Christine Wunnicke: Alles Tatami (Bremen Zwei)

Sanfte Trauminhalte

29.02.2020 •

Bei den ARD-Hörspieltagen wird seit 2016 auch ein Preis für schauspielerische Leistungen vergeben. Über diese Auszeichnung konnte sich 2018 der Schauspieler Aljoscha Stadelmann freuen. Er erhielt sie für seine Rolle in dem von Radio Bremen produzierten Hörspiel „Alles Rumi“ (vgl. MK-Meldung). In dem Stück verkörpert er einen assoziativ vor sich hinmonologisierenden Kulturpessimisten, der spät in der Nacht seinen Bettnachbarn (Sebastian Blomberg) um jede Chance auf Schlaf bringt.

Als komisches Element tritt hinzu, dass der von Stadelmann gesprochene Nörgler immer wieder wegsackt und ins Reich der Träume entschwindet – sich aber im Wachzustand lautstark über die eigene Unfähigkeit, ein Auge zuzumachen, beschwert. Die manisch-aufgeregten Empörungstiraden des Stadelmann-Charakters in „Alles Rumi“ (vgl. MK-Kritik) zielen neben der medialen Reizüberflutung unter anderem auf sogenannte Lebensweisheiten, etwa in Form von Zitaten des alten persischen Mystikers Rumi. Ihre Figuren­konstellation aus diesem Stück hat Christine Wunnicke nun erneut aufgegriffen und für das Anfang Februar urgesendete, wiederum von Radio Bremen produzierte Hörspiel „Alles Tatami“ von denselben beiden Schauspielern wiederbeleben lassen, die an die zwei Rollen ihre realen Vornamen verleihen.

Einen wesentlichen Unterschied zum Vorgängerstück deutet bereits der Titel an. Dieses Mal nimmt der Kulturpessimismus von Aljoscha moderne Wohnmöbel zum Betrachtungsgegenstand – statt erbaulicher Alltagsphilosophie. Der Begriff „Tatami“ bezeichnet eine japanische, aus Reisstroh hergestellte Matte, die etwa beim Judo oder anderen Kampfsportarten Verwendung findet. Selbstkritische Aspekte wohnen Aljoschas Lamento über bewussten (und auch unbewussten) Konsum als Ausdruck von Lifestyle inne, weil er und Sebastian auf einer schlichten Tatami-Matte schlafen. Die Reflexion über die psychologische Komponente bei der Inneneinrichtung ihrer Wohnung wird damit auch zur Selbstreflexion.

Es gibt noch weitere wesentliche Unterscheidungsmerkmale zwischen „Alles Tatami“ und „Alles Rumi“. Im neuen Hörspiel durchwachen die Bettgenossen keine Nacht, sondern dösen an einem Sonntagnachmittag unruhig vor sich hin. Der Part von Aljoscha ist nicht mehr so dominant angelegt. Sebastian kommt zwischendurch zu Wort, wobei er dann vor allem über die bevorstehende Aufführung des Musicals „Cats“ berichtet, bei der er als nächstes in seinem Beruf als Sänger mitwirken wird. Und Sebastian schläft zwischendurch ein, wodurch er seine Träume zur zweiten Ebene des Stücks beisteuert. Die ist nicht ganz so scharf von der ‘Realitätsebene’ getrennt und macht sich etwa durch sanftes Knistern oder flüsternde Frauenstimmen, das heißt durch Reize, die ein als angenehm empfundenes Kribbeln auf der Haut erzeugen, auch in den Dialogen bemerkbar.

Mit den insgesamt sanften Trauminhalten ist eine weniger konfrontative Haltung dem Zuhörer gegenüber verbunden, als sie im Vorgänger „Alles Rumi“ anzutreffen war. Darin wurde Aljoschas andauernder Medienkonsum auf der Traumebene in kreischend lauten Soundcollagen mit Porno- und Kriegsfilmanleihen verarbeitet, die kein gemütliches Hörvergnügen sind. Solche Herausforderungen hat das Nachfolgerstück „Alles Tatami“ nicht zu bieten.

Auch wenn das neue Hörspiel hier und dort etwas harmlos scheint, ist dessen Komik sehr einnehmend. Es macht auch Freude, den Schauspielern Sebastian Blomberg und Aljoscha Stadelmann als bereits eingearbeitetem Team und wiederum unter der Regie von Ulrich Lampen beim Erkunden ihrer von Christine Wunnicke weiterentwickelten Rollen zuzuhören. Aber die Ausarbeitung der Figuren und vor allem ihrer Beziehung zueinander weist eine gewisse Begrenztheit auf. Dass das Hörspiel von zwei homosexuellen Männern handelt, die nebeneinander im Bett liegen, kriegt man beim Hören kaum mit, es ergibt sich nur indirekt. In ihren Dialogen nehmen die beiden Figuren bestenfalls ‘über Bande’ auf ihre Beziehung Bezug.

Dieses dezente Angehen privater Themen kann man einerseits als Statement sehen, dass eben jedes Paar auch das ‘Recht’ auf ein ereignisloses Liebesleben hat und man einem schwulen Paar keine wilden Bettgeschichten andichten muss. Andererseits sollte man berücksichtigen, dass homosexuelle Beziehungen vielerorts zwar nicht mehr illegalisiert, aber oft genug immer noch moralisch geächtet werden. Diese Ächtung geht nicht selten mit verbaler und körperlicher Gewalt einher. Unter diesem Gesichtspunkt wirkt der in beiden Hörspielen über das Begehren der Figuren gebreitete Mantel des Schweigens nicht fortschrittlich, sondern bestenfalls zurückhaltend. Denn nicht nur der Sex fehlt: Es wird sich auch nicht geküsst, gestreichelt oder berührt. Das sorgt für eine keimfreie Grundatmosphäre, die an eine Bettgemeinschaft à la Ernie und Bert aus der „Sesamstraße“ erinnert.

Vielleicht wagt Christine Wunnicke ja bei der möglicherweise nächsten Fortsetzung, die Beziehung von Aljoscha und Sebastian oder wenigstens das Reden darüber als lohnenswertes Thema in Betracht zu ziehen und das Potenzial ihres Stoffes weiter zu entfalten.

29.02.2020 – Rafik Will/MK