USA: Streaming-Plattform Peacock von NBC Universal jetzt uneingeschränkt verfügbar

30.07.2020 •

Allein in den USA allein gibt es nach Angaben des globalen Wirtschaftsberatungsunternehmens Deloitte inzwischen mehr als 300 Videoplattformen, darunter viele, deren Angebot kostenlos zu beziehen ist. Wer sich jetzt noch als Neuling in diese Überfülle stürzt, hat es ziemlich schwer. Jeffrey Katzenbergs mit vielen Vorschusslorbeeren versehenes Kurzvideo-Streaming-Portal Quibi erlebt dies gerade und agiert bisher ohne großen Erfolg (vgl. MK-Meldung).

Wenn also die nun am 15. Juli auf dem gesamten US-Markt gestartete Streaming-Plattform Peacock darauf hofft, sich zwischen Disney plus, Apple TV plus, Amazon Prime Video, HBO Max und den vielen anderen seit langem etablierten Angeboten erfolgreich ansiedeln zu können, dann kann sie dabei nur auf die ungewöhnliche Situation während der Coronakrise setzen, in der das Unterhaltung suchende Publikum bereit ist, alles Neue auszuprobieren, was der Markt bereithält.

Peacock, dessen Angebot Mitte April zunächst nur eingeschränkt zugänglich gemacht wurde (vgl. MK-Meldung), ist ein Unternehmen von NBC Universal. Der Name und das dazu gehörende Symbol eines bunt gefiederten Pfaus (englisch: Peacock) sind dem amerikanischen Publikum seit Jahrzehnten als Markenzeichen des Broadcast-Networks NBC vertraut und vermitteln insofern von vornherein ein Gefühl des Vertrauten und Verlässlichen. Wenn dann die (durch Werbung gestützte) Basisversion des neuen Streaming-Angebots kostenlos und eine reicher bestückte Variante schon für monatlich 4,99 Dollar zu haben sind, lässt das die Hoffnung zu, dass die durch Corona in die häuslichen vier Wände verbannten Amerikaner zumindest zum versuchsweisen Hinsehen animiert werden könnten.

Mangel an Neuproduktionen

Immerhin hielt Peacock am Starttag rund 20.000 Stunden Programm bereit, Hunderte von Filmen aus den Archiven der Hollywood-Studios Universal und Focus, sozusagen alles, was es jemals beim Network NBC und der spanischsprachigen Tochterfirma Telemundo zu sehen gab, eine schier unendliche Menge Sport aus allen Disziplinen, Nachrichten, Late-Night-Shows und Höhepunkte der aktuellen Sendepläne seiner Fernsehunternehmen. Bis Ende kommenden Jahres will Comcast, die Muttergesellschaft von allem, 2 Mrd Dollar in Peacock investieren, davon fraglos das meiste in Neuproduktionen.

Mit Neuproduktionen sieht es nämlich bisher spärlich aus. Lässt man einmal drei Kinderserien beiseite, so gibt es bei Peacock vorerst nicht mehr als sechs brandneue Produktionen, davon zwei auch noch aus Großbritannien importiert, nämlich „Intelligence“, eine von Sky stammende Sitcom über einen US-Agenten in England, und „The Capture“, eine BBC-Serie, in der ein Corporal der United Kingdom Special Forces seinen guten Namen verteidigen muss. Die weiteren Neuproduktionen sind der Comedy-Film „Psych 2: Lassie Come Home“, die Fortsetzung einer Komödie des USA Networks, dann „Brave New World“, wo man sich daran versucht, Aldous Huxleys klassischen Roman in eine Serie zu verwandeln, sowie „Lost Speedways“, eine Motorsport-Serie mit dem Rennfahrer Dale Earnhardt Jr., und „In Deep With Ryan Lochte“, ein Dokumentarfilm über den bekannten Schwimmsportler.

Sieht man sich die Produktionsplanung von Peacock für die nächste Zukunft an, so fällt ein deutliches Übergewicht des komödiantischen Bereichs auf: Zwölf Komödien stehen sieben Dramen gegenüber. So weit bis jetzt abzusehen, lässt sich keine der Neuproduktionen in ihrem Attraktionswert mit den Spitzenprodukten etwa von Disney plus und Apple TV plus vergleichen.

Die fehlenden Olympischen Spiele

Der Mangel an Neuem ist aber nicht das einzige Handicap, das Peacock bei seinem Start zu schaffen macht. Jeder, der die neue Streaming-Plattform von NBC Universal besucht und sich kundig machen will, was hier denn nun das Besondere ist, wird über eine Fülle von Angeboten stolpern, deren Ausrichtung auf die Olympischen Sommerspiele nicht zu übersehen ist, an denen in den USA NBC die Übertragungsrechte besitzt. Das Problem ist nur: Olympia wird es in diesem Jahr wegen Corona nicht geben, die Sommerspiele 2020 in Tokio wurden ins nächste Jahr verlegt. Diesbezüglich hängen die „Peacock Originals“ nun in der Luft und verlieren zumindest für diesen Start-Sommer die Anziehungskraft, mit der NBC Universal seinen Auftritt im Streaming-Universum besonders zu garnieren hoffte.

Nicht zuletzt damit dürfte auch zu tun haben, dass der Bekanntheitsgrad von Peacock bisher enttäuschend gering ist. Eine für die Fachzeitschrift „Variety“ durchgeführte Umfrage ergab, dass sich Peacock mit der vorletzten Position unter den acht wichtigsten Streaming-Angeboten bescheiden muss, was die Wahrnehmung der Plattform beim amerikanischen Publikum angeht. Kein Wunder, dass 92,8 Prozent aller Befragten schon von Netflix gehört haben. Aber auch noch junge Streaming-Plattformen wie Disney plus und Amazon Prime Video schneiden mit 79,9 bzw. 71,4 Prozent gut ab. Peacock schafft gerade mal 26,8 Prozent, nur noch von Quibi mit 24,8 Prozent unterboten. Das mag sich mit der Zeit bessern, aber den Start hat es sicher nicht erleichtert.

30.07.2020 – Ev/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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