Leo Khasin: Das Unwort (ZDF)

Mit Happy End

26.11.2020 •

Konferenz wegen der Klasse 9c an einer Berliner Schule. Auf dem Elternabend soll ein Vorfall zwischen Schülern geklärt werden. Nach und nach stellt sich heraus, dass es nicht um irgendeine Schulhofprügelei geht, sondern um systematisches antisemitisches Mobbing – ausgehend von muslimischen Schülern. Die Klassenlehrerin stiehlt sich zunächst aus der Verantwortung. Und der zwielichtige Schulleiter setzt alles daran, den schon lange schwelenden Konflikt unter den Teppich zu kehren. Die satirische Tragikomödie „Das Unwort“, die das ZDF am 9. November auf dem Montagsprogrammplatz „Fernsehfilm der Woche“ ausstrahlte, bildete zusammen mit der anschließenden Dokumentation „Hey, ich bin Jude“ (vgl. MK-Kritik) einen Schwerpunkt zum Thema jüdisches Leben im heutigen Deutschland. Zugleich erinnerte der Sender mit diesem Schwerpunkt an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938, als durch den Nazi-Terror im Deutschen Reich die Synagogen brannten.

Der Spielfilm „Das Unwort“ gliedert sich in zwei Schauplätze. In der Rahmenerzählung debattieren Simon Berlinger (Thomas Sarbacher) und Valerie Berlinger (Ursina Lardi), die Eltern des gemobbten jüdischen Schülers Max (Samuel Benito), mit der Klassenlehrerin Annika Ritter (Anna Brüggemann), dem Schuldirektor (Devid Striesow) und Dr. Gisela Nüssen-Winkelmann (Iris Berben) von der Schulaufsichtsbehörde. Unterdessen illustriert eine mehrfach gestaffelte Rückblende immer mehr Details aus dem Schulalltag.

Max ist zunächst befreundet mit dem muslimischen Mitschüler Reza (Victor Kadam). Nachdem dieser aber erfährt, dass Max Jude ist, reagiert er ablehnend: „Ich dachte immer, ihr seid normal.“ Reza verrät den Freund und schlägt sich auf die Seite des betont frauenfeindlichen palästinensischen Mitschülers Karim (Oskar Redfern), der in der Klasse das Wort führt. Der schüchterne Versuch der Klassenlehrerin, mit der 9c das „Tagebuch der Anne Frank“ durchzunehmen, wird von Karim mit der Begründung abgeschmettert, Juden würden den Holocaust benutzen „als Entschuldigung für ihre Verbrechen“. Ein anderer Schüler pflichtet ihm bei, Anne Franks Tagebuch sei „eine Fälschung“. Die Lehrerin kapituliert – hier stellt der Film ein symptomatisches Problem realistisch und mutig dar.

Auf den Einwurf von Max, seine Großmutter sei im KZ Auschwitz gewesen, spitzt sich die aggressive Haltung ihm gegenüber bedrohlich zu. In einer Pause wird die Klassenlehrerin Zeugin, wie Karim und Reza gemeinsam mit anderen ihrem jüdischen Mitschüler auf dem Schulhof die Halskette mit dem Davidstern wegnehmen. Im darauf folgenden Handgemenge beißt Max, der sich gegen die Übermacht zu wehren versucht, Karim ein Ohrläppchen ab und bricht Reza die Nase. Diese Szene, bei welcher der zuschauenden Lehrerin das Blut auf die Bluse spritzt, ist in einer Besprechung des Films kritisiert worden. Sie entspreche einer Täter-Opfer-Umkehr.

Ihr Wissen über die Vorgänge verleugnet die Klassenlehrerin zunächst. Begründung: Anti­semitismus sei nicht ihr Thema. Sie und ihre Eltern seien ja nach dem Zweiten Weltkrieg geboren – eine Anspielung auf Helmut Kohls umstrittene Äußerung von der „Gnade der späten Geburt“. In ihrer eigenen Schulzeit, so die Lehrerin weiter, sei sie stets mit dem Holocaust traktiert worden, jetzt sei es auch mal genug. Man müsse zudem Karim verstehen, der wolle ja nur „sein Gesicht wahren“. Außerdem seien er und seine Familie in Deutschland als Flüchtlinge ja „nur geduldet“.

