Deutscher Hörspielpreis der ARD für das Stück „Adolf Eichmann: Ein Hörprozess“

18.12.2021 •

Nachdem es 2020 wegen der Corona-Pandemie eine digitale Version der ARD-Hörspieltage gegeben hatte (vgl. MK-Meldung), fand das Festival in diesem Jahr am 12. und 13. November wieder live und vor Ort in Karlsruhe statt. Die Besucher im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) waren geimpft oder genesen und trugen zudem auf ihren Plätzen FFP2-Masken. Der Hauptpreis des Festivals, der Deutsche Hörspielpreis der ARD, ging an Noam Brusilovsky und Ofer Waldman für ihr metadokumentarisches Stück „Adolf Eichmann: Ein Hörprozess“, eine Koproduktion von RBB und Deutschlandfunk (DLF).

Das 55-minürige Hörspiel beschäftigt sich zum einen mit der Hörfunkübertragung des Prozesses gegen Adolf Eichmann 1961 durch den damaligen öffentlich-rechtlichen Sender Kol Israel. Zum anderen mit der Rezeption dieser Übertragung weltweit und in der israelischen Gesellschaft. Eichmann war während der NS-Zeit für die Deportationen zur Vernichtung der europäischen Juden verantwortlich und wurde vom Gericht in Jerusalem zum Tode verurteilt.

Für ihre Recherchen hatten die beiden Hörspielmacher Zugang zu historischen Publikumszuschriften aus den Archiven des israelischen Rundfunks bekommen und die für das Stück verwendeten Texte ins Deutsche übersetzt. In der Jurybegründung für die Preisvergabe heißt es unter anderem, Brusilovsky und Waldman setzten mit ihrem Hörspiel „einem radikalen Gegenentwurf eines demokratischen Radios zum gleichgeschalteten Propagandainstrument der Nationalsozialisten ein akustisches Denkmal“.

Publikumspreis für Rabea Edel

Auf der Shortlist zu dem mit 5000 Euro dotierten Hauptpreis standen außerdem Kai Grehns lyrisch-popmusikalische Arbeit „Mögen Sie Emily Dickinson?“ (Radio Bremen/DLF 2021), in der vom Autor neu übersetzte Briefe und Gedichte der US-amerikanischen Lyrikerin mit einer Hörspielkomposition der Band CocoRosie verschmelzen (vgl. MK-Kritik). Auch Magda Woitzucks satirisches Hörspiel „Xerxes und die Stimmen aus der Finsternis“ (HR/ORF 2021) war auf der Shortlist vertreten. Als Rahmenerzählung dient hier der feministisch-kulturkritische Monolog einer Archäologin zur Geschichte des Patriarchats, unterbrochen von überspitzten szenischen Reenactments der jeweiligen historischen Ereignisse.

Der Deutsche Hörspielpreis der ARD wurde vor Ort in Karlsruhe von einer fünfköpfigen Jury unter Vorsitz der Schauspielerin, Filmemacherin und Autorin Maryam Zaree vergeben. Die insgesamt zwölf Einreichungen für den Hörspielwettbewerb – Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – bewarben sich zugleich auch um den mit 2500 Euro dotierten Publikumspreis. Hier wurde per Online-Abstimmung entschieden und der Preis ging an Rabea Edels Hörspiel „Ihre Geister sehen“ (Deutschlandfunk Kultur). Die multimediale Arbeit – das Hörspiel entstand zusammen mit einem Kurzfilm – hat als Vorlage Kirsten Beckens Kunstbuch „Seeing Her Ghosts“, in dem unter anderem innerfamiliäre sexualisierte Gewalt und daraus resultierende psychische Erkrankungen thematisiert werden.

Coronabedingt gekürztes Programm

Für seine herausragende schauspielerische Leistung wurde das fünfköpfige Ensemble der MDR-Hörspielproduktion „Atlas“ ausgezeichnet und erhielt den mit 3000 Euro dotierten Schauspielerpreis. Autor Thomas Köck erzählt im Stück „Atlas“ anhand einer deutsch-vietnamesischen Familiengeschichte über Flucht und Migration (vgl. MK-Kritik). „Mai Duong Kieu, Thúy Nonnemann, Claudia Jahn, Dan Thy Nguyen und Stephan Grossmann bereichern mit ihrem stimmlichen Handwerk und ihrer schauspielerischen Finesse den Text mit Bedeutungsebenen“, schrieb die Jury in ihrer Begründung.

