Suzan-Lori Parks/Anthony Hemingway/Neema Barnette/Bille Woodruff: Genius: Aretha. 8‑teilige Serie (Disney plus)

Episches Porträt einer Soul-Diva

04.08.2021 •

Am 24. März 2020 erhielten Netflix und Amazon Prime Video, bis dato die Platzhirsche auf dem internationalen Streaming-Markt, ernstzunehmende Konkurrenz: Vier Monate nach der US-Premiere startete an diesem Tag der Disney-Konzern auch in mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, seine Streaming-Plattform Disney plus (vgl. MK-Meldung). Gegenüber sämtlichen Mitbewerbern hat Disney einen unermesslichen Vorteil: ein gewaltiges Programmvermögen. Es stammt aus den eigenen traditionsreichen Disney-Studios, von Disneys US-Fernsehsendern ABC und Freeform und aus angekauften Produktionsstätten wie Pixar, Marvel oder Lucasfilm, um nur einige zu nennen. Netflix hingegen versorgt sich mit hohem Kostenaufwand auf dem freien Markt mit Lizenzen und produziert teilweise selbst. Dafür muss das Unternehmen sich verschulden.

Für das Jahr 2020 berichtete Netflix an die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde, die United States Securities and Exchange Commission: „Zum 31. Dezember 2020 hatte das Unternehmen Verpflichtungen in Höhe von 19,2 Milliarden US-Dollar, die sich aus 4,4 Milliarden US-Dollar unter ‘Kurzfristige Verbindlichkeiten für Inhalte‘ und 2,6 Milliarden US-Dollar unter ‘Langfristige Verbindlichkeiten für Inhalte‘ in der Konzernbilanz zusammensetzen, sowie Verpflichtungen in Höhe von 12,2 Milliarden US-Dollar, die nicht in der Konzernbilanz ausgewiesen wurden, da sie noch nicht die Kriterien für einen Ansatz als Vermögenswert erfüllen.“

Ebendort meldete Netflix auch: „Wenn Studios, Inhalteanbieter oder andere Rechteinhaber sich weigern, Streaming-Inhalte oder andere Rechte zu für uns akzeptablen Bedingungen zu lizenzieren, könnte unser Geschäft negativ beeinflusst werden.“ Mit diesem Effekt ist durch Disneys Markteintritt zu rechnen. Produktionen aus dem Hause Disney und angeschlossenen Unternehmen werden Netflix und anderen Mitbewerbern auf Dauer nicht mehr zur Verfügung stehen.

Beispiel „Genius“. Diese nun bei Disney plus abrufbare Serie wurde vom National Geographic Channel in Auftrag gegeben, an dem die Walt Disney Company mit 73 Prozent beteiligt ist. Für den auf Dokumentationen ausgerichteten National Geographic Channel war „Genius“ die erste fiktionale Serie.

Jede der bislang drei Staffeln ist jeweils der Biografie einer einflussreichen historischen Persönlichkeit gewidmet. Die 2017 produzierte Staffel 1 ist noch bei mehreren Streaming-Anbietern verfügbar, Staffel 2 aus 2018 nur bei Disney plus und Amazon Prime Video. Auf Albert Einstein, gespielt von Geoffrey Rush, und Pablo Picasso in der Verkörperung durch Antonio Banderas folgte nach einer coronabedingten Verzögerung in diesem Jahr in der dritten „Genius“-Staffel die Musikerin Aretha Franklin.

Die 1942 geborene und 2018 verstorbene Aretha Franklin gehört zu den erfolg- und einflussreichsten Musikerinnen überhaupt. Nicht nur ihre Karriere, auch ihr dramatisches Privatleben lieferten dem fünfköpfigen Autorenteam um Showrunner Suzan-Lori Parks üppiges Material für acht inhaltsreiche, dabei nie überfrachtete Episoden.

