Magdalena Schrefel: Ein Berg, viele (Bayern 2)

Zwischen Fakten und Fiktionen

10.11.2020 •

Wir halten uns sehr viel zugute auf unsere Kommunikationsfähigkeit und glauben auch zu wissen, was es mit unserem Sprechen und unserer Sprache auf sich habe. Wir füllen Archive und Bibliotheken mit unserem Faktenwissen und mit Fiktionen, stellen Behauptungen auf, die unüberprüft Jahrhunderte überdauern können, weil wir keinen Prüfauftrag gegeben haben, und wir beschweigen auch die Lüge, die Legende, die Märchen und Mythen im guten tradierten Glauben. Die in Berlin lebende österreichische Autorin Magdalena Schrefel, die in diesem Jahr mit dem ‘Kleist-Förderpreis für junge Dramatikerinnen und Dramatiker’ ausgezeichnet wurde, ist diesem Themenkomplex und den Fragen, die er aufwirft, in einem spannenden akustischen Tableau, das zwischen dem 18. Jahrhundert und der Gegenwart in gewagten Flashs und Blitzlichtern oszilliert, nachgegangen.

In einer Vorbemerkung zu ihrem Stück „Ein Berg, viele“ – einer Gemeinschaftsproduktion von Bayerischem Rundfunk (BR) und Österreichischem Rundfunk (ORF) – führt die Autorin aus: „‘Ein Berg, viele’ ist vor allem ein Hörspiel darüber, dass es kein unschuldiges Erzählen gibt, dass das Geschichtenerzählen immer auch davon handelt, wer erzählen kann, wer gehört wird und wem man Glauben schenkt.“ So ist es online auf der Seite des BR-Hörfunkprogramms Bayern 2 zu nachlesen, wo das Hörspiel (für dessen Theaterfassung Schrefel den Kleist-Preis erhielt) am 25. Oktober erstausgestrahlt wurde. Und die Regisseurin der Produktion, Teresa Fritzi Hoerl, fragt an der gleichen Stelle weiter: „Wie klingen Fakten? Und wie Fiktion? Macht das überhaupt einen Unterschied?“ Das Hörspiel lade „zu einer akustisch-imaginären Entdeckungsreise in verschiedene Länder, Zeiten und Biografien ein“ und führe „bis an die gemeinsamen Wurzeln von Wahrheit und Erfindung“.

In einem genialen literarisch-dokumentarischen Kunstgriff bedient sich die Autorin der Biografie und der Figur des britischen Seefahrers und Geografens James Rennell (1742-1830), der, ohne je in Afrika gewesen zu sein, Behauptungen aufstellte über Struktur und Flussverlauf des Nigers in der Nähe des 10. Breitengrads – eine Fälschung und Klitterung, die sich bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten sollte. Es geht dabei aber nicht, wie vordergründig zu vermuten wäre, um die Entlarvung einer Forscherlegende, sondern um die Setzung von „Wahrheiten“ durch Sprache. Im Hörspiel sagt der Forschergeist zu seinen Kindern ganz lapidar: „Ich ordne die Welt in eine Karte. Und jetzt schlaft gut.“

In einem weiteren Erzählstrang trifft eine Dokumentarfilmerin, sie wird Pearl genannt, auf den „Sandflüchtling“ Ismael, der an den verschlossenen Toren Europas anklopft und vergeblich um Anerkennung seiner mythischen Identität ringt. Die Vermittlung von Gegenwart und Mythos am Niger kann nicht gelingen, ebenso die erhoffte und tastende Versöhnung der sprachlichen Bilder aus einem Heute mit dem Gestern. Die Suche muss scheitern. Doch der Schwebezustand zwischen dokumentarischem Erinnern einerseits und der Verschmelzung des Faktischen im Mythischen andererseits – das ist gelungen.

Kritisch mag angemerkt werden, dass das 52-minütige Hörspiel möglicherweise zu viele Erzählstränge verfolgt (der Forscher, seine Kinder, ein Butler, der Flüchtling, eine Redakteurin und andere). Hier wurde ohne Not Anleihe an die oft ausufernde Personage in Serien und Fernsehfilmen gemacht. Unter anderem Leonie Benesch, Richard Djif und Matthias Brandt gaben in „Ein Berg, viele“ den Figuren und Flüchtenden ihre Stimme. Man darf auf weitere Hörspielarbeiten der Autorin Magdalena Schrefel gespannt sein.

10.11.2020 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 24/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `