Richard Kropf/Elena Senft/Anneke Janssen/Till Franzen/Laura Lackmann/ Stefan Bühling: Das Wichtigste im Leben. 10‑teilige Serie (Vox)

Alltag kann sehr spannend sein

19.08.2019 •

Mit der Dramaserie „Das Wichtigste im Leben“ präsentierte der Privatsender Vox im Bereich Serien seine dritte Eigenproduktion – nach den vorausgegangenen beiden Formatadaptionen „Club der roten Bänder“ (vgl. MK-Kritik), beruhend auf einem Vorbild des katalanischen Fernsehens aus dem Jahr 2011, sowie „Milk & Honey“, einer Serie, die 2015 unter dem Originaltitel „Johnny VeAbirey Hagalil“ im israelischen Fernsehen lief.

Erstmals setzte die Redaktion von Vox nun auf einen eigenen Stoff. Kreiert wurde die Serie von Richard Kropf (Headautor), der an allen zehn Episoden-Drehbüchern beteiligt war, entweder als Alleinautor oder in Kooperation mit entweder Elena Senft oder Anneke Janssen. Das Regiekonzept stammt von Till Franzen, der die ersten vier Folgen in Szene setzte. Des Weiteren führen Laura Lackmann und Stefan Bühling bei der Serie Regie.

Bei „Das Wichtigste im Leben“ erneuerte Vox die Zusammenarbeit mit der Kölner Produktionsfirma Bantry Bay Productions, die dem Sender, in enger Zusammenarbeit mit dem Serienschöpfer und Co-Executive-Producer Albert Espinosa, 2015 mit „Club der roten Bänder“ einen Quotenerfolg beschert hatte. „Milk & Honey“, die Geschichte einer Gruppe von männlichen Escorts und Strippern in der ostdeutschen Provinz, fand bei Vox nicht annähernd die gleiche Publikumsnachfrage, was durch den unglücklich gewählten Titel, das exotisch wirkende Thema und die zu Beginn unklare Erzählhaltung noch zu erklären wäre. Jedoch erreichte auch „Das Wichtigste im Leben“ – immerhin mit Jürgen Vogel in einer der Hauptrollen – nicht die erhofften Zuschauerzahlen. Der durchschnittliche Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe lag bei 6,1 Prozent (der Senderschnitt hier betrug im Juni 7,1 Prozent).

Dabei setzte Vox nunmehr auf das zunächst konventionell erscheinende Genre der Familienserie. Die Fankhausers sind eine fünfköpfige Bonner Familie. Vater Kurt (Jürgen Vogel) ist Basketballtrainer. Mutter Sandra (Bettina Lamprecht), eine gelernte Köchin, widmet sich seit langem der Familie und plant jetzt die Eröffnung eines Cafés – ein langgehegter Traum, den sie im Verlauf der Serienerzählung verwirklicht. Der Rest der Familie besteht aus dem Vorschulkind Theo (David Grüttner), der pubertierenden Tochter Luna (Bianca Nawrath) und Adoptivsohn Philipp (Sidney Holtfreter). Philipp hat eine schwarze Hautfarbe, so wie der ebenfalls von einer weißen Familie adoptierte Randall Pearson in der US-Serie „This Is Us“ (NBC) – eine dieser zufälligen Übereinstimmungen, von denen es so erstaunlich viele gibt im deutschen Serienschaffen.

Mit „This Is Us“ hat der amerikanische Autor und Schauspieler Dan Fogelman bewiesen, dass das Genre der Familienserie nicht altbacken gestaltet sein muss. Vielmehr ist sein Serienkonzept sehr fordernd – in harten Schnitten bewegt sich die Erzählung innerhalb einer Episode elliptisch zwischen vier Generationen und setzt so das aktuelle Geschehen und Verhalten in Beziehung zu Vorgängen in früheren Perioden. Das Themenspektrum reicht dabei von familiären Sujets wie der Kindererziehung bis zu historischen und gesellschaftlichen Problemstellungen, vom Vietnamkrieg bis hin zu den Rassenproblemen der heutigen US-Gesellschaft. Trotz dieser ungemein anspruchsvollen Form wurde „This Is Us“ bei NBC ein Publikumshit (vgl. diese MK-Meldung und diesen MK-Artikel).

