiner Müller ist komplex und reicht in die Jahre 1987/88 zurück, als der Performance-Spezialist Erich Wonder Heiner Müllers „MAeLSTROMSÜDPOL“-Text in einer „Lokal-Trilogie“ (Kassel, Berlin, Linz) zur Vorführung brachte, außerhalb des Radios. Jetzt kam es erstmals zur eigenständigen radiophonen Einrichtung, zu einem Soundtrack – so lautet es in der Ankündigung –, der sich seinerseits als Vorstudie zu „Shadow“ (vgl. FK-Kritik) versteht, der bombastischen Katastrophen-Saga nach Poe und Müller, einer Endzeit-Collage, die zum Teil sehr vordergründig mit dem Ende aller Zeiten kokettiert. Er ist nun einmal reizvoll, der Tanz auf dem Vulkan, der Tangoschritt im Angesicht des grimassierenden Todes.

Die jüngste Autorenproduktion, die nochmals auf einem Text von Edgar Allan Poe in der Bearbeitung von Heiner Müller fußt („Der Bericht des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“, 1938), erweist sich diesmal als wesentlich stringenter und dichter als die „Shadow“-Abmischung. Müller hat für seine Adaptation die letzten Abschnitte von Poes phantastischem und apokalyptischem Reisebericht in die Antarktis aufgegriffen. Die Autoren interessierte zum Beispiel das Inferno in der kochenden (!) Eiswüste, der Aufeinanderprall der menschlichen Kreatur mit zerstörenden und vernichtenden Naturgewalten. Der Mensch wird von zentralfiguralen Kräften in die Zerstörung getrieben, ein Entrinnen ist nicht möglich.

Heiner Goebbels hat dieses düstere und schaurige Finale von Poe-Müller durch allegorische Klangräume illustriert und zwingend interpretiert. „MAeLSTROMSÜDPOL“ ist eine kompromisslos suggestive Hörspielfuge, ganz in akustischer Bildlichkeit operierend, bald symphonisch nachdichtend, bald asynchron vorauseilend und ohne postmoderne Ausrutscher wie noch in „Shadow“. Der neue akustische Poe-Müller-Entwurf überzeugt in voller Distanz von 32 Minuten, und die Klänge setzen auf kathartische Wirkung, ganze drei Minuten vor dem Poe’schen Weltuntergang.

P.S.: Die junge und markante Stimme von David Bennent ist übrigens eine hoffnungsvolle Entdeckung, ganz unverbraucht und ohne die Manieriertheit einer distinguierten Sprechschule.

20.02.1992 – Christian Hörburger/FK

 

• Text aus Heft Nr. 8/1992 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

20.02.1992 – FK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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