Großbritannien: Tim Davie ab September 2020 neuer Generaldirektor der BBC

19.06.2020 •

Neuer Generaldirektor der BBC wird Tim Davie, der seit 15 Jahren in verschiedenen Führungspositionen für die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt arbeitet. Er folgt auf Tony Hall, der im Januar überraschend erklärt hatte, im Sommer 2020 von seinem Amt zurückzutreten (vgl. MK-Meldung). Hall, 69, hatte Anfang April 2013 die Leitung der BBC übernommen; zuvor war er ab 2001 Intendant des Royal Opera House in Covent Garden gewesen. Wie die BBC am 5. Juni mitteilte, habe der BBC-Vorstand Tim Davie zum künftigen Generaldirektor berufen. Seine neue Position werde Davie am 1. September übernehmen.

Der Generaldirektor der BBC ist Chief Executive Officer (CEO) und Chefredakteur der Rundfunkanstalt und für deren redaktionelle und operative Führung verantwortlich. Die BBC – die Britisch Broadcasting Corporation – wird im Oktober 2022 hundert Jahre alt. Tim Davie, 53, leitet derzeit die BBC Studios, den kommerziellen Unternehmensarm der Rundfunkanstalt. Nachdem im November 2012 George Entwistle nach nur 54 Tagen im Amt als BBC-Generaldirektor im Zuge des Skandals um den ehemaligen BBC-Moderator Jimmy Savile zurückgetreten war, hatte Davie, der damals Hörfunkchef des Senders war, für fünf Monate kommissarisch die Leitung der BBC übernommen. Er übergab dann Anfang April 2013 die Geschäfte an Tony Hall. In rund zweieinhalb Monaten wird Tim Davie der 17. Generaldirektor der BBC.

„Begeisterung und Energie für Reformen“

Sir David Clementi, Vorsitzender des BBC-Vorstands, sieht in Tim Davie die „richtige Person“, um die BBC bei ihren weiteren Reformen und Veränderungen zu leiten. Als Chef der BBC Studios habe Davie „eine starke Erfolgsbilanz“. Der Name Tim Davie sei, so Clementi weiter, „einer der angesehensten Namen in der Branche“. Seine Führungsqualität und seine Erfahrung, außerhalb wie innerhalb der BBC, würden sicherstellen, dass man gut aufgestellt sei, „um die Chancen und Herausforderungen der kommenden Jahre zu meistern“. Davie zeichne „Begeisterung und Energie für Reformen“ aus, während er zugleich an der Kernaufgabe der BBC festhalte, erklärte Clementi, der noch bis Februar 2021 BBC-Vorstandsvorsitzender ist.

Tim Davie erklärte, er fühle sich geehrt, künftig die BBC als Generaldirektor zu leiten. Er sprach angesichts der Coronavirus-Pandemie von einer „kritischen Zeit“ für Großbritannien, in der sich gezeigt habe, wie sehr den Menschen die BBC am Herzen liege: „Unser Auftrag war noch nie so relevant, wichtig beziehungsweise notwendig wie heute.“ Er wolle sich vor allem „für Inhalte von höchster Qualität und Unparteilichkeit“ einsetzen. Der scheidende BBC-Generaldirektor Tony Hall, der seit 2010 den offiziellen Titel Lord Hall of Birkenhead führt, sagte, die BBC sei bei Davie „in sicheren Händen“.

Im Visier der Johnson-Regierung

Tony Hall hatte im Januar seinen Rückzug vom BBC-Chefposten damit begründet, dass im Frühjahr 2022 eine Überprüfung der „Royal Charter“, der Rechtsgrundlage der BBC, anstehe, um deren Erneuerung es dann im Jahr 2027 gehe. Durch diesen gesamten Prozess zur Royal Charter müsse die BBC in den kommenden Jahren von einem neuen Generaldirektor geführt werden, erklärte Hall. Seit einiger Zeit sieht sich die BBC im Visier der konservativen Regierung von Premierminister Boris Johnson, die einen drastischen Umbau der Rundfunkanstalt vorhat (vgl. MK-Artikel). Bei den Plänen, die vor allem von Johnsons Chefberater Dominic Cummings forciert werden, geht es um eine Verkleinerung der BBC und ein neues Finanzierungsmodell für die Rundfunkanstalt, deren Einnahmen bislang immer noch aus der an ein Empfangsgerät gekoppelten Rundfunkgebühr („Licence Fee“) stammen.

Dass nun in den nächsten Jahren mit Tim Davie jemand an der Spitze der BBC steht, der in den 1990er Jahren eine Zeitlang stellvertretender Vorsitzender der Konservativen Partei im Londoner Stadtbezirk Hammersmith and Fulham war und damit dem konservativen Lager zuzurechnen ist, dürfte ein Zeichen des BBC-Vorstands an die Regierung sein, dass die Rundfunkanstalt nicht den Konfrontationskurs sucht. Wie Davie, sobald er als BBC-Generaldirektor im Amt ist, dann gegenüber der Regierung von Premier Johnson agiert, bleibt indes abzuwarten.

Verzicht auf Teil des Gehalts

Wenn Tim Davie am 1. September die Leitung der Rundfunkanstalt übernimmt, wird er das erste Jahr auf einen Teil seines auf 525.000 Pfund festgelegten Gehalts verzichten. Wie die BBC mitteilte, werde Davie bis August 2021 eine Vergütung in Höhe von 450.000 Pfund erhalten. Bei diesem Betrag handelt es sich um das Jahresgehalt, das Tony Hall als Generaldirektor bekommen hat. Bei der BBC sind im Zuge der Coronakrise die Gehälter der leitenden Mitarbeiter bis August 2021 eingefroren worden. Die Vergütung des BBC-Generaldirektors stagnierte seit 2012 und war jüngst unter Anrechnung eines Inflationsausgleichs auf 525.000 Pfund angehoben worden. Dieser Betrag gilt für Davie aber erst ab September 2021. Als CEO der BBC Studios verdiente er zuletzt 642.000 Pfund (jährliches Grundgehalt plus Boni).

Tim Davie, der am 25. April 1967 geboren wurde, begann nach seinem Englisch-Studium am Selwyn College in Cambridge im Jahr 1991 seine berufliche Laufbahn beim Konsumgüterkonzern Procter & Gamble als Marketing-Trainee. Zwei Jahre später wechselte er ins Marketing des Getränkekonzerns PepsiCo. Dort übernahm er verschiedene Führungspositionen, zuletzt war er bei PepsiCo Europe Vice President für den Bereich ‘Marketing and Franchise’.

Im April 2005 wechselte Davie zur BBC, wo er zunächst als Direktor die Abteilung ‘Marketing, Communications & Audiences’ leitete. Anfang September 2008 stieg er zum Direktor ‘Audio & Music’ auf und verantwortete die nationalen BBC-Hörfunkprogramme. Im Oktober 2012 wurde Davie mit Wirkung zum 1. Dezember 2012 zum Chef von BBC Worldwide berufen. Diese Position trat er nach dem Intermezzo als kommissarischer BBC-Generaldirektor im April 2013 an. Im Jahr 2018 wurden die beiden kommerziellen BBC-Tochterfirmen BBC Worldwide und BBC Studios zusammengelegt. Die Leitung des fusionierten Produktions- und Distributionsunternehmens, das den Namen BBC Studios erhielt und einen Jahresumsatz von knapp 1,4 Mrd Pfund erzielt, übernahm Davie.

19.06.2020 – vn/MK