Claus Kleber/Angela Andersen: HUNGER! DURST! 2-teilige Dokumentation (ZDF)

Viel Emotion, wenig Analyse

07.11.2014 •

Südamerika scheint es vergleichsweise gutzugehen. Zumindest fehlt es dort offenbar weder an Essbarem noch an Wasser. Zu diesem Schluss könnte man jedenfalls angesichts der Tatsache kommen, dass der Subkontinent der einzige Erdteil war, der nicht auf der Reiseroute von Claus Kleber und seiner Koautorin Angela Andersen stand. Dabei konstatierte das Duo in seiner aufwendigen zweiteiligen Dokumentation, dass es auf allen Erdteilen unzählige Menschen gebe, denen es auch im 21. Jahrhundert noch an den einfachsten Grundnahrungsmitteln fehle. Und gleich zu Beginn des ersten Teils gab Kleber aus dem Off den Tonfall des Films vor: „Jedes Mal, wenn Hunger Thema in den Nachrichten ist, regt mich dieser Irrsinn auf. Wie kann es sein, dass immer noch Menschen an Hunger sterben?“

In beiden Filmen, die zunächst bei Arte als Themenabend und dann beim ZDF im Wochenabstand einzeln gesendet wurden, ließ der sonst so besonnene „Heute-Journal“-Anchor des ZDF seinen Emotionen freien Lauf. Mal bekannte er, „mit diesen Eindrücken erstmal fertig werden“ zu müssen, mal gab er zu Protokoll, sich „schäbig“ zu fühlen, oder er befand, die Verhältnisse seien schlicht „zum Kotzen“. Und angesichts der chinesischen Massentierhaltung bekannte er, seit dieser Drehreise esse er „seltener Fleisch“. Das wird den Hungernden weltweit kaum helfen, ist jedoch fraglos eine respektable Haltung.

Man mag Claus Kleber diese persönliche Empathie durchaus abnehmen, aber zugleich war diese Haltung auch erkennbares Kalkül, Glaubwürdigkeit vermitteln und bei den Zuschauern womöglich ähnliche Emotionen hervorrufen zu wollen. Dabei ist die Grundaussage des ersten Films, dass Hunger weniger aus Produktions- denn aus ökonomisch-politischen Verteilungsproblemen resultiert, im Prinzip ein alter Hut. Und wer das schon einmal gehört oder gelesen hatte, war trotz und hie und da eingestreuter Statistiken nach Ende dieses Films auch nicht viel klüger. Denn wie da was genau womit zusammenhängt und wie dem Dilemma womöglich abgeholfen werden könnte, wurde in dem Beitrag allenfalls ansatzweise deutlich.

Denn in erster Linie unterhielt sich der Journalist hier mit Betroffenen, denen in den Medien selten Gehör geschenkt wird. Das ist einerseits löblich; andererseits sind an Hunger und Durst leidende Menschen aber nicht unbedingt in der Lage, die Ursachen für ihre Misere analytisch zu durchschauen. So machen sie in ihrer Hilflosigkeit die Politik oder, etwas konkreter, korrupte Politiker für ihre Misere verantwortlich – was in vielen Fällen durchaus zutreffen mag. Aber wer unter den Zuschauern weiß schon, wer im westafrikanischen Sierra Leone oder im indischen Hinterland damit genau gemeint sein könnte? Den meisten dürfte nicht einmal die aktuelle Regierungsform in Sierra Leone bekannt sein. Und das Autorenduo machte sich auch nicht die Mühe, den Verhältnissen vor Ort jeweils genauer auf den Grund zu gehen. Dazu dürfte den beiden angesichts des gigantischen Umfangs ihrer Tour de Force rund um den Globus auch schlicht die Zeit gefehlt haben. Zwar klang da mal etwas von Warentermingeschäften im Getreidehandel an oder etwas davon, dass der Weltmarkt in diesem Bereich von nur vier Großkonzernen beherrscht werde, aber das war’s im Prinzip auch schon.

Andererseits ist das Fernsehen bekanntlich nicht unbedingt das Medium, in dem sich komplexe strukturelle Zusammenhänge besonders adäquat vermitteln lassen. Das (Pantoffel-)Kino lebt in erster Linie von eindrucksvollen Bildern – und die lieferten Claus Kleber und Angela Andersen gemeinsam mit ihrem ausgezeichneten Kameramann Thorsten Thielow hier zuhauf. Ob in chinesischen Wüsten, australischen Weiten oder den endlosen Gewächshausarchitekturen Andalusiens – hier war nichts einfach ‘abgefilmt’, sondern jede einzelne Einstellung war sorgfältig komponiert. Und Kleber wurde als Protagonist dieser Presenter-Reportage stets ins rechte Licht gerückt.

Dabei schoss die Inszenierung allerdings manchmal auch übers Ziel hinaus. Der Versuch des Journalisten, in einen hoffnungslos überfüllten indischen Zug zu gelangen, hatte nun wirklich nichts mit dem Thema zu tun und das Interview, das Kleber im Taucheranzug auf einem in offener See schwimmenden riesigen Fischkäfig stehend mit einem Meeresbiologen führte, wäre in Zivilkleidung an Land auch nicht weniger informativ ausgefallen. Und warum das „Urban Gardening“, das Öko-Aktivisten auf Brachen der seit Jahren sterbenden ehemaligen Autometropole Detroit betreiben, unbedingt zum Thema „Hunger“ gehörte, vermittelte sich so wenig wie die oft seltsam flotte Hintergrundmusik.

Gleichwohl kann man dem zweiteiligen Filmprojekt durchaus Respekt zollen, da es Claus Kleber und Angela Andersen verstanden, eine breite Zielgruppe für die – im Titel zur Unterstreichung der Dringlichkeit in Versalien geschriebenen und mit Ausrufezeichen versehenen – Themen zu sensibilisieren. Ob daraus mehr als vorübergehende Betroffenheit resultiert, scheint indes fraglich, zumal sich die beiden Autoren hinsichtlich einer deutschen Mitverantwortung für die Misere gänzlich zurückhielten.

Text aus Heft Nr. 45/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

07.11.2014 – Reinhard Lüke/FK

Print-Ausgabe 15/2020

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