Das Literarische Quartett. Gesprächssendung, Moderation: Thea Dorn (ZDF)

Talk mit Autoren statt mit Kritikern

31.05.2020 •

Gerade mal fünf Jahre nach dem Restart des Formats im Jahr 2015 hat es im März 2020 beim „Literarischen Quartett“ einen weiteren Relaunch gegeben. Der seinerzeit nach vierzehn Jahren Sendepause reanimierte Literatur-Talk (vgl. MK-Kritik) lehnt sich explizit wie konzeptionell an das gleichnamige Format unter der Leitung des 2013 verstorbenen Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki an. Diese von ihm initiierte, in einem Fernsehstudio aufgezeichnete Kritikerrunde war erstmals im Jahr 1988 ausgestrahlt worden und zum letzten Mal im Dezember 2001 zu sehen gewesen. Unter de r Leitung des Literaturkritikers Volker Weidermann wurde das „Literarische Quartett“ dann seit 2015 in den Räumen des Berliner Ensembles vor Publikum aufgezeichnet.

Die im März 2020 gestartete Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ bietet nur moderate Veränderungen. Neue Moderatorin der Talkrunde ist Thea Dorn, die jedoch bereits seit März 2017 neben Volker Weidermann und Christine Westermann festes Mitglied des Quartetts gewesen war (als Nachfolgerin von Maxim Biller). Ebenso bleibt der Ausstrahlungstermin am späten Freitagabend, auf dem Sendeplatz von „Aspekte“, erhalten. Es sind abermals vier Personen, die sich hier zusammenfinden, um über Bücher zu sprechen. Waren es jedoch bei Reich-Ranicki und Weidermann drei feste Teilnehmer und jeweils ein neu dazu geladener Gast, die miteinander sprachen, gibt es nunmehr mit der Moderatorin Thea Dorn nur noch eine feste Personalie. Sie wird jetzt alle zwei Monate mit drei jeweils wechselnden Gästen sprechen (Produktion: Gruppe 5).

Auch die erste Folge des erneuerten „Literarischen Quartetts“ am 6. März (sie war 45 Minuten lang) wurde wieder in den Räumlichkeiten des Berliner Ensembles vor Publikum aufgezeichnet, die zweite Folge am 1. Mai allerdings fand – coronabedingt – ohne Publikum statt (sie dauerte 55 Minuten). Der Schritt heraus aus dem Fernsehstudio in einen Saal mit Publikum war lange Zeit bei den meisten Gesprächsformaten des Fernsehens ein Muss. Erst jetzt, in Corona-Zeiten, zeigt sich, wo dies wirklich eine qualitative Verbesserung mit sich gebracht hat – und wo nicht: nämlich dort, wo die Anwesenheit von Publikum ein inhaltlich gesehen eher überflüssiges Element darstellt.

„Das Literarische Quartett“ in seiner jetzigen Form braucht jedenfalls kein Publikum, wie die zweite Folge am 1. Mai zeigte. Sollte man jedoch diesen Literatur-Talk zum „Literarischen Salon“ sich entwickeln lassen wollen, würde man auch dringend mehr Atmosphäre benötigen. Eine solche kann – bei geeigneter Kameraführung – aus Raum und Publikum kommen, was allerdings auch ein Regiekonzept der anspruchsvolleren Art benötigen würde, als es bei diesem Format (wie bei vielen anderen Gesprächsformaten des Fernsehens) bisher der Fall ist.

In der ersten von ihr moderierten Sendung am 6. März stellte Thea Dorn in einer persönlichen Moderation als Gäste zwei Frauen und einen Mann vor: Marion Brasch, Vea Kaiser und Jakob Augstein. Man kennt sie alle drei bereits aus dem Fernsehen, als Journalisten und Autoren; sie waren jedoch noch nicht als Literaturkritiker in Erscheinung getreten. Drei Frauen und ein Mann besprachen also in dieser Sendung vier Bücher, die von drei Männern und einer Frau geschrieben waren. Auf Geschlechterparität wurde also – zumindest rein rechnerisch – geachtet. 

Alle vier Teilnehmer stellten jeweils ein Buch vor, über das etwa zehn Minuten lang geredet wurde. Das bekannteste Buch der ersten neuen „Quartett“ Ausgabe war zweifellos der Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze, das auch für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden war, ihn aber dann doch nicht erhalten hatte. (Der Preis ging stattdessen, wie am 12. März, also nach Ausstrahlung der Sendung bekanntgegeben wurde, an Lutz Seiler für seinen Roman „Stern 111“.) Nicht zu übersehen bzw. zu überhören waren tagesaktuelle Bezüge wie zum Beispiel das Thema Rechtsextremismus in den ersten beiden Buchvorstellungen: Diese Problematik wird im erwähnten Roman von Ingo Schulze behandelt wie auch in dem Reportage-Roman „Nochmal Deutschboden“ von Moritz von Uslar. Außerdem wurde die Coronakrise mit einer Buchempfehlung thematisiert, indem Albert Camus’ 1947 erschienener Roman „Die Pest“ besprochen wurde, den Dorn als „Anti-Hysterikum“ bezeichnete.

