50 Dinge, die ein Hesse einfach lieben muss! Ranking-Sendung (HR Fernsehen)

Handkäs mit Musik und Traktorrennen

15.05.2015 •

Der Hessische Rundfunk (HR) bietet dem Publikum seines Dritten Fernsehprogramms gerne Heimatliches (vgl. MK-Auflistung). Wenn dies dann noch mit dem Ranking-Prinzip verbunden werden kann, fühlt sich der HR so richtig in seinem Element. So gab es nach den Sendungen „50 Dinge, die ein Hesse wissen muss!“ (vgl. FK-Kritik) und „50 Dinge, die ein Hesse getan haben muss!“ (2012), nun also einen dritten, besonders pathetischen Aufguss: „50 Dinge, die ein Hesse einfach lieben muss!“ Muss er wirklich?

Nun ja, der Beginn dieser libidinösen Erkundung war zäh. Die Moderatoren Tobias Kämmerer und Anna-Lena Dörr steigen da in eine historische Dampflokomotive und das Ganze erinnert erst einmal an die – vom Hessischen Rundfunk produzierten – TV-Sendungen der Augsburger Puppenkiste. Wenn die beiden mit ausgestreckten Armen die Marionetten von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer imitieren, kommt einem erst einmal ein „Erbarmen, die Hessen kommen!“ über die Lippen. Als „Eingeplackter“ muss man schon eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen. Man sitzt das freilich aus und wird bald belohnt.

Schon der kurze Einspielfilm über den ehrenamtlichen Seebärenbecken-Fensterputzer im Frankfurter Zoo (Platz 46) verbreitet Kurzweil. Wenn dann aber wiederum die Frankfurter Grüne Soße, ein regionales Nationalgericht, zu einem Trink-Cocktail verquirlt wird, grübelt man, ob das nun avantgardistisch ist oder einfach nur ein Sakrileg. Den „Spotterpoint“ am Frankfurter Flughafen (Platz 38), wo man landenden Jets quasi in die Fenster schauen kann, dürften nicht alle Hessen lieben. Zumindest nicht jene, die durch den Fluglärm nicht schlafen können und deren Dachziegel durch Wirbelschleppen abgeräumt werden.

Bei den Lamas im Rheingau und dem verrückten Daniel Düsentrieb mit seinen Raketenrollschuhen hat man als Zuschauer ein gewisses Déjà vu. Vermeintliche Überschneidungen mit den vorangegangenen Ranking-Sendungen verzeiht man der neuen Ausgabe jedoch, weil sie irgendwann einen ganz eigenen Drive entwickelt. Das liegt nicht nur an den nett gemachten Animationsfilmen im Scherenschnitt-Stil. Bei der Auswahl und der Präsentation der liebenswerten 50 Dinge gelingt alles in allem eine unterhaltsame Balance zwischen populären Phänomenen wie dem hessischen „Tatort“-Krimi und exotischen Details wie der Entwicklung des Fallschirms, der wie so vieles Nützliches natürlich in Hessen erfunden wurde. Weil dessen Funktion einst mit einem Vierbeiner getestet wurde, hört der Zuschauer den denkwürdigen Satz: „1795 wurde über Frankfurt-Bornheim ein Hund abgeworfen.“

Die Mischung aus hessischem Alphorn und Iron-Man-Triathlon am Main, aus Handkäs mit Musik und Traktorrennen verdichtete sich bald zu einem lokal-regionalen Surrealismus der gemäßigt grotesken Art. Humoristischen Mehrwert hat etwa die Stippvisite an der ehemaligen Zonengrenze: Findige Kleingärtner haben hier für billiges Geld die rostfreien Zaunsegmente des früheren „antifaschistischen Schutzwalls“ aufgekauft, die sich prima für den Bau eines Komposthaufens eignen. Das sind fürwahr „Dinge“, die man ebenso lieben muss wie die Runderneuerung des Humors durch das hessische „Badesalz“-Duo – das es immerhin bis auf Platz 6 schaffte.

Es dauert eine Weile, bis man bemerkte, dass diese Sendung ungefähr so wirkt wie Apfelwein, das hessische Nationalgetränk. Das erste Glas ist ungenießbar sauer, doch ab dem dritten merkt man das nicht mehr, weil man berauscht ist. „Man wird fast ein bisschen schlau“, heißt es über den Äppler, das „Stöffchen“, das mit Platz 3 sogar Heinz Schenk vom einstigen „Blauen Bock“ (ARD), auch bekannt als hessischer David Bowie, knapp hinter sich lässt. Auch diese Ranking-Show fügt sich nahtlos ein in das Mosaik von Sendungen, mit denen das HR Fernsehen, mal charmant, mal provinziell, immer wieder regionale Besonderheiten und lokale Berühmtheiten ins telegene Schaufenster rückt. Mit einem urwüchsig-hessischen Schlappmaul wie Susanne Fröhlich wäre das Ganze sicher noch eine Nummer subversiver geworden. Doch auch so waren die „50 Dinge, die ein Hesse einfach lieben muss!“ durchaus ansehbar.

And the winner is? Der Hessentag. Mit der Goldmedaille für ein Event, das alles irgendwie zusammenzufassen versucht, endete die lokale Primetime-Heimatkunde zum Finale dann aber überraschend uninspiriert. Doch wer weiß – vielleicht verbirgt sich hier ja ein besonders subtiler Witz, den man erst noch verstehen muss?

(Aufgrund einer Sondersendung des HR Fernsehens an diesem Tag zum mutmaßlichen geplanten Bombenanschlag auf das traditionelle und dann abgesagte Radrennen „Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt“ begann die Ranking-Sendung erst um 20.30 Uhr und damit 15 Minuten später als ursprünglich vorgesehen.)

15.05.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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