USA: Coronabedingt ein schwächelnder Start des Kurzvideo-Angebots Quibi

19.05.2020 •

Es wurde in den USA schon werbemäßig angepriesen als der neueste Star im Streaming-Universum, als das Informations- und Unterhaltungsmedium des hektischen 21. Jahrhunderts. Gemeint ist Quibi, eine Smartphone-App, über die Filme, Serien und Nachrichten im Fünf- bis Zehn-Minuten-Takt angeschaut werden können. Die Gründer von Quibi sind der einstige Dreamworks-Mitbegründer Jeffrey Katzenberg und die frühere Hewlett-Packard-Chefin Meg Whitman. Und sie hatten sich vorgestellt, mit Quibi ein maßgeschneidertes Medium für die Manager und Angestellten einer stressgeplagten Welt auf den Markt zu bringen, benutzbar ebenso in der Arbeitspause wie in der U-Bahn.

Es war Katzenberg und Whitman gelungen, mit ihrem durchaus futuristischen Konzept und einem Kapitalaufwand von 1,8 Mrd Dollar viele Stars von Jennifer Lopez bis Steven Spielberg zum Mitmachen bei dem Projekt anzulocken (vgl. MK-Meldung) und vor dem Start von Quibi, der am 6. April dieses Jahres erfolgt ist, eine Spannung zu erzeugen, wie sie mit dem Eintritt von Apple TV plus und Disney plus auf dem Streaming-Markt vergleichbar war. Wenige Wochen später sieht die Sache anders aus. Und auch das hat seinen Grund in der Coronakrise.

Kostenlose Probe-Abos, nicht aktive Nutzer

Die weltweite Virus-Pandemie hat Katzenbergs und Whitmans hochfliegende Pläne vorerst zerstört. Die von Quibi anvisierten Kunden sitzen nicht mehr in ihren Büros und hasten nicht mehr von einem Meeting zum anderen. Plötzlich haben sie Zeit, in Isolation zu Hause fernzusehen, wo Quibi – zumindest bisher – auf dem Großbildschirm nicht zu empfangen ist. Aufgrund des Versprechens eines dreimonatigen kostenlosen Probeabonnements haben sich zwar immerhin 2,9 Mio Interessenten angemeldet, aber es stellt sich heraus, dass weniger als die Hälfte von ihnen aktive Nutzer sind – weitaus weniger als von den Quibi-Gründern erhofft und für eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens erforderlich. So schwächelt das Projekt zum Start, statt sogleich einen Höhenflug hinzulegen.

„Alles, was schiefgegangen ist, haben wir dem Coronavirus zu verdanken“, sagte Katzenberg jüngst in einem Interview. Und weiter: „Hat sich die Kundenlawine, die wir erhofften, zum Start eingestellt? Die Antwort ist nein. Es ist nicht, was wir uns gewünscht haben. Es kommt unseren Wünschen nicht einmal nahe.“ Immerhin ehrlich ist der Mann. Was in Coronazeiten ja längst nicht alle sind.

Wenig Interesse an Nachrichten-Schnipseln

Zu Anfang konnte sich Quibi auf dem US-Markt noch in die Liste der 50 am meisten angewählten Smartphone-Apps schmuggeln. Doch zuletzt landete der Kurzvideo-Neuling nur noch auf Platz 125. Das heißt mit anderen Worten, dass auch die angebotenen Inhalte nicht zugkräftig genug sind, um anfängliche Neugier in langfristige Nutzung zu verwandeln. Erste kritische Stimmen bestätigen den Eindruck, dass die bisherigen Programme zu wenig Originalität vorweisen und sich nicht genügend von den aus dem linearen Fernsehen gewohnten Sendeformen unterscheiden. Wenn Quibi Sinn machen sollte, dann muss es zum Beispiel schon jene Serien auch entwickeln, die von vornherein auf die begrenzte Nutzungszeit seiner Zuschauer zugeschnitten sind. Die meisten der jetzigen Quibi-Serien sind hingegen überarbeitete Versionen längst vorhandener konventioneller Konzepte.

Selbst nach dem durch Corona vermasselten Start lassen sich aus der zu beobachtenden Nutzung weitere Fakten ablesen, und zwar Fakten, die kaum etwas mit der Virus-Pandemie zu tun haben, für die Zukunft von Quibi in einer normalisierten Umgebung aber wichtig sind. Dazu zählt vor allem die Feststellung, dass das prognostizierte große Interesse der Abonnenten an Nachrichten nun in der Realität nur minimal ausfällt. Mit seinen zahlreichen News-Schnipseln aus den Nachrichtenredaktionen der Sender NBC, BBC, ESPN und Telemundo erweckt Quibi wenig Aufmerksamkeit und damit auch verminderten Anreiz, demnächst für die neue App auch zu bezahlen.

19.05.2020 – Ev/MK

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