Das dritte Dritte: Das NDR Fernsehen erinnert an seine 50‑jährige Programmgeschichte

Am Anfang war ein Sprachkurs: „Französisch im Fernsehen“ lautete am 20. September 1965 um 19.00 Uhr der Titel der ersten Sendung in der Geschichte des NDR Fernsehens. Damit startete der Norddeutsche Rundfunk das dritte Dritte Programm im ARD-Verbund. Zuvor hatten der Bayerische Rundfunk (BR) und der Hessische Rundfunk (HR) ihre Dritten Programme auf den Bildschirm gebracht. Weil neben Radio Bremen (RB), bis heute Mitproduzent des NDR Fernsehens, seinerzeit auch noch der damalige Sender Freies Berlin (SFB) beteiligt war, firmierte das neue Angebot anfangs als „Drittes Fernsehprogramm NDR/RB/SFB“. Der SFB schied 1992 als Partner aus.

Vom 14. bis 20. September erinnerte das NDR Fernsehen nun mit Spezialbeiträgen oder Sonderausgaben an seine 50-jährige Geschichte. Die Rückblicke ballten sich am Abend des 16. September. An jenem Tag – einem Mittwoch – war auf dem 21.00-Uhr-Sendeplatz der von der NDR-Naturfilm-Redaktion zusammengestellte 45-Minüter „50 Jahre Wildnis im Wohnzimmer“ zu sehen, um 22.50 Uhr lief im Satiremagazin „Extra 3“ eine 30-minütige Sonderausgabe mit dem Titel „Abend der Legenden“ und schließlich zu sehr später Stunde die Dokumentation „Unsere Geschichte – Unser NDR.“ (23.50 bis 0.50 Uhr), eine Oral-History-Produktion, in der prägende Figuren des Norddeutschen Rundfunks von früheren Erlebnissen erzählten. Entscheidend sei gewesen, „an was sie sich erinnern und wie sich erinnern“, so Hans-Jürgen Börner, einer der sieben beteiligten Autoren, zum Konzept dieses Films. Zu den Interviewpartnern zählten unter anderem Peter Merseburger, der langjährige Redaktionsleiter des vom NDR verantworteten ARD-Politmagazins „Panorama“ (1967 bis 1975), und Jobst Plog, der von 1991 bis 2008 Intendant des Senders war.

Alfred Grosser im Fernsehen

Da das Konzept davon geprägt war, was den Protagonisten selbst am wichtigsten war, standen in dem einstündigen Film zum50-jährigen Bestehen des norddeutschen Dritten Programms die Eckpunkte der NDR-Gesamtgeschichte im Vordergrund, die ja spätestens 1956 mit der Aufspaltung des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) in NDR und WDR begonnen hatte. Die Geschichte des eigenen Fernsehprogramms war hier nur ein Thema unter vielen. Und das war insofern schade, als zum Beispiel der anfängliche Charakter des Dritten Programms als Experimentierbühne kaum gewürdigt wurde.

Peter Merseburger, 1965 vom „Spiegel“ zum NDR gewechselt, sagt zwar, die erste Aufgabe, die er beim Sender hatte, sei es gewesen, fürs neue Dritte den Dienstagabend zu bestücken; was genau der Inhalt dieser Programmstrecke war, erfährt man in der Dokumentation aber nicht. Auf telefonische Nachfrage sagt Merseburger, es habe sich um die Reihe „Forum“ gehandelt, in der ein Film mit einer abschließenden Open-End-Diskussion gekoppelt war.

Ohne Druck Programm machen

Die von ihm betreute Reihe habe unter anderem das Ziel gehabt, „Gegensätze besser herauszuarbeiten, als es die Presse damals tat“, so Merseburger: „Strittig waren vor allem der britische Europa-Beitritt, die Außenpolitik Ludwig Erhards, aber auch seine Konjunkturpolitik.“ Europa-Politik sei generell ein wichtiges Thema gewesen. „Forum“ habe zum Beispiel „den jungen Alfred Grosser ins Fernsehen gebracht“. Der deutsch-französische Publizist Grosser feierte in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag. Merseburger, heute 87 Jahre alt, bilanziert: „Eigentlich konnten wir machen, was uns gerade einfiel.“ Die Möglichkeit, ohne Druck das Programm zu machen, das man für angebracht hält, bekommen Redakteure heute ja nur noch äußerst selten.

