Claus Kleber/Angela Andersen: Unantastbar – Der Kampf für die Menschenrechte (Arte/ZDF)

Opulent gestaltetes Plädoyer

22.12.2018 •

Das Denken in kleinen Karos ist Claus Klebers Sache nicht. Wann immer der Moderator des „Heute-Journals“ das ZDF-Domizil auf dem Mainzer Lerchenberg verlässt, um für den Sender eine Dokumentation zu drehen, hat er Großes im Visier. So sorgte er sich in den vergangenen Jahren unter anderem um die Welternährung („HUNGER! DURST!“; vgl. FK-Kritik), um den Klimawandel („Machtfaktor Erde“; vgl. diese FK-Kritik) und um den Frieden und dessen nukleare Bedrohung („Die Bombe“; vgl. FK-Heft Nr. 32/09). Stets legten Kleber und seine Koautorin Angela Andersen dafür enorme Flugstrecken zurück und erkundeten den Stand der Dinge an allen erdenklichen Orten. Diesmal hat das Duo den 70. Jahrestag der Unterzeichnung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ zum Anlass genommen, sich auf die Reise zu begeben, um nachzuforschen, wie es um diese UN-Menschenrechtscharta bestellt ist. Die war am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen auf einer Zusammenkunft in Paris verabschiedet worden.

Dass der Film „Unantastbar – Der Kampf um Menschenrechte“ (Produktion: Spiegel TV und Primitive Entertainment/Kanada) mit imposanten nächtlichen Flugbildern über Manhattan beginnt, macht insofern Sinn, als die Vereinten Nationen dort ihren Sitz haben. Kurz darauf prangert der blinde chinesische Regimekritiker Chen Guangcheng, der inzwischen in New York lebt, die Missachtung der Menschenrechte in seinem Heimatland an. Der nun folgenden, schönen Bilder von der Chinesischen Mauer hätte es nicht wirklich bedurft, um den Ortswechsel der Filmemacher kenntlich zu machen, doch Kleber und Andersen sind sich offenbar des Umstands bewusst, dass man auch Schauwerte liefern muss, wenn man die Zuseher mit einer Dokumentation zur besten Sendezeit für 90 Minuten bei der Stange halten will.

Was die Filmemacher aus dem Reich der Mitte zu berichten haben, mutet jedenfalls wie ein veritables Horrorszenario in Sachen Überwachungsstaat an. Man sieht unzählige, lässig gekleidete junge Menschen in einem gläsernen Büro, die an Computerprogrammen basteln, die schlichte Gesichtserkennung schon wie einen Anachronismus erscheinen lassen. Gestützt auf eine – zumindest in den großen Städten – omnipräsente Kameraüberwachung, werden die Bürger im öffentlichen Raum praktisch auf Schritt und Tritt überwacht. „Uns interessieren weniger die Identitäten als die Eigenschaften der Menschen“, lässt ein leitender Angestellter des IT-Büros mit (echter oder gespielter) Unschuldsmiene wissen. Letztlich diene all das nur der Sicherheit und der Verbesserung der Lebensqualität.

Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch, erklärt dazu im Film, dass die chinesische Regierung an einem Punktesystem arbeitet, das auf Basis dieser Überwachung die Eigenschaften, das Verhalten und letztlich auch das Denken jedes einzelnen Bürgers erfassen soll, um dann anhand der Punktezahl unter anderem den Zugang zu Universitäten und bestimmten Berufen oder den Erhalt von Reiseerlaubnissen zu regeln. So etwas haben Diktaturen schon immer zu praktizieren versucht, doch im Hightech-Zeitalter nehmen die Möglichkeiten der Totalüberwachung gespenstische Züge an.

Von China wechselt der Film nach Guatemala, wo eine indigene Bäuerin gegen einen kanadischen Minenkonzern klagt, der sie wie viele andere mit Hilfe von Söldnern von ihrem Land vertrieben hat. Weil beim Thema Menschenrechte natürlich auch Flucht und Migration nicht fehlen dürfen, besuchen Kleber und Andersen als nächstes ein Flüchtlingslager in Bangladesch, wo Angehörige des Volks der muslimischen Rohingya, die aus Myanmar vertrieben wurden, über Gräueltaten der Regierungstruppen berichten. Weitere Stationen dieses globalen Trips in Sachen Menschenrechte sind ein Flüchtlingslager auf Lesbos, die Stadt Hongkong, wo es um einen Studentenführer geht, die Redaktion der regierungskritischen Zeitung „Cumhuriyet“ in Istanbul (vgl. hierzu diese MK-Dokumentation) und das afrikanische Land Kenia, wo sich eine einheimische Krankenschwester um die medizinische Versorgung der Landbevölkerung engagiert. Und damit ist die Liste noch längst nicht vollständig. Hinzu kommen noch zahlreiche Interviews mit mehr oder minder Prominenten, unter anderem mit Ex-Bundespräsident Joachim Gauck und mit der früheren US-Außenministerin Madeleine Albright.

Das Problem solch einer weltumspannenden Dokumentation ist, dass sie eine Art Vollständigkeit suggeriert, die natürlich jeder Realität entbehrt. Zudem stellt sich bei eineinhalb Stunden Problem-Hopping irgendwann unweigerlich ein gewisser Ermüdungseffekt ein. Wobei eigentlich jeder einzelne der hier kaum mehr als angerissenen Konflikte einen eigenen Film gerechtfertigt hätte. Dennoch macht dieser Dokumentarfilm deutlich, dass es um die Menschenrechte nicht gut steht. Woran auch Claus Klebers mahnender Off-Kommentar keinen Zweifel lässt. „Für die Geltung der Menschenrechte beginnt gerade eine entscheidende Phase. Da will dieser Film nicht neutral sein“, erklärt er zu Beginn und warnt im weiteren Verlauf mehrfach vor den Gefahren des weltweit um sich greifenden Populismus.

Auffällig an diesem filmischen Plädoyer für den Kampf für die Einhaltung der Menschenrechte ist weniger der Umstand, dass Angela Andersen hier im Gegensatz zu Claus Kleber nirgendwo in Erscheinung tritt (das war auch in allen anderen gemeinsamen Projekten nie der Fall), sondern es ist der Aufwand, den die insgesamt vier Kameraleute unter dem Einsatz zahlreicher Drohnen bei der Bildgestaltung betrieben. Solch opulente Aufnahmen kennt man sonst eher aus aufwendigen Naturdokumentationen. Geldknappheit spielte bei dieser Produktion offenbar keine entscheidende Rolle. „Unantastbar – Der Kampf für Menschenrechte“ war zunächst am 27. November bei Arte zu sehen (hier hatte die Dokumentation 280.000 Zuschauer; Marktanteil: 0,9 Prozent) und dann eine Woche später im ZDF (1,68 Mio Zuschauer; 5,5 Prozent). Der Film ist noch bis Dezember 2019 in der ZDF-Mediathek abrufbar.

22.12.2018 – Reinhard Lüke/MK

` `