In der zweiten Ausgabe, am 1. Mai, waren dann Eva Menasse, Eugen Ruge und Matthias Brandt dabei und damit drei Gäste, die ebenfalls bereits als Autoren bekannt geworden sind, jedoch wiederum nicht als Literaturkritiker. Unter den vier Titeln, die diesmal von zwei Frauen und zwei Männern vorgestellt wurden, befanden sich zwei alte und zwei neue Bücher, zwei männliche und zwei weibliche Autoren, drei Übersetzungen ins Deutsche und ein Roman in einer Übersetzung aus dem Barockdeutschen ins Hochdeutsche. 

Lag der Prominentenstatus der Gäste der zweiten Talkrunde gefühlt noch etwas über dem der Gäste aus der vorherigen Sendung, so kann man von den vorgestellten Büchern der zweiten Runde sagen, dass deren Auswahl eher noch etwas unerwarteter war als in der ersten. Das gilt sowohl für die beiden vorgestellten Neuerscheinungen, den Roman „Die langen Abende“ der amerikanischen Autorin Elizabeth Strout und den Debütroman der belgischen Autorin Adeline Dieudonné „Das wirkliche Leben“, als auch für die beiden Oldtimer, den 1967 erschienenen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez und dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden „Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Man könnte den beiden letzteren Büchern hinsichtlich eines möglichen Aktualitätsbezugs jedoch eine gewisse Corona-Affinität zubilligen. Eine solche wurde allerdings in der Talkrunde selbst nicht explizit diskutiert: Nach fast zwei Monaten Lockdown hätte man darauf womöglich auch nur mit Überdruss reagiert.

Wer allerdings in diesem neuen Quartett wieder fehlte, war ein Vertreter des klassischen Kritikerstandes – auch Thea Dorn ist ihm nicht zuzurechnen, obgleich ihr Daniel Fiedler, der Leiter der ZDF-Redaktion ‘Kultur Berlin’, explizit bescheinigte, sie habe bereits „lange Jahre unter Beweis gestellt, dass sie die Kunst des Gesprächs über Literatur beherrscht“. Sie selbst hat ihre Motivation wie folgt beschrieben: Sie beabsichtige, „die Glut der Leselust, die in vielen immer noch schlummert, sechsmal im Jahr zum Glühen zu bringen“. 

In den ersten beiden Neuausgaben des Talks wurde allerdings in ihren Gesprächsbeiträgen weder diese „Kunst des Gesprächs über Literatur“ sichtbar noch wurde die von ihr angesprochene „Glut der Leselust zum Glühen gebracht“. Allein eine gewisse Kunst der Gesprächsführung in einem durch das Format eng vorgegebenen Takt bei den einzelnen Gesprächsbeiträgen der Gäste ist Dorn zu attestieren. Da nämlich die Gesprächsteilnehmer – ohne Expertenstatus als Kritiker, nur mit einem Prominentenbonus versehen – bei der Vorstellung ihrer jeweiligen Titel stark von persönlichen Eindrücken ausgingen, kamen schnell Emotionen und Aspekte persönlicher Betroffenheit ins Spiel, die eben auch – im besten Wortsinne – moderiert werden mussten, was Thea Dorn durchaus gelang.

Hat man bereits vor einigen Jahren, allerdings mit mäßigem Erfolg, bereits das Kulturmagazin „Aspekte“ bewusst weg von der Magazinform hin auf ein Unterhaltungsformat der Sorte Lifestyle-Club weiterzuentwickeln versucht (vgl. diesen FK-Artikel und diesen MK-Artikel), so ist offenbar vom ZDF ähnliches für „Das „Literarische Quartett“ beabsichtigt, indem man es jetzt zum „Literarischen Salon“ formen möchte: als unverbindlichen Smalltalk unter illustren Gästen mit Literaturaffinität. Dieses Ziel ist allerdings noch nicht erreicht, wobei man sich auch fragen kann, ob es denn wirklich so erstrebenswert ist. (Die erste Ausgabe des von Thea Dorn geleiteten „Literarischen Quartetts“ hatte 831.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 4,6 Prozent; die zweite Ausgabe hatte 884.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 3,9 Prozent.)

31.05.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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