Jan Tenhaven: Hey, ich bin Jude! – Jung. Jüdisch. Deutsch. (ZDF)

Als Jude normal sein können

26.11.2020 •

Der Schwerpunkt des ZDF am 9. November zum Thema jüdisches Leben im heutigen Deutschland, der um 20.15 Uhr mit dem 85-minütigen Spielfilm „Das Unwort“ begonnen hatte (vgl. MK-Kritik), bekam seinen dokumentarischen Akzent durch die Zeugnisse jüdischer Jugendlicher, die Jan Tenhaven zusammengetragen hatte. Ohne Schnörkel reihte er in seiner 45-minütigen Dokumentation „Hey, ich bin Jude! – Jung. Jüdisch. Deutsch.“ Aussage an Aussage, verzichtete auf jeglichen Kommentar aus dem Off und vermochte so umso mehr, auf eine völlig unspektakuläre Weise eine aufschlussreiche Zustandsbeschreibung der Lebenswirklichkeit dieser Personengruppe zu liefern. Erleichtert wurde es ihm durch die Protagonisten, die einerseits sehr selbstbewusst auftraten, andererseits aber ohne zusätzliche Dramatik von ihrer Einstellung zur Religion und über ihre Erfahrungen mit Mitschülern, Kommilitonen und Lehrern berichteten.

„An jüdischen Feiertagen nicht zur Schule gehen, am Samstag nicht mit Freunden feiern“, das gehöre dazu, hieß es einmal – eigentlich ganz normal. Und so wollen sie auch gesehen werden. Roman, der Sportler, oder Meira, die Kindersitterin, Nika, der Musiker, oder die queere Lucia. Und die vielen anderen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren, die hier offen vor der Kamera sprachen. Religion spielt in ihrem Leben eine Rolle, sie sehen darin aber nichts Besonderes. Sie schilderten ihre Beziehung zur jüdischen Gemeinde, die mal mehr, mal weniger eng ist. Aber sie sind nicht strenggläubig. Was etwa die jüdischen Speisegesetze angeht, kann eine Jugendliche nur der Vorschrift etwas abgewinnen, dass das Essen von Insekten verboten ist. „Es gibt keine Skala, in der ich hochkommen kann, damit ich mehr jüdisch bin“, so eine andere Aussage. Schabbat bedeute dann eben, dass das Handy ausgeschaltet sei und man sich konzentrieren könne auf wirklich wichtige Dinge. Das gebe ein Gefühl von Freiheit und sei nicht etwa eine Einschränkung.

Alles normal also? Keinesfalls. Denn die Interviewten berichten auch von Diskriminierung und Mobbing, vom Schweigen der Umstehenden, wenn man als Jude handgreiflich angegriffen werde. Sie hören Aussagen wie „Komm, wir vergasen dich!“ und dabei wird ihnen der Rauch einer E-Zigarette ins Gesicht geblasen, oder Sprüche wie: „Wenn alle Juden sind wie du, dann kann ich Hitler verstehen“ – und das sind noch die eher harmlosen Zitate aus dem Alltag der jungen jüdischen Deutschen. Sie vermissen Zivilcourage bei der Mehrheit von Mitschülern und Lehrern, wenn diese mitbekommen, dass jüdische Mitbürger malträtiert werden. Denn es geschieht offenkundig nicht mehr nur im Verborgenen. Selten nur, dass sich jemand später entschuldigt. Umgekehrt ist den jungen Menschen die jüdische Gemeinde vor Ort und die weltweite Community wichtig. Weil die Gemeindemitglieder für einen da seien, wenn es nötig sei. Man lernt in dem Beitrag (Produktion: Nordend Film) eine neue, junge Generation jüdischen Glaubens kennen, die sich in den Gemeinden engagiert. Ihr größter Wunsch: als Jude normal sein können.

Eine Kommentarebene gibt es neben den Aussagen der Interviewten in dem Film dennoch: Iris Berben, die im vorangegangenen Fernsehfilm „Das Unwort“ eine Vertreterin der Schulaufsichtsbehörde spielte, liest in kurzen Passagen aus einer schriftlichen Dokumentation Beschimpfungen vor, denen sich Juden in Deutschland ausgesetzt sehen. Es sind Unterbrechungen der Selbstzeugnisse der jüdischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die von Iris Berben vorgelesenen Zitate klingen derber und brutaler als das, was die Interviewten über ihre Negativerfahrungen im Alltag erzählt haben. Die Schauspielerin vermag es zudem, am jeweiligen Ende ihres Parts das Publikum auffordernd anzuschauen, so als wolle sie sagen: „Und du? Wie stehst du zu solchen Schmähungen?“ Und dann stellt sie die berechtigte Frage an die Zuschauer, ob sie denn aus ihrem Alltag einen Juden kennen würden.

26.11.2020 – Martin Thull/MK

` `