Der „ARD PiNball-Award“ (1000 Euro) für Produktionen der freien Szene ging an Carsten Brandau für das Kurzhörspiel „Die goldene Börse der Sehnsüchte“. Den deutschen Kinderhörspielpreis (5000 Euro) bekam Thilo Reffert für sein Stück „Herr der Lügen“ (Deutschlandfunk Kultur). Und der mit 2000 Euro dotierte Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe ging an Frauke Angel für „Ich will kein Engel sein“ (RBB).

Beim diesjährigen Programm der ARD-Hörspieltage gab es coronabedingt einige Kürzungen. Auf den Kinderhörspieltag, sonst Publikumsmagnet, wurde verzichtet. Die Wettbewerbsstücke wurden nicht wie vor der Pandemie üblich in voller Länge vor Publikum vorgeführt, sondern nur angespielt. Die öffentliche Jurydiskussion fand ohne Statements der Hörspielmacher und ohne Publikumsbeiträge statt, so dass hier ein gegenseitiger Austausch nicht stattfinden konnte. Für einen dennoch dicht gedrängten Zeitplan sorgte auch das anspruchsvolle Rahmenprogramm. So wurde im Live-Hörspiel „Unerhörter Sound“ von den Künstlern Schorsch Kamerun, Annemaaike Bakker, Laura Anh Thu Dang und PC Nackt das Wechselspiel von Inklusivität und Exklusivität in demokratischen Gesellschaften bearbeitet.

Verdrängung der Hörspielsendeplätze

Bei Vorträgen und Diskussionen unter dem Titel „Hörspiel: Next Generation“ standen der voranschreitende Abbau von Hörspielsendeplätzen wie auch die Reaktionen der Hörspielmacher auf die geänderten Mediennutzungsgewohnheiten des Publikums im Fokus. Diemut Roether, verantwortliche Redakteurin von „epd medien“, hatte mit Anfragen bei den ARD-Landesrundfunkanstalten und beim Deutschlandradio die Zahl der jährlich produzierten Hörspiele errechnet und teilte ihre Ergebnisse mit: Insgesamt 1831 Sendeplätze ergäben sich theoretisch für das Jahr 2020; hiervon fielen allerdings durch Gemeinschaftsprogramme wie etwa das „ARD-Radiofestival“ einige weg. Als Vergleichsdaten nannte Roether 2226 Sendeplätze für 2012 und im Jahr 2000 seien es sogar noch 2513 gewesen. An Hörspielneuproduktionen habe es 2020 lediglich noch 268 Stücke gegeben (2012: 518). „Statistisch gesehen gibt es also in der Theorie fast siebenmal so viele Sendeplätze wie Neuproduktionen“, so Roether: „In der Praxis bedeutet das, dass viele Wiederholungen und Übernahmen gesendet werden.“

Die Hörspielressorts verschiedener Sender stellten nach Roethers Vortrag quasi als Antwort auf die geschilderte Verdrängung ihre Projekte aus dem linearen Programm vor, die eine multimediale Ausweitung erfahren. Mit comicartiger Teilanima­tion etwa wartet die Videoversion des RBB-Podcasts „Caro ermittelt“ von Caroline Labusch auf. Einen visuellen Bezug sucht auch der ORF-Podcast „six seasons“, in dem Kurzhörspiele zu Ausstellungsobjekten des Kunsthistorischen Museums Wien präsentiert werden. Vertreter von WDR und Bayerischem Rundfunk (BR) erläuterten die Funktionsweise der zweiteiligen Hörspielproduktion „Tatort interaktiv“. Der SWR präsentierte als Beispiel für die Möglichkeiten, die sich aus der Freiheit von vorgegebenen Programmslots ergeben, den True-Crime-Podcast „Shit Happens“, für den Magda Woitzuck über dreizehn Folgen eine ehemalige Großdealerin interviewt hat.

Alles in allem waren die ARD-Hörspieltage 2021 (Festivalleitung: Walter Filz, SWR) unter den gegebenen äußeren Bedingungen eine gelungene Veranstaltung, wenn auch zeitlich dicht gedrängt und mit zu wenig Möglichkeiten zum Austausch über die Wettbewerbsstücke. Aber in der Pandemie-Zeit war es anders wohl auch nicht möglich. Immerhin fand das Festival in Karlsruhe statt und musste diesmal nicht auf eine digitale Version reduziert werden.

18.12.2021 – rw/MK

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