Senderübergreifende Selbstbeweihräucherung beim Deutschen Fernsehpreis

20.06.2020 •

«Dass die deutsche TV-Branche sich gerne selbst feiert, ist eigentlich nichts Neues. Gestern wurden die Preisträgerinnen und Preisträger des Deutschen Fernsehpreises bekanntgegeben. [...] In diesem Jahr gibt es dabei einen Sonderpreis für die „Beste Information“, der gleich senderübergreifend an die Redaktionen der Nachrichten- und vertiefenden Sondersendungen geht. [...]

Die senderübergreifende Selbstbeweihräucherung der Corona-Berichterstattung im Fernsehen grenzt allerdings an Fahrlässigkeit. Gerade angesichts der nicht mehr nur in nerdigen Kreisen stattfindenden Diskussion über die Qualität des Journalismus in Corona-Zeiten. Das soll keinesfalls heißen, dass die Berichterstattung schlecht war. Journalistinnen und Journalisten haben in dieser ungewohnten, neuen Situation Krasses geleistet. Aber diese Pauschalauszeichnung sendet ein falsches Signal, weil sie die breitgeführte Diskussion über journalistische Qualität völlig ignoriert.

Stattdessen hätte es dem Fernsehpreis wahrscheinlich gutgetan, einzelne Formate mit dezidierter Begründung auszuzeichnen. So hätte man zum Beispiel Angebote hervorheben können, die in der ersten recht unkritischen, distanzlosen Phase der Berichterstattung genauer hinsahen und gut recherchierten oder besondere wissenschafts- oder datenjournalistische Leistungen im TV.

Das wäre nicht so ein Paukenschlag gewesen, mit dem die Jury wohl ein Zeichen setzen wollte für die „Verpflichtung zu Qualitätsjournalismus im digitalen Medienzeitalter und als Ermutigung für verantwortungsbewusste Journalistinnen und Journalisten“. Für Menschen außerhalb der Branche hätte es aber vermutlich weniger ignorant gewirkt.»

Nora Frerichmann in der Online-Kolumne „Das Altpapier“ am 18. Juni 2020

20.06.2020 – MK