Marc Brost/Sandra Stöckmann/Christian Twente: Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge (ZDF)

Spannende Rekonstruktion

29.09.2019 •

Über mangelnde Präsenz im Programm des ZDF wird sich die Bundeskanzlerin kaum beklagen können. Widmete ihr der Sender Mitte Juli die Dokumentation „Mensch Merkel“ (vgl. MK-Kritik), stand die Regierungschefin und langjährige CDU-Vorsitzende nur eineinhalb Monate später schon wieder beim ZDF im Fokus. Diesmal in einem Doku-Drama, das jenen 4. September 2015 zu rekonstruieren versuchte, an dem die Kanzlerin entschieden hatte, die deutschen Grenzen für den Treck von gut 1000, vornehmlich syrischen Flüchtlingen offen zu lassen, die sich Tage zuvor von der ungarischen Hauptstadt Budapest aus zu Fuß auf den Weg Richtung Österreich gemacht hatten. Das Datum dieses Freitags ist durchaus ein historisches. Nicht nur, weil Rechtspopulisten es seitdem für den (angeblichen) Sündenfall der deutschen Migrationspolitik ins Feld führen.

Es gab im Fernsehen bereits mehrere Versuche – wie beispielsweise Torsten Körners Film „3 Tage im September. Angela Merkels einsame Entscheidung“ (Arte/MDR Fernsehen; vgl. MK-Kritik) –, den Ereignissen mit dokumentarischen Mitteln, Archivbildern und Zeitzeugen beizukommen. Doch wie genau dieser Tag ablief, an dem Merkel zu später Stunde ihre vermeintlich einsame Entscheidung traf, konnte dabei natürlich nicht lückenlos nachgezeichnet werden. Insofern war die Idee, diese Leerstellen in Form eines Doku-Dramas zu füllen, keineswegs abwegig.

Der 90-minütige Film „Stunden der Entscheidung – Angela Merkel und die Flüchtlinge“ beginnt mit einer routinemäßigen, morgendlichen Lagebesprechung im Kanzleramt in Berlin. Mit ein paar nicht sonderlich brisanten Terminen in Bayern und Nordrhein-Westfalen stehe der Kanzlerin ein vergleichsweise entspannter Tag bevor, stellt der diensthabende Referent ihr in Aussicht. Um 20.00 Uhr habe sie Feierabend, so erklärt er. Dass daraus nichts wird und der Arbeitstag für Merkel erst weit nach Mitternacht endet, ist keine neue Information. Auch nicht, dass die Situation der Flüchtlinge in Ungarn, wo Regierungschef Viktor Orbán sie nur schnellstmöglich loswerden möchte, im Lauf dieses Tages immer im Hintergrund präsent ist.

Merkel lässt sich zwischen ihren Pflichtterminen von ihren Begleitern auf dem Laufenden halten, telefoniert mit dem österreichischen Kanzler Werner Faymann (SPÖ), der sie mehrfach um Hilfe bittet; sie hält Rücksprache mit dem damaligen Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU), mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Vizekanzler Sigmar Gabriel (beide SPD). Nur CSU-Chef Horst Seehofer geht an diesem Abend einfach nicht ans Telefon. Vermutlich weil er ahnt, was die Kanzlerin von ihm will, und er dann später sagen kann, er habe seine Zustimmung zur Grenzöffnung nicht gegeben. „Sie hat es versucht. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, erklärt der damalige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) in einem Statement zu Merkels Bemühungen, Seehofer zu erreichen. Könnte er vermutlich schon, will er aber nicht.

Sigmar Gabriel ist der einzige von den Telefongesprächspartnern dieses Tages, der für den Film zu einem Statement bereit ist und den Verlauf seines Gesprächs mit Merkel mehr oder minder bestätigt. Bei allen anderen Telefonaten bleibt die Authentizität Spekulation. Im Vorspann hieß es, der Film basiere „auf den Schilderungen unmittelbar beteiligter Personen“. Angefügt wurde dort aber, dass „einige politisch Verantwortliche für ein Interview nicht zur Verfügung“ gestanden hätten. Wozu auch die Hauptzeugin Angela Merkel gehört. So dürfte zumindest der Wortlaut der einzelnen Gespräche in erster Linie der kreativen Phantasie der Drehbuchautoren Marc Brost und Sandra Stöckmann entstammen.

Verkörpert wird die Kanzlerin in den Spielszenen von der Schauspielerin Heike Reichenwallner. Damit die Übergänge von Archivbildern und Fiktion funktionieren, wurde sie natürlich auf physiognomische Ähnlichkeit getrimmt und muss deshalb auch, wie Angela Merkel an diesem Tag, ein schlecht sitzendes, hellblaues Sakko tragen. Die Dramaturgie läuft in der Regel so ab, dass man in dokumentarischen Sequenzen die Regierungschefin nach dem Verlassen einer Veranstaltung ins Auto steigen sieht, wo sie bzw. Reichenwallner anschließend in Spielszenen Telefonate führt und sich mit ihrem Begleiter austauscht. Ob sie dabei an jenem Tag in München herzhaft in eine Leberkäse-Semmel gebissen hat, wie es im Doku-Drama zu sehen war, dürfte kaum überliefert sein. Hier geht es den Autoren und Regisseur Christian Twente vermutlich nur darum, die Kanzlerin mit dem Attribut bodenständig zu versehen. Ähnliches gilt für die Sequenz, in der sie sich am späten Abend in ihrer Privatwohnung noch einen Eintopf aufwärmt.

Weitaus reibungsloser als bei Merkel/Reichenwallner funktionieren die Übergänge von Archivbildern und Fiktion beim Flüchtlingstreck in Ungarn, wo Mohammad Zatareih (in den Spielszenen verkörpert von Aram Arami) zum Anführer avanciert. Dass sich die Syrer dabei untereinander in akzentfreiem Deutsch unterhalten, ist dabei einmal mehr eine groteske Entscheidung, um nur ja keine Zuschauer durch Untertitel zu verschrecken.

Alles in allem gelingt es dem Doku-Drama (Produktion: AVE Publishing) auch dank der Statements von diversen Insidern, die Dramatik dieses Tages im September, als eine deutsche Kanzlerin im Sinne der Menschlichkeit handelte, erhellend und spannend nachzuzeichnen und ein Verständnis für die Ereignisse zu ermöglichen. Wobei das Geschehen noch einmal mächtig Fahrt aufnimmt, als die ungarische Regierung die Flüchtenden mit Bussen zur österreichischen Grenze bringen lässt und dadurch das Zeitfenster für eine Entscheidung Merkels merklich verkürzt. Zudem eröffnet der Film (1,94 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,9 Prozent) vielfach plausible Einblicke in die Hinterzimmer des Politikbetriebs, der auch an einem späten Freitagabend noch funktionieren muss. Wenn Merkel ihre Büroleiterin und enge Vertraute Beate Baumann (gespielt von Tilla Kratochwil) gegen 23.00 Uhr bittet, mal eben abzuklären, welche EU-Staaten wie viele Flüchtlinge aufzunehmen bereit sind, hätte man allerdings schon gern gewusst, wie so etwas um diese Uhrzeit funktioniert.

29.09.2019 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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