Heiner Goebbels/Heiner Müller: Shadow – Landscape with Argonauts. Nach Texten von Edgar Allan Poe und Heiner Müller (S2 Kultur; Koproduktion: The Institute of Contemporary Art, Boston/SWF)

Boston-Show

02.01.1992 •

Die bedeutendsten Radioarbeiten von Heiner Goebbels sind unter dem Einfluss des Ost-Berliner Dramatikers Heiner Müller entstanden („Verkommenes Ufer“, „Die Befreiung des Prometheus“, „Wolokolamsker Chaussee I-IV“). Umgekehrt gilt der maßgebliche Einfluss des Frankfurter Komponisten auf Müllers neuere Hörfunkarbeiten. Seit vielen Jahren verbindet beide Künstler eine produktive Freundschaft, 1985 wurde ihr Schaffen mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet.

Im vergangenen Jahr erarbeiteten Goebbels und Müller im Auftrag des Massachusetts Cultural Council in Boston die akustische, vor allem aber musikalische Montage von „Endzeit“-Texten Edgar Allan Poes („Shadow“, 1835) in Verbindung mit der kriegerischen Vision Müllers, bekannt unter dem Titel „Landschaft mit Argonauten“. Während Poe eine historisch verfremdete Fiktion verfolgt, verlegt Müller seinen geschichtlichen Prospekt in eine unbestimmte nahe Zukunft; sein Text „setzt die Katastrophen voraus, an denen die Menschheit arbeitet“. Der Südwestfunk (SWF) stellte jetzt eine teilsynchronisierte Fassung vor (Länge: 60 Minuten). Den Originaltext Poes singt dabei Susan Deihim, die Übersetzung spricht Heiner Müller. Sein eigener Text wird von Passanten in Boston vorgelesen, als ein bewusst zufälliges Sprech- und Interpretationsspiel.

Das Hörereignis aus Amerika fesselt vor allem durch seine musikalische Emblematik, für die wiederum der einfallsreiche Goebbels verantwortlich zeichnet. Der Wechsel zwischen der Poe’schen Pest-Vision und Müllers Text wirkt freilich auf den Hörer bisweilen verkrampft und aufgesetzt. Kommt hinzu, dass Heiner Müller als Sprecher von „Shadow“ kaum geeignet ist. Er klappert sich mehr schlecht als recht durch die apokalyptische Vorgabe, dekoriert durch die hinreißenden und luziden Töne, die dem Schreckensende (dennoch) den Schein bizarrer Schönheit verleihen.

Was als inszeniertes Straßen-Hörspiel nach Poe und Müller angelegt ist, verflacht freilich am Lautsprecher durch die ausgeblendete Mehrdimensionalität. Die Labor-Apokalypse leidet bisweilen unter ihrem Anspruch und Welttheater verkrümelt sich lautstark in zwei Stereokanäle. Bostons Bürger mimen am Untergang mit, artig, wie geplant, und Müller macht ernste Miene zu schlimmem Spiel. Das Ganze klingt fatal gut und ist nicht schlecht gestylt. (Den faulen Zauber, den es bei großen Namen auch gibt, den hört der Hörer erst beim zweiten Abspielen. Und dafür ist die Boston-Show nun einmal nicht vorgesehen.)

02.01.1992 – Christian Hörburger/FK

 

• Text aus Heft Nr. 1/1992 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

02.01.1992 – FK

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