Aspekte. Kultursendereihe, Moderation: Jo Schück und Katty Salié (ZDF)

Mitternachtsreportagen

25.11.2020 •

Im September hatte das ZDF angekündigt, das bisher aus einem Berliner Studio am späten Freitagabend gesendete Kulturmagazin „Aspekte“ ab dem 23. Oktober nunmehr als Reportageformat weiterzuführen (vgl. MK-Meldung). Dementsprechend werden Kulturschaffende von jetzt an nicht mehr als Gäste in ein Studio mit Publikum eingeladen, sondern „Aspekte“ kommt zu ihnen in Gestalt eines der beiden Moderatoren, Jo Schück oder Katty Salié, plus Kamerateam. Bereits in den letzten Monaten fehlte „Aspekte“ – coronabedingt – das Publikum im Studio, was zur Folge hatte, dass die hier normalerweise stark auf die Vermittlung von Atmosphäre setzende Regie nun vor allem den Eindruck deprimierender Leere vermittelte.

Die derzeit – ebenfalls coronabedingt – bestehenden Reisebeschränkungen scheinen aber offenbar auch ein Sendeformat zu verhindern, das man als Reportage im eigentlichen Sinne (also als Ausdruck einer bestimmten journalistischen Gattung) bezeichnen könnte. Die erste Sendung im angekündigten neuen Format erinnerte jedenfalls im Aufbau doch wieder eher an ein klassisches Kulturmagazin mit mehreren anmoderierten, eigenständigen Filmbeiträgen. Allerdings war die Sendung monothematisch angelegt, wobei jedoch das gewählte Rahmenthema „Spiel und spielen“ weit genug gefasst war, um ein breites Themenspektrum sehr unterschiedlicher Beiträge abdecken zu können.

In den meisten der sieben Einzelbeiträge dieser Ausgabe wird ein Künstler porträtiert; nur in zwei von ihnen ist Moderatorin Katty Salié vor Ort, um mit ihnen ein Gespräch zu führen, so wie sie es bisher auch im „Aspekte“-Studio getan hatte. Demnach tritt sie erst im vierten Beitrag nicht nur in der Anmoderation in Erscheinung, sondern interviewt auch Andrea Petkovic, die Tennisspielerin und Moderatorin der „ZDF-Sportreportage“, die jetzt mit einem literarischen Debüt hervorgetreten ist. Salié tut dies vor der Kulisse der aktuellen Spielstätte des Schauspiels Köln, von der die Kamera dann einige kurze atmosphärische Momente übermittelt.

Außerdem kommt der Schriftsteller Thomas Hettche in Verbindung mit einem Bericht über die „Augsburger Puppenkiste“ zu Wort, von der sein neuer Roman „Herzfaden“ handelt. In einem weiteren Beitrag steht ein amerikanischer Sportjournalist im Mittelpunkt, der ein Buch über Donald Trump als Golfspieler verfasst hat. Im dritten Beitrag geht es aktuell um den Anschlag auf Berliner Museen, bei dem 63 Exponate mit einer öligen Flüssigkeit beschädigt worden sind. Es gibt noch einen Filmbeitrag essayistischer Art mit Gedanken des Philosophen Dominik Erhard zum Thema „Spielen“ und einen weiteren, bei dem sich die Games-Autorin Lena Falkenhagen mit Computerspielen beschäftigt. Zuletzt führt Katty Salié ein Gespräch über die Oper mit der Sängerin Diana Damrau aus Anlass ihres neuen Albums mit Musik der Tudor-Zeit; das geschieht vor der Kulisse eines Ritterguts bei Köln, was die Kamera mit ausgesprochen schönen Bildern vom Gebäude und seiner Umgebung einrahmt.

Abgerundet wird das Damrau-Interview mit einer Gesangseinlage: einer Arie aus Donizettis Oper „Maria Stuarda“, deren Titelrolle Diana Damrau derzeit in Zürich singt, exklusiv für „Aspekte“ aus den Räumen des Ritterguts, mit Klavierbegleitung vorgetragen. Ein solcher exklusiv für die ZDF-Sendereihe erstellter künstlerischer Beitrag findet sich auch am Ende weiterer „Aspekte“-Reportagefolgen und stellt so etwas wie ein Markenzeichen dar, wie das „Aspekte“ das in den letzten Jahren auch während seiner Studio-Tradition praktiziert hat. In der „Aspekte“-Ausgabe vom 30. Oktober ist es eine Gesangseinlage von Amy Macdonald von ihrem neuen Album, das an eben dem Tag, an dem dieser Song von „Aspekte“ gesendet wird, erstveröffentlicht worden sei, wie hier ausdrücklich Jo Schück betonte. Und am 6. November gab es am Schluss der Sendung ein wiederum exklusiv für „Aspekte“ gespieltes „Piano Battle“ des Duos Andreas Kern und Paul Cibis aus dessen Berliner Studio.

Erst die zweite Folge nach Auszug von „Aspekte“ aus dem Studio, gesendet am 30. Oktober, macht den neuen Ansatz zu etwas sichtbar, was man im weiteren Wortsinn ein Reportageformat nennen könnte. Jo Schück ist in dieser Folge viel unterwegs, erkundet Räume und begegnet Menschen, begleitet von der Kamera. Das passt auch gut zum für diese Sendung gewählten Rahmenthema, das diesmal „Wie wollen wir wohnen?“ lautet. Allerdings führt der Weg des Moderators nicht allzu weit weg vom Sitz der Redaktion, denn Jo Schück verbleibt dabei in Berlin; nur zwei inhaltlich zum Rahmenthema passende Filmbeiträge wurden zusätzlich eingespielt, sie waren in Stuttgart und Stockholm angesiedelt. Insgesamt waren alle Beiträge hier thematisch viel enger aufeinander bezogen, als in der „Aspekte“-Sendung eine Woche zuvor. Sie waren zudem inhaltlich vielseitig und aktualitätsbezogen. Das reichte vom Besuch in einem Berliner Tierheim, das derzeit – coronabedingt – einen Nachfrageboom zu verzeichnen hat, über das Porträt eines Berliner Fensterputzers, der es als Fotograf bis zu einer Ausstellung im Märkischen Museum gebracht hat, bis zu interessanten Beiträgen über die ältere und aktuelle Berliner Hausbesetzerszene.

In der „Aspekte“-Sendung vom 6. November, der ersten, die direkt nach der Premiere von Jan Böhmermanns neuer Show „ZDF-Magazin Royale“ noch später ausgestrahlt wurde (fast um Mitternacht), ist dann auch Katty Salié deutlich präsenter als bisher und offensichtlich viel draußen unterwegs. Doch wie Jo Schück in der Woche zuvor führte auch sie die von ihr persönlich mit Kamerateam aufgesuchten Orte nicht über Berlin und Umgebung hinaus. So absolvierte sie ihre Anmoderation, in der sie sich mit US-Präsident Donald Trump und dem Wahlkampf in den Vereinigten Staaten beschäftigte, vor der amerikanischen Botschaft in Berlin. Das diesmal gewählte Rahmenthema war ein ziemlich abstraktes, aber doch höchst aktuelles: „Reden ist Silber, Streiten ist Gold. Über (mangelnde) Debattenkultur und deren Konsequenzen“.

So wurden in der Sendung beispielsweise die diversen Shitstorms thematisiert, wie sie gegenwärtig Künstler wie Igor Levit und Monika Maron getroffen haben. Als Gesprächspartner trifft Katty Salié den Publizisten Ijoma Mangold in einem menschenleeren Berliner Lokal zu einem Gespräch über dessen neues Buch „Der innere Stammtisch“. Den Theaterregisseur Ersan Mondtag interviewt sie im derzeit stillgelegten Maxim-Gorki-Theater zu seinem neuen Stück, das ebenfalls coronabedingt nicht aufgeführt werden kann.

Vollends rückte die Corona-Pandemie in dieser Sendung mit dem nachfolgenden Filmbeitrag thematisch in den Vordergrund. Es war ein Beitrag, der sich kritisch mit christlichen Gruppierungen innerhalb der sich selbst so bezeichnenden „Querdenker-Bewegung“ auseinandersetzte. Für diesen Bericht agierte jedoch nicht die „Aspekte“-Moderatorin selbst, sondern als Autoren dieses sehr informativen Beitrags wurden vielmehr Katja und Clemens Riha genannt. Katty Salié ergänzte ihn dann durch ein Gespräch, das sie mit Liane Bednarz über deren Buch „Die Angstprediger“ führte. Insgesamt erreichte gerade diese Folge von „Aspekte“ einen Grad an Aktualität, der es besonders bedauerlich machte, dass diese Kultursendereihe ihren regulären Sendeplatz von jetzt an erst um die Mitternachtszeit hat. Sendezeit ist künftig eigentlich von 23.30 bis 00.15 Uhr. Sie dürfte sich jedoch oft genug noch etwas nach hinten verschieben, da vorher laufende Sendungen wie etwa die „Heute-Show“ und vermutlich auch Böhmermanns „ZDF-Magazin Royale“ immer mal wieder überziehen.

25.11.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 1/2021

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