Radiosendungen „Stichtag“ und „Zeitzeichen“: Offener Brief an WDR-Intendant Tom Buhrow und WDR-Programmdirektorin Valerie Weber

30.09.2020 •

Beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln gibt es Überlegungen, im Zuge einer Programmreform beim Hörfunk die Sendung „Stichtag“ abzuschaffen. Dafür werden finanzielle Gründe genannt (vgl. MK-Meldung). In einem offenen Brief protestieren unter anderem Autoren, Radiomacher und Prominente gegen die Pläne des WDR. Sie geben in diesem Zusammenhang zugleich ihrer Sorge Ausdruck, dass auch das Weiterbestehen der ebenfalls historischen Sendung „Zeitzeichen“ gefährdet sein könne. Der offene Brief hat insgesamt 100 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner. Sie plädieren nachdrückliche für die Beibehaltung der beiden Sendungen, die zu „den Kronjuwelen des WDR“ gehörten. Die MK dokumentiert im Folgenden den offenen Brief, der an WDR-Intendant Tom Buhrow und die für den entsprechenden Hörfunkbereich verantwortliche Valerie Weber (Programmdirektorin NRW, Wissen, Kultur) gerichtet ist. Der Brief erschien am 29. September 2020 in Form einer ganzseitigen Anzeige im „Kölner Stadt-Anzeiger“. • MK

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Offener Brief an den Intendanten des Westdeutschen Rundfunks und die Programmdirektorin NRW, Wissen, Kultur

Köln, den 29.9.2020

Sehr geehrter Herr Buhrow, sehr geehrte Frau Weber,

zwei Flaggschiffe des WDR-Radios drohen unterzugehen: der „Stichtag“ auf WDR 2 und in der Folge auch das „Zeitzeichen“ auf WDR 5 und WDR 3. Der Programmausschuss des WDR-Rundfunkrats soll am 30. September das Aus für den „Stichtag“ beschließen. Damit schwebt auch das „Zeitzeichen“ in großer Gefahr. Das darf nicht sein!

Seit 1972 begegnen die Hörerinnen und Hörer jeden Tag neu überraschenden historischen Ereignissen, Geburtstagen, Katastrophen und Skurrilitäten. Für viele ist der „Stichtag“ eine radiophone Oase auf WDR 2, das „Zeitzeichen“ zum medialen Ritual geworden.

„Zeitzeichen“ wie „Stichtag“ präsentieren Geschichte in leicht genießbaren Portionen: kleine Geschehnisse, längst vergessen – und große, die für immer die Welt verändert haben. Beide Sendungen sind akustische Wegmarken, sie gehören zu den beliebtesten Podcasts der ARD und sprechen damit auch ein junges Publikum an. Wenige Programme erfüllen den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag so punktgenau wie die Geschichtssendungen im WDR-Hörfunk.

Seit einem halben Jahrhundert ist das „Zeitzeichen“ ein Aushängeschild des Westdeutschen Rundfunks, seit 23 Jahren auch der „Stichtag“. Aus den unendlichen Ton-Archiven hörten viele vielleicht zum ersten Mal die Stimme Kaiser Wilhelms II., das Klappern der ersten Schreibmaschine oder das Fiepen des ersten digitalen Computers.

Einen Sinn für das ‘Früher’, für die Wurzeln unserer Gegenwart, egal ob in Politik, Kultur, Musik, Sport oder Technik, brauchen wir alle mehr denn je. In Zeiten von Fake News, Verschwörungsfantasien und wachsender Demokratieverachtung wirken „Stichtag“ und „Zeitzeichen“ der gefährlichen Geschichtsvergessenheit entgegen.

In den vergangenen Tagen hat sich der WDR zum Erhalt des „Zeitzeichens“ bekannt. Das freut uns. Aber wer sich zu etwas bekennt, sollte es auch angemessen bezahlen. Und das „Zeitzeichen“ steht finanziell auf schwachen Beinen. Nur weil die Autorinnen und Autoren bisher beide Sendungen parallel produzieren, können sie historisches Radio höchster Qualität liefern. Fällt die eine Sendung weg, muss die andere leiden. Notgedrungen. Wir fürchten: Das ist der Anfang vom schleichenden Ende des „Zeitzeichens“.

Der WDR muss sparen. Das wissen wir. Aber nicht an seinen erfolgreichsten Produkten!

Sehr geehrte Frau Weber, sehr geehrter Herr Buhrow, wir appellieren an Sie, diese beiden Leuchttürme des öffentlich-rechtlichen Radios zu bewahren. Wir brauchen das „Zeitzeichen“. Wir brauchen den „Stichtag“. Beide Sendungen gehören zu den Kronjuwelen des WDR – mit Radiopreisen überhäuft, von den Hörern geliebt. Sowas gibt man nicht auf. Stärken Sie die Geschichtsprogramme im WDR!

Mit freundlichen Grüßen

die Freundinnen und Freunde von „Stichtag“ und „Zeitzeichen“

Es folgen 100 Unterschriften von Lioba Albus (Schauspielerin und Kabarettistin) über Günther Jauch (TV-Moderator), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP, Bundesjustizministerin a.D.), Mariele Millowitsch (Schauspielerin), Leonard Novy (Direktor des Kölner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik), Carmen Thomas (Moderatorin der früheren WDR-Radiosendung „Hallo Ü-Wagen“) und Alice Schwarzer (Herausgeberin „Emma“) bis Nicole Westig (MdB FDP).

30.09.2020 – MK

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