Die Serie mit dem Titel „Aretha“ beginnt mit einem Auftritt der Sängerin im Jahr 1967. Reporter wollen anschließend von ihr wissen, ob ihr Vater damit einverstanden sei, dass sie Poptitel singe. Damit ist eines der zentralen Themen der Serie bereits angelegt. Aretha Franklins Vater war Reverend Clarence LaVaughn „C.L.“ Franklin, ein charismatischer Prediger, zu dem die Tochter ein ambivalentes Verhältnis unterhielt. In den Gospelgottesdiensten des Vaters wirkten Aretha und ihre Schwestern als Sängerinnen mit. Musiker wie Dinah Washington, Art Tatum und Sam Cooke gehörten zum Freundeskreis der Familie, ebenso Pastor Martin Luther King.

In den Sommermonaten ging C.L. Franklin mit seinem „Gospel Caravan“ auf Tournee, eine Wanderveranstaltung mit eigenem Zelt, mit Band und Chor. C.L. Franklin ließ seine Predigten auf Platten pressen und verkaufte sie nach seinen Gottesdiensten. Auch Arethas erste Platten wurden am Rande der Gottesdienste feilgeboten. Diese Szenen lassen vermuten, dass Veranstalter von Pop- und Rockkonzerten eine Menge bei Gospelgottesdiensten abgeschaut haben.

Die Koinzidenzen gehen noch weiter. Nach den Auftritten traf sich der Tross regelmäßig zu wilden Partys. Es wurde getanzt, Alkohol konsumiert und der Reverend genoss die Zuwendung seiner ‘Groupies’. Die kleine Aretha durfte mit auf diese Reisen und vor Publikum die Solostimme singen. Vom Vater vernachlässigt, ahmte sie das Verhalten der Erwachsenen nach. Im Alter von zwölf Jahren wurde sie zum ersten Mal schwanger. Ihr zweites Kind bekam sie mit vierzehn.

Wegen der vielen Affären des Reverends hatte es Spannungen in seiner Ehe gegeben. Schließlich verließ Barbara Siggers Franklin ihren Mann, wollte die Kinder eigentlich mitnehmen, wurde aber von C.L. daran gehindert. Für Aretha und ihre Geschwister eine quälende Erfahrung. Es sollte noch schlimmer kommen: Barbara Franklin starb, als Aretha zehn Jahre alt war. Die Großmutter übernahm die Erziehung der Kinder, Sängerinnen wie Clara Ward und Dinah Washington schlüpften gelegentlich aushilfsweise in die Mutterrolle.

„Genius: Aretha“ ist keine Hagiografie. Die dunklen Seiten der Soul-Diva, die Menschen sehr verletzen konnte, werden nicht beschönigt. In einer non-linearen Erzählweise werden in jeder Episode in rasch aufeinander folgenden Sequenzen mindestens zwei Zeitebenen verknüpft: Aretha Franklins ab 1967 nach einem Wechsel der Plattenfirma voranschreitende Karriere und Szenen aus ihrer Kindheit und Jugend. Die Ereignisse sind klug gewählt, korrespondieren thematisch miteinander, liefern teils Erklärungen für Aretha Franklins Verhalten als Erwachsene. Beispielsweise führt eine solche Montage die charakterlichen Ähnlichkeiten zwischen Franklins Vater in jüngeren Jahren und ihrem ersten Ehemann Ted White – beide misshandelten ihre Frauen – vor Augen.

Mit dem Rassismus der US-Gesellschaft ergibt sich zwangsläufig ein weiteres durchgängiges Thema. 1954 hat C.L. Franklin in Alabama eine Reifenpanne. Aretha wird Zeugin, wie zwei Weiße anhalten und auf ihr Auto und den Vater losgehen. C.L. rettet sich aus der Situation, indem er den überraschten Angreifern das Auto überlässt. Es folgen noch viele Szenen dieser Art.

In den 1960er Jahren politisiert sich Aretha Franklin. Hier fügt Regisseurin Neema Barnette schlaglichtartig kurze dokumentarische Bildstrecken von den Unruhen 1967 in Detroit ein, als die Stadt förmlich in Flammen stand. Aretha Franklin unterstützt in diesen Jahren den Bürgerrechtler Martin Luther King durch Benefizauftritte. Nach dem Mord an King im Jahr 1968 nimmt sie mit „Young, Gifted & Black“ ein Album auf, das als direkter Kommentar zur anhaltenden Unterdrückung und zur Gewalt gegen Schwarze gedacht ist.