„Das Wichtigste im Leben“ ist, ganz wertfrei, schlichter strukturiert und damit zugänglicher. Alle Mitglieder der Familie bekommen jeweils Handlungsstränge. Für Konfliktpotenzial sorgt beispielsweise Philipps Entscheidung, den Basketballsport aufzugeben und eine Tanzausbildung zu beginnen. Für Vater Kurt eine Enttäuschung. Es dauert, bis er sich dazu durchringen kann, den Sohn zu unterstützen. Tochter Luna erlebt die erste große Liebe und dabei gleich eine gepfefferte Enttäuschung. Nesthäkchen Theo bekommt den Hund Fredo geschenkt, der ihm prompt gestohlen wird. Der tierliebe Theo legt daraufhin ein Schweigegelübde ab und will erst wieder sprechen, wenn Fredo heimgekehrt ist. Eine liebenswerte Schrulle, die Theo allerdings die Schulempfehlung kostet.

Richard Kropf und seine Koautorinnen verstehen sich darauf, selbst alltägliche Vorgänge spannend zu erzählen. Dies gelingt teils mit einfachen Kniffen wie der andeutenden Vorwegnahme dramatischer Ereignisse. Einen massiven Einschnitt markiert der Unfalltod von Kurts Bruder Stefan (Denis Schmidt), der eine hochschwangere Freundin (Nadja Becker) hinterlässt. Die Folgen dieses tragischen Verlusts werden über mehrere Episoden hinweg sensibel mit anderen Handlungsfäden verknüpft, wie überhaupt die gesamte Serie mit Einfühlungsvermögen und im positiven Sinne emotional, nie schwülstig, gestaltet wurde.

Nennenswert ist die Rollengestaltung des Kleinsten der Familie. Theo weist schwache Züge des Asperger-Syndroms auf, das hier deutlich sorgfältiger ausgearbeitet wurde als beispielsweise in „Club der roten Bänder“, wo die autistische Beeinträchtigung der Figur Toni Vogel (Ivo Kortlang) bei Bedarf als Handlungsauslöser diente, ansonsten aber vernachlässigt wurde.

„Das Wichtigste im Leben“ rangiert, auch mit Blick auf die Regie und die schauspielerischen Leistungen, deutlich über dem Durchschnitt deutschen Serienschaffens. Die Kinder werden nicht naiver als nötig gezeigt, schon gar nicht als goldige Humorlieferanten missbraucht, sondern bekommen jeweils altersgemäße, vor allem emotionale Intelligenz zugebilligt. Die Jugendsprache, wie man sie hier hört, mag bisweilen klischiert klingen, ist aber durchaus stimmig. Das ist auch die Einbindung der in dieser Altersschicht so bedeutsamen sozialen Medien.

Rundum gelungen aber ist auch diese Produktion nicht. Philipps Ballettlehrer, dargestellt von Aleksandar Jovanovic, rutscht mit seinem von stechenden Blicken begleiteten deutsch-englischen Motivationskauderwelsch wiederholt in die Karikatur ab. Als ungemein störend erweist sich der übermäßige und oft aufdringliche Einsatz von typischer 80er-Jahre-Musik, mit der vermutlich das Publikum mittleren Alters angesprochen werden soll. Die Oldies mögen zu den Eltern Fankhauser noch passen; wenn aber Kim Wilde aus den Kopfhörern der dreizehnjährigen Luna schallt, ist man eher irritiert – da war wohl eine mögliche CD-Kompilation zur Serie Vater des Gedankens. Ungleich passender sind die – als MP3-Download erhältlichen – Originalkompositionen von Jens Oettrich, der bereits „Club der roten Bänder“ musikalisch untermalte. Ein skeptisches Stirnrunzeln lässt sich nicht vermeiden, wenn sich Luna in der letzten Folge eine Sepsis zuzieht, diese potenziell lebensgefährliche Infektion aber nur an Ort und Stelle von einem Sanitäter mit einem frischen Wundverband behandelt wird.

Die genannten Defizite sind nur kleine Eintrübungen des Gesamteindrucks – und sie wären zu vermeiden gewesen. Insgesamt bleibt jedoch der Gesamteindruck positiv. Man würde gerne hoffen, dass diese Serie trotz der für den Sender unbefriedigenden Quoten eine Zukunft hat – bei Vox könnte vielleicht ein anderer Sendeplatz als der Mittwochabend funktionieren, an dem die Serie jeweils in fünf Doppelfolgen lief. Vielleicht wäre auch ein Wechsel zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder zu einem Streaming-Anbieter denkbar. Den Produktionsfirmen bieten sich heute bekanntlich umfassendere Möglichkeiten der Platzierung und Vermarktung als früher.

19.08.2019 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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