Wenn in den USA der Präsidentschaftswahlkampf tobt...

...dann ist dort auch im Fernsehen wieder eine gute Zeit für Politik

Von Franz Everschor

Politik rangiert beim US-amerikanischen Fernsehpublikum normalerweise auf den hinteren Plätzen des Interesses und der Einschaltquoten. Die Zeiten, als Nachrichten- und Magazinsendungen mit ausführlich recherchierten Hintergrundberichten zu aktuellen politischen Ereignissen aufwarteten, sind lange vorbei. Geblieben sind davon nur Restbestände in der sonntäglichen CBS-Sendung „60 Minutes“ und in den Abendnachrichten des nicht-kommerziellen Networks Public Broadcasting Service (PBS). Gleichzeitig ging auch das Publikumsinteresse an politisch geprägten TV-Movies und Porträtsendungen kontinuierlich zurück. Im Konkurrenzkampf mit den Kabelnetworks, die Sendungen dieser Art mit größeren Investitionen zu emotionalen Action-Spektakeln hochputschen können, bleiben die geringer budgetierten und auf Werbegelder angewiesenen Broadcast-Sender ABC, CBS, NBC und Fox auf diesem Feld weit zurück, für gewöhnlich bis zur völligen Vernachlässigung politischer Themen.

Eine Ausnahme bilden stets die Monate des turnusmäßig alle vier Jahre tobenden Präsidentschaftswahlkampfs in den Vereinigten Staaten. Vor allem in einem Jahr wie diesem, wo die ideologische Debatte zwischen Republikanern und Demokraten besonders Feuer gefangen hat und ein unkonventioneller, dem Volk nach dem Mund redender Außenseiter wie der narzisstische Immobilientycoon Donald Trump die Szenerie belebt, ist Politik im US-Fernsehprogramm wieder gegenwärtig. Die sonst mit jedem politischen Thema hadernden Networks schaffen sogar gelegentlich in den Abendstunden Platz für Diskussionen und thematisch unorthodoxe Sendungen, die dann gleichsam wie Fremdkörper zwischen den uniformen Serien-Episoden stehen, die ansonsten die Programme beherrschen.

Rau und unzivilisiert

Um die Moderation und Ausstrahlung der zahlreichen Debatten, zu denen sich die Kandidaten beider Parteien derzeit mit wachsender Häufigkeit in den verschiedenen Staaten zusammenfinden, wo jeweils Vorwahlen über die Bühne gehen, reißen sich die großen Networks nun sogar. Hinter dem unschlagbaren Super-Bowl-Finale des American Football und der immer hohe Einschaltquoten garantierenden Übertragung von der populären Oscar-Verleihung haben sich die Wortgefechte der Anwärter auf das höchste Amt im Staate nämlich als die derzeit attraktivsten Sendungen im US-amerikanischen Fernsehen erwiesen. Besonders die Debatten der Republikaner erreichen ein Millionenpublikum, weil es bei deren Wortgefechten diesmal rauer und unzivilisierter zugeht als bei den Demokraten, wo sich nur zwei Kandidaten gegenüberstehen, während es bei den Republikanern anfangs zwölf waren und nach den ersten Vorwahlen immer noch sechs sind.

Es sind Einschaltquoten zwischen 13 Mio und 24 Mio Zuschauern, die für die Sender die Übertragungen der Debatten hochinteressant machen. Als Nebenprodukt fällt dabei für die Networks jeweils auch noch die Präsentation der Veranstaltungen durch ihre oft hochrangigen politischen Kommentatoren ab, die für einen Großteil des hier vor den Bildschirmen versammelten Publikums sonst in versteckten Politiksendungen wie „Meet the Press“ (NBC) oder „Face the Nation“ (CBS) unter Wert verkauft werden. Ein bisschen hegen die Networks wohl die Hoffnung, dass Zuschauer der Präsidentschaftsdebatten deren Moderatoren wie Chuck Todd (NBC), Rachel Maddow (MSNBC), Wolf Blitzer (CNN) und John Dickerson (CBS) später dann auch in andere Sendungen folgen werden.

„Madoff“ und „Murder of a President“

Auch an anderen Stellen des Programms hat sich in den letzten Wochen die Bereitschaft der Networks gezeigt, politischen Themen wieder Platz zu verschaffen. Weder eine Miniserie wie „Madoff“ (ABC) noch ein biografisches Fernsehspiel wie „Murder of a President“ (PBS) kam auch nur in die Nähe der Quoten, die von den aktuellen politischen Debatten erreicht wurden. Doch im Vergleich mit den Marktanteilen der regulären Serien, von denen „Madoff“ und „Murder of a President“ umgeben waren, konnten diese Produktionen nun respektable Einschaltziffern erzielen.

Bei „Madoff“ handelt es sich um die Geschichte des letztendlich zu 150 Jahren Gefängnis verurteilten Finanzmaklers Bernie Madoff, der rund 5000 seiner Kunden mit Hilfe eines betrügerischen Investmentfonds um insgesamt mehr als 50 Mrd Dollar gebracht hat. Gangster dieses Kalibers, die Umgang in höchsten Kreisen pflegen, sind stets gutes Futter für TV-Dramen. Doch die Serie „Madoff“ interessiert sich nicht nur für die Betrugsmanöver, sondern auch für die privaten, gesellschaftlichen und politischen Hintergründe, die Bernie Madoff überhaupt erst ermöglicht haben, sein Ponzi-System (benannt nach dem italienischstämmigen amerikanischen Großbetrüger Charles Ponzi) über so viele Jahre unentdeckt aufrechtzuerhalten.

Der Film „Murder of a President“ entreißt einen amerikanischen Präsidenten der Vergessenheit, der das Zeug gehabt hätte, sogar Abraham Lincoln zu übertrumpfen, wäre er nicht – wie Lincoln – früh ermordet worden. Gemeint ist James Garfield (1831 bis 1881). Er war nicht nur General im amerikanischen Bürgerkrieg, sondern auch ein sozialer Reformer, der unerschrocken für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eintrat. PBS ist seit langem das einzige US-amerikanische Network, das mit schöner Regelmäßigkeit historische Ereignisse und Persönlichkeiten in den Mittelpunkt sorgfältig recherchierter Dokumentationen und Dramatisierungen rückt.

Dabei fällt auf, dass Produktionen wie „Murder of a President“ erkennbar darauf konzipiert sind, Bezüge zu gegenwärtigen politischen Verhältnissen durchscheinen zu lassen. Zu bester Sendezeit ausgestrahlt, dürften nicht zuletzt die Szenen der republikanischen Parteiversammlung von 1880 und von deren Umfeld Vergleiche mit den Diskussionen hervorgerufen haben, die sich gerade jetzt in den USA abspielen und die PBS vermutlich zur Ausstrahlung dieses Fernsehfilms zum gegenwärtigen Zeitpunkt veranlasst haben.

19.02.2016/MK

Print-Ausgabe 13/2016

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