Einen sehr guten Eindruck hat „Unsere Geschichte – Unser NDR“ von den existenziellen Turbulenzen eingefangen, in die der NDR geriet, nachdem 1978 Gerhard Stoltenberg (CDU), der damalige christdemokratische Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, den Staatsvertrag gekündigt hatte. Der Grund: Der NDR war nicht bereit gewesen, einer Forderung des damals aus Ministern der Staatsvertragsländer zusammengesetzten Verwaltungsrats Folge zu leisten.

Stoltenbergs Befehl

Die Gremienmitglieder verlangten, eine im Dritten Programm ausgestrahlte Reihe mit dem nüchternen Titel „Der Betriebsrat“ abzusetzen, die den Anspruch hatte, Arbeitnehmern das Betriebsverfassungsgesetz nahezubringen. Stoltenberg war zwar auch verärgert über allzu polizeikritische NDR-Berichte über die Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk Brokdorf, „schlimmer noch“ sei aber die Quasi-Befehlsverweigerung in Sachen „Der Betriebsrat“ gewesen, sagt Ex-Intendant Jobst Plog in dem Film. Er war zu dem Zeitpunkt Justiziar des NDR.

Mit Stoltenberg verbündete sich seinerzeit sein niedersächsischer CDU-Ministerpräsidentenkollege Ernst Albrecht, der proklamierte: „Wir werden über den NDR das ganze Rundfunkwesen in Deutschland verändern.“ Als das Bundesverwaltungsgericht die „Anschlusskündigung“ Niedersachsens für unwirksam erklärte, war die Zerschlagung gestoppt – und die drei alten Staatsvertragsländer, also Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen, einigten sich auf eine neue Vereinbarung. (Nach dem Mauerfall kam noch Mecklenburg-Vorpommern als viertes NDR-Staatsvertragsland hinzu.) Irritierend ist allemal, dass dem öffentlich-rechtlichen Sender das eigene Jubiläum offenbar so wenig wichtig erschien, dass er „Unsere Geschichte – Unser NDR“ erst kurz vor Mitternacht starten ließ. Wenn man nicht einmal aus einem derart besonderen Anlass willens ist, das Programmschema ein bisschen aufzubrechen und eine 60-minütige Dokumentation früher zu präsentieren – wann denn sonst?

Was ist einem ein Jubiläum wert?

Unter mangelnder Flexibilität litt auch die „Extra-3“-Sondersendung „Abend der Legenden“. Vier verschiedene Ex-Moderatoren des 1976 gestarteten Formats – das im ersten Drittel seiner Geschichte kein reines Satiremagazin war, sondern eine Sendung mit einer thematisch bunten Mischung – waren zu Gast: Jörg Thadeusz, Tobias Schlegl, Thomas Pommer und der bereits erwähnte Hans-Jürgen Börner. Jeder von ihnen hatte während der Sendung einen Kurzauftritt zum aktuellen Thema Flüchtlinge. Da der „Abend der Legenden“ – wie eine reguläre Ausgabe von „Extra 3“ – nur 30 Minuten dauerte, wirkten diese Stand-up-Beiträge ziemlich gehetzt. Eine Art feierliche Stimmung vermochte die Sendung nicht auszulösen. Erst recht war es in der kurzen Zeit nicht möglich, Substanzielles zur Geschichte des Magazins unterzubringen.

Vielleicht holt der NDR das ja im nächsten Jahr nach, wenn „Extra 3“ 40 Jahre alt wird. Darauf, dass die Jubiläumssendung dann länger als eine halbe Stunde dauern wird, sollte man aber wohl lieber nicht hoffen.

09.10.2015 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 24/2016

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren