BR/ORF-Produktion „Ein Berg, viele“ zum Hörspiel des Monats Oktober gewählt

19.11.2020 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Ein Berg, viele“ von Magdalena Schrefel zum Hörspiel des Monats Oktober benannt. Das Stück wurde vom Bayerischen Rundfunk (BR) in Koproduktion mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) realisiert, Regie führte Teresa Fritzi Hoerl (Redaktion: Katarina Agathos). Die Ursendung von „Ein Berg, viele“ erfolgte am 25. Oktober um 15.05 Uhr im BR-Programm Bayern 2 (vgl. MK-Kritik). Mitwirkende Schauspieler in dem 52-minütigen Hörspiel sind unter anderem Matthias Brandt, Richard Djif, Leonie Benesch, Lukas Turtur und Stephanie Eidt.

Indem das Hörspiel „Ein Berg, viele“ die Geschichte des britischen Geografen James Rennell, der im 18. Jahrhundert das Gebirgsmassiv der „Kong-Berge“ erfand, mit der des westafrikanischen „Sandflüchtlings“ Ismael verknüpfe, dessen Aufenthaltsort und damit auch Existenz von den Europäern weder anerkannt noch geduldet werde, thematisiere es „koloniale Deutungshoheit damals wie heute“ und zeige darüber hinaus auf, „wie stark diese Deutungshoheit noch heute in der europäischen Weltwahrnehmung verhaftet ist“, schreibt die Jury der Akademie in der Begründung für ihre Entscheidung. Und weiter: Besonders auffällig sei dabei, dass auch die Geschichte des Flüchtlings Ismael „im Hörspiel wieder von einer weißen europäischen Deutungshoheit erzählt und interpretiert, ja sogar als Element eines Hörspiels instrumentalisiert wird“.

Das Hörspiel führe dabei vor, so fährt die Jury in ihrer Begründung fort, „wie schnell auch ein Hörspielprojekt über koloniale Deutungshoheit sich selbst ad absurdum führen kann, da es sich wieder in ebenjene Erzähltradition einreiht“. Die große Leistung von Autorin und Regie sei es, „mit diesem unvermeidlichen Risiko bewusst umzugehen“. Durch „eine genau dosierte Überzeichnung von Genre-Klischees“ stelle das Hörspiel „seine eigene Konstruiertheit und damit auch die potenzielle Fragwürdigkeit seiner Konstruktion bewusst aus. Es lädt damit zum Nachdenken über koloniale Verhaltensmuster und Erzähltraditionen ein und lässt den privilegierten, westlichen Hörer ins Zweifeln über die eigene Wahrnehmung kommen.“ Denn, und hier wird ein Satz aus dem Hörspiel zitiert: „Es geht [...] um die Frage, was es heißt, Geschichten zu erzählen, ob Behauptung nicht immer auch die Ausübung von Macht ist.“

19.11.2020 – MK

Print-Ausgabe 24/2020

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