Nach einer psychischen Krise kehrt sie zu ihren Wurzeln zurück und produziert ein Gospelalbum, bei dem sie erstmals auch als Produzentin genannt wird. Ein Novum in der Popgeschichte. Diese Episode mit dem Titel „Amazing Grace“ ist besonders aufschlussreich. Aretha Franklin spielte die Musiktitel für ihr Album an zwei Abenden in Los Angeles in der „New Temple Missionary Baptist Church“ vor Publikum ein. Die Auftritte und die Produktion sollten für einen Kinofilm festgehalten werden. Damals versäumte das Team unter Regisseur Sydney Pollack allerdings, Kamera und Ton zu synchronisieren. Das unbrauchbare Material blieb lange in den Archiven des Filmstudios Warner Bros., bis es mittels moderner Computertechnik doch noch fertiggestellt werden konnte. Aretha Franklin aber untersagte die Aufführung. Erst nach ihrem Tod hatte der Film unter dem Titel „Amazing Grace“ – wie die Serienepisode nach der sehr erfolgreichen LP benannt – Premiere.

Über Aretha Franklins Beweggründe, die Filmaufführung nicht zu erlauben, wurde viel spekuliert, die Serie liefert eine plausible Erklärung. Die Musikerin hatte sich bewusst dagegen entschieden, die Platte in der Kirche ihres Vaters in Detroit aufzunehmen, um sich seinem Einfluss zu entziehen. C.L. Franklin erfuhr von dem Projekt und erschien am zweiten Abend, hielt eine Ansprache und drängte sich ins Scheinwerferlicht. In dem dokumentarischen Kinofilm wirkt die reale Aretha Franklin unzugänglich, fast starr, nicht wie die lebhafte Bühnenkünstlerin, die für mitreißende Shows bekannt war. Für die Serie, die laut Abspann auch erfundene Szenen enthält, wurden einige der im Kinofilm enthaltenen Momente akkurat nachgestellt und erhalten nunmehr durch die Einbeziehung der Hintergründe einen überzeugenden Kontext.

Generell gelingt in „Aretha“ den Episodenregisseuren Anthony Hemingway, Neema Barnette und Bille Woodruff eine bis ins Detail perfekte Wiedergabe des jeweiligen Zeitkolorits, beginnend mit den späten 1940ern bis zum Jahr 1998, als Aretha Franklin bei der Grammy-Zeremonie spontan für den erkrankten Luciano Pavarotti einsprang, in einer für sie ungewohnten Tonlage „Nessun dorma“ interpretierte und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Ihren Auftritt bei der Amtseinführung von Präsident Barack Obama am 20. Januar 2009 sieht man dann in dokumentarischen Fotos im Nachspann der Schlussfolge der Serie, der ihre letzten Lebensjahre zusammenfasst.

Es wäre kaum nachvollziehbar, wenn diese Serie bei den Emmy Awards 2021 unberücksichtigt bliebe. Vor allem die Musical-erfahrene, für „Harriet – Der Weg in die Freiheit“ zweifach Oscar-nominierte britische Hauptdarstellerin Cynthia Erivo kann schwerlich umgangen werden. Sie liefert eine eindringliche Vorstellung in der Rolle der Aretha Franklin und übernahm US-Presseberichten zufolge auch sämtliche Gesangsparts.

Neben der epischen Breite besitzt eine Serienerzählung einen weiteren großen Vorzug gegenüber dem Kinofilm: Die Titel werden nicht zwecks Zeitersparnis nur kurz angerissen, sondern ausgespielt. Schon das allein lohnt das Anschauen von „Aretha“. Betreut wurde der musikalische Soundtrack von dem namhaften Jazzmusiker und Filmkomponisten Terence Blanchard. Für eine hohe Produktionsqualität garantieren die Koproduzenten Ron Howard und Brian Grazer, die bereits seit 2005 gemeinsam Fernseh- und auch Kinoproduktionen herstellen.

04.08.2021 – Harald Keller/MK

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