Großbritannien: Überraschende Rücktrittsankündigung von BBC‑Chef Tony Hall

03.02.2020 •

BBC-Generaldirektor Tony Hall erklärte am 20. Januar überraschend, dass er im Sommer 2020 von seinem Amt zurücktreten werde. In einer Mitteilung an alle Mitarbeiter der BBC betonte er, dass es für ihn eine „schwierige Entscheidung“ gewesen sei. „Wenn ich meinem Herzen folgte, würde ich niemals gehen wollen“, fügte er hinzu. Aber als Teil des Managements müsse er die Interessen der Rundfunkanstalt an erster Stelle sehen. Die BBC verfüge über eine Charta für elf Jahre, bis 2027. Aber bereits im Frühjahr 2022 stehe eine Überprüfung der Charta an. Für beide Termine müsse die BBC nun ihre Ideen entwickeln und dafür solle „eine Person“ zuständig sein, die die BBC durch diese beiden Etappen führen könne, erläuterte der inzwischen 68-jährige Hall, der seit dem 2. April 2013 als Generaldirektor amtiert (vgl. FK-Heft Nr. 15/13).

Die königliche Charta („Royal Charter“) ist die verfassungsmäßige Grundlage der BBC, sie legt die Ziele der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt fest und garantiert ihre Unabhängigkeit. Die jetzige Charta wurde 2015/16 von Lord Hall mit der konservativen Regierung des damaligen Premierministers David Cameron ausgehandelt (vgl. hierzu diese MK-Meldung) und trat am 1. Januar 2017 in Kraft. Gleichzeitig wurde von Hall und Cameron eine Vereinbarung über die Rundfunkgebühr als der weiterhin geltenden finanziellen Grundlage für die BBC getroffen. Vom Stand März 2017 an mit jährlich 145,50 Pfund (ca. 172 Euro) wird die Gebühr seither an die Inflation angepasst. Dies ist noch bis 2022 festgeschrieben. Seit April 2019 beträgt die Rundfunkgebühr 154,50 Pfund (ca. 183 Euro) pro Jahr. 2022 ist dann eine neue Entscheidung über die Rundfunkgebühr erforderlich, sowohl grundsätzlicher Art wie auch über deren konkrete Höhe.

Integrität und Leidenschaft

Der BBC-Vorsitzende Sir David Clementi würdigte Lord Hall, der auch Präsident der europä­ischen Rundfunkunion EBU ist, als „inspirierenden, kreativen Chef in Großbritannien und in der Welt. Die BBC habe „Glück gehabt mit ihm als unserem Generaldirektor während der letzten sieben Jahre“, sagte der BBC-Vorsitzende. Tony Hall habe die BBC mit „Integrität und Leidenschaft für unsere Werte“ geführt, seine Reformen hätten der BBC für die Zukunft geformt, so Clementi.

Auch Baroness Nicky Morgan, die Kultur- und Medienministerin der Regierung von Premierminister Boris Johnson, dankte Tony Hall für „seinen enormen Beitrag zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk während seiner Karriere“. Tony Hall fing nach seinem Studium in Oxford bereits 1973 als Auszubildender bei der BBC in der nordirischen Hauptstadt Belfast an und arbeitete sich bis zum BBC-Nachrichtenchef (1996 bis 2001) hoch. Ihm sind unter anderem das Programm Radio 5 Live, die Fernsehkanäle BBC News und BBC Parliament und die BBC-News-Website zu verdanken. Nach einer gescheiterten früheren Bewerbung für das Amt des BBC-Generaldirektors war er von 2001 bis 2013 Chef des Royal Opera
House. Im Jahr 2010 wurde er als Lord Hall of Birkenhead für seine Verdienste geadelt.

Boris Johnson und die Rundfunkgebühr

Medienministerin Nicky Morgan hatte sich im vergangenen Oktober für eine mögliche Abschaffung der Rundfunkgebühr ausgesprochen und vorgeschlagen, dass BBC-Programme dann – nach dem Vorbild von Streaming-Angeboten – abonniert werden könnten. Auch Premierminister Boris Johnson wies während des Wahlkampfs zur vorgezogenen Parlamentswahl im Dezember 2019 darauf hin, dass er eine mögliche Abschaffung der Rundfunkgebühr im Blick habe. Dabei zog er den Status der BBC als öffentlich finanzierten Rundfunksender in Zweifel. Einer Privatisierung der BBC, die rund 22.000 Mitarbeiter hat, erteilte er aber eine Absage. Am 13. Dezember gewann Johnson die Wahl; seine konservative Regierung, die ein Mandat bis 2024 hat, verfügt nun über eine deutliche Mehrheit im Londoner Parlament, die dann auch den Brexit, den Austritt aus der Europäischen Union, für den 31. Januar 2020 beschloss. Mit der Regierung Johnson muss nun auch über die Zukunft der BBC verhandelt werden.

Der BBC-Vorsitzende Sir David Clementi kündigte an, „in den nächsten Wochen“ werde die Suche nach dem nächsten BBC-Generaldirektor beginnen. Die BBC werde die „am besten für den Job qualifizierte Persönlichkeit auswählen“. Der Generaldirektor wird vom BBC Board ernannt, dem aus 14 Mitgliedern bestehenden Aufsichtsrat der Rundfunkanstalt, dessen Chairman David Clementi ist. Als mögliche Kandidaten für den Spitzenposten gelten britischen Presseberichten zufolge Tim Davie, der Leiter des Produktionsunternehmens BBC Studios, und Charlotte Moore, BBC-Direktorin für Inhalte, aber auch Jay Hunt, Direktorin von Apple Europe und ehemalige Leiterin des Fernsehprogramms BBC One, sowie die Chefinnen der BBC-Konkurrenten ITV und Channel 4, Carolyn McCall und Alexandra Mahon.

03.02.2020 – me/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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