Anna Brüggemann spielt diese Berliner Multikulti-Pädagogin, deren Pseudo-Sensibilität in einem hysterischen Anfall gipfelt, mit diabolischer Überzeugungskraft. Schwer nachvollziehbar ist es daher, dass die unter Druck geratene Klassenlehrerin plötzlich wie aus dem Nichts ein Tagebuch hervorzaubert, in dem sie das antisemitische Mobbing gegen Max akribisch dokumentiert hat. Diese Aufzeichnungen bringen dann den Direktor unter Druck. Auf seine unnachahmliche Art spielt Devid Striesow einen Karrieristen, der seine nicht wirklich ernst gemeinte Initiative gegen Antisemitismus („Es kommt ein toller Überlebender aus Sachsenhausen“) eigentlich nur deshalb lanciert, um in der Politik Karriere zu machen.

Akzente setzt daneben auch Iris Berben, die sich als Vertreterin der Schulaufsichtsbehörde zunächst wie eine seelenlose Bürokratin geriert, dann aber als akribische Aufklärerin punktet. (Sie tritt auch in der anschließenden Dokumentation als Mitwirkende in Erscheinung.) Ihre stärkste Szene hat sie in dem Spielfilm, als Rezas muslimische Mutter verspätet auftaucht, um die Konferenz mit einem genervten Monolog zu sprengen, der in jenem Ausspruch gipfelt, dem der Film seinen Titel verdankt: „Hier in Deutschland nennt man die Dinge nicht beim Namen. Man spricht hier von Franzosen, man spricht von Spaniern. Von Juden spricht man nicht. Man spricht von jüdischen Mitmenschen, von der christlich-jüdischen Leitkultur. Von Juden spricht man nicht. Man sollte das Wort ‘Jude’ zum Unwort des Jahres machen. Das spiegelt die Stimmung in diesem Land wider. Eine offene Gesellschaft versteh ich anders.“

Der Regisseur und Drehbuchautor Leo Khasin, bekannt durch den Kinofilm „Kaddisch für einen Freund“ (2012), greift in dem ZDF-Fernsehfilm ein relevantes Thema auf. „Das Unwort“ (Produktion: Moovie) zeigt, inwiefern die deutsche Gesellschaft in manchen Punkten nicht wirklich offen ist. Der Film thematisiert, wie jüdische Mitbürger partout nicht zu einer gelebten Normalität finden können. Sie werden von der Thematik ihres Judentums immer wieder eingeholt, ob sie wollen oder nicht. Schuld daran – und das arbeitet der Film pointiert heraus – ist unter anderem die mangelnde Bereitschaft vieler Deutscher, sich dem Thema ehrlich zu stellen, angesprochen von der iranischen Mutter von Reza.

Dass die Eltern jener beiden muslimischen Schüler, die durch antisemitisches Mobbing auffallen, insgesamt weniger in Erscheinung treten, mag der Realität an Berliner Schulen entsprechen. Im Film wird diese nicht unwichtige Thematik fehlender Integrationsbereitschaft vieler Muslime eher am Rande angesprochen. In einer der programmatischen Szenen am Schluss des Films springen die Väter von Max und Karim schließlich über ihren Schatten. Gemeinsam überreden sie die Vertreterin der Schulaufsichtsbehörde, den Vorfall entgegen den Vorschriften zu ignorieren und die beiden Jungs nicht von der Schule zu verweisen. Zum Dank dafür, dass der Vater von Max zu dieser versöhnenden Aktion die Initiative übernahm, umarmt der Palästinenser den Juden herzlich. Dieses Happy End hat allerdings einen bitteren Beigeschmack: Jüdisches Leben in Deutschland, so wird durch den Film klar, mit dem das ZDF ein schwieriges, aber notwendiges Thema aufgreift, kommt in Deutschland einfach nicht zur Ruhe.

26.11.2020 – Manfred Riepe/MK

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