Lothar Schröder: 50 Jahre WDR Fernsehen – Experimente & Talente (WDR Fernsehen)

Nostalgische Selbstbeweihräucherung

19.12.2015 •

Die Zeiten, als man bei Sendergeburtstagen in den Redaktionsstuben zu Mettbrötchen mit einem Kaltgetränk anstieß, sind lange vorbei. Heute werden solche Jubiläen wie selbstverständlich auf dem Bildschirm gefeiert. Nachdem der Norddeutsche Rundfunk den 50. Geburtstag seines NDR Fernsehens in diesem Jahr mit mehreren Sondersendungen beging (vgl. MK-Meldung), wollte sich auch der Westdeutsche Rundfunk (WDR) nicht lumpen lassen und hatte zum Fünfziger-Jubiläum seines Dritten Fernsehprogramms bei Lothar Schröder ein filmisches Ständchen zur besten Sendezeit in Auftrag gegeben. Der freiberufliche Autor, der für diverse Formate des öffentlich-rechtlichen Senders arbeitet und zu ähnlichen Anlässen bereits mehrfach demonstriert hat, dass er es versteht, Archivschnipsel zu launigen Bilderbögen zu montieren, lieferte hier das Erwartbare. Wobei er sich auftragsgemäß an die Vorgabe hielt, gezielt auf das Dritte Programm des WDR zu blicken. Zulieferungen des Senders an das Erste – vom „Tatort“ über die „Sportschau“ bis zur „Sendung mit der Maus“ – blieben demnach außen vor (mit, soweit feststellbar, einer Ausnahme, dem „Internationalen Frühschoppen“).

Mit seinem ersten Off-Kommentar gab der Autor die Tonlage seiner Bestandsaufnahme vor. „Der Westdeutsche Rundfunk als Versuchslabor. Viele große Sendungen sind hier schon entstanden.“ Dazu sah man – und es blieb nicht das einzige Mal – Bilder aus „Schmidteinander“. Denn die Anarcho-Comedy mit Harald Schmidt und Herbert Feuerstein führte Schröder im Folgenden immer wieder mal an, wenn es die Kreativität des WDR zu rühmen galt. Ansonsten brachte der Filmemacher in seinem Rückblick (geschätzt) rund 50 Formate unter. Wobei man viele der ausgewählten, vornehmend launigen oder grotesken Szenen bereits aus anderen Zusammenschnitten kannte. So etwa die Szene, in der Ton-Steine-Scherben-Manager Nikel Pallat im Talkformat „Ende offen“ 1971 einen Tisch mit der Axt malträtierte. Auch die rauch- und alkoholschwangeren Plauderrunden des „Internationalen Frühschoppens“ hätten hier eigentlich keiner neuerlichen Erinnerung bedurft.

Unter dem Stichwort „Regionalisierung“ wurde alsdann mit dem Hinweis, dass der WDR hier „Marktführer in NRW“ sei, ausgiebig das Magazin „Aktuelle Stunde“ gefeiert. Was immerhin Gelegenheit bot, frühe, in scheußliche Pullover gekleidete Moderatoren zu bestaunen. Unter ihnen Frank Plasberg, Christine Westermann, Sigi Harreis, Margarethe Schreinemakers und nicht zuletzt Tom Buhrow, der heute WDR-Intendant ist. Buhrow durfte sich in dem Film dann als Senderchef zur in den letzten Jahren grassierenden Regionalisierung, wozu auch jede Menge „Lokalzeit“-Ausgaben gehören, äußern und erklärte: „Die Leute können einfach nicht genug kriegen von ihrer ‘Lokalzeit’.“ Klang da ein entschuldigendes Schulterzucken an, eine vorsichtige Selbstkritik, diese Provinzialisierung des Programms sei auch nicht nach seinem Geschmack, sondern lediglich dem Populismus geschuldet? Da hätte man ja mal nachfragen können, aber etwaige Kontroversen waren im Rahmen dieses braven Rückblicks natürlich nicht vorgesehen.

Wehmütig konnte man indes bei Szenen aus den frühen 1970er Jahren werden, als der WDR in seinem Dritten Programm durchaus noch für Wagemut und Innovation stand. So produzierte der Sender etwa Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ oder streitbare Dokumentationen wie „Rote Fahnen sieht man besser“ und selbst der junge Alfred Biolek sorgte mit seinen unkonventionellen Talks für Furore.

Was Lothar Schröder an aktuellen Kreativitätsbelegen für das WDR Fernsehen anbrachte, waren Sendereihen wie „Zimmer frei!“ (mit Christine Westermann und Götz Alsmann) oder die „Mitternachtsspitzen“ (mit Jürgen Becker an der Spitze). Beides Formate, die längst rund 20 Jahre und mehr auf dem Buckel haben. Dass Schröder diese Oldie-Formate nannte, mag man vielleicht sogar als leise Kritik des Autors sehen, ist aber letztlich nur dem Umstand geschuldet, dass seit Jahrzehnten vor allem in der Unterhaltung von diesem Sender keine Initialzündungen mehr ausgehen. Zaghafte Versuche aus jüngster Zeit wie das Multimedia-Spektakel „Supernerds – Ein Überwachungsabend“ (vgl. MK-Kritik) oder die zweiwöchige Programmoffensive mit neuen Formaten vom August dieses Jahres (vgl. MK-Meldung) ließ der Autor seltsamerweise unerwähnt. Stattdessen musste die von Carolin Kebekus präsentierte Comedy „Pussy Terror TV“, eine abgefilmte Bühnenshow mit Einspielern (vgl. MK-Kritik), als Beleg für – O-Ton Schröder – „junge Talente, neue Gesichter und innovative Sendungen“ im WDR Fernsehen dienen. Der Sender hatte ein Geburtstagsständchen bestellt und Lothar Schröder hat auftragsgemäß geliefert. Ob es gleich eine derart wohlmeinende, nostalgische Selbstbeweihräucherung hätte werden müssen, ist eine andere Frage.

19.12.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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