Lust am Verspielten

Vom Magazin zum Entertainment: Die ZDF-Kulturreihe „Aspekte“ ist 50 Jahre alt geworden

Von Brigitte Knott-Wolf

Nachdem das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ Anfang vorigen Jahres mit einem neuen Sendekonzept seine lange Magazin-Tradition mit großem Schwung über Bord warf (vgl. FK-Heft Nr. 11/14), feiert es nunmehr diese hinter sich gelassene Vergangenheit. So beging „Aspekte“ am 16. Oktober im ZDF-Programm seinen 50. Geburtstag: Neben der regulären „Aspekte“-Ausgabe um 23.00 Uhr gab es an diesem Freitagabend anschließend noch eine Dokumentation von Jutta Louise Oechler mit dem Titel „Vorwärts mit Kultur! Rückblick auf 50 Jahre ‘Aspekte’“ (23.45 bis 0.30 Uhr). In dem Film wurde an Highlights unter den Beiträgen aus 50 Jahren erinnert wie auch an die Moderatoren von „Aspekte“ und deren Moderationsstile. Oft waren die Moderatoren zugleich auch die Redaktionsleiter des damaligen Magazins. „Aspekte“-Ableger wie die Literatursendereihen „Das Literarische Quartett“ und „Das blaue Sofa“ fanden ebenfalls in der Dokumentation Berücksichtigung.

Als Geburtsstunde von „Aspekte“ gilt der 17. Oktober 1965. An diesem Tag ging Walther Schmieding, der beim ZDF seit 1963 (also von den Anfängen des Senders an) Leiter der Redaktion ‘Literatur und Kunst’ war, mit dem „Kulturbericht“ erstmals auf Sendung – den Namen „Aspekte“ erhielt das neue Magazin erst im darauffolgenden Jahr. In der Dokumentation wird eine große Verehrung für diesen Gründervater, ersten Redaktionsleiter und Moderator des Kulturmagazins deutlich. Schmieding wird mit zahlreichen Filmausschnitten (noch im damaligen Schwarzweiß) ausführlich zitiert, obgleich er bereits drei Jahre, nachdem er das Magazin auf den Bildschirm gebracht hatte, nämlich Ende 1968, das ZDF verließ, um Intendant der Berliner Festspiele zu werden (Schmieding starb 1980 im Alter von nur 51 Jahren.)

Die kulturelle Entwicklung Deutschlands

Diese mit einem aufwendigen Kommentar versehene Chronik der Sendereihe hebt vor allem die Relevanz hervor, die viele Beiträge des Kulturmagazins für die kulturelle Entwicklung Deutschlands gehabt hätten. Da bekam man noch einmal eine Ahnung davon, wie „Aspekte“ einst ausgesehen hatte, als es noch ein echtes Magazin gewesen war – bis es im Februar 2014 diese Form aufgab. Von „Juwelen der Hochkultur“ ist die Rede, die hier zu finden gewesen seien, aber auch vom „Schrägen“ und „Sperrigen“. Das belegt die Dokumentation schon für die frühen Magazinjahre einerseits mit einer Aneinanderreihung von Auftritten prominenter Köpfe bei „Aspekte“ – von Max Frisch bis Herbert von Karajan –, andererseits mit der Präsentation von Provokateuren im Kulturbetrieb wie dem Komponisten Karlheinz Stockhausen, der bildenden Künstlerin Niki de Saint Phalle oder dem Theater- und Filmemacher Rainer Werner Fassbinder.

Beim Gang durch die „Aspekte“-Jahrzehnte wurden auch die in dem dokumentarischen Rückblick als „Sturm-und-Drang“-Zeit charakterisierten siebziger Jahre unter dem „Aspekte“-Redaktionsleiter und -Moderator Reinhard Hoffmeister (1969 bis 1975) nicht vergessen, die seinerzeit durch ein neues Verständnis von Kultur zu einer Politisierung des Magazins führten. Ab dem Jahr 1977 gab es „Aspekte“ wöchentlich zu sehen, dann wieder nur alle 14 Tage (wie zuvor seit 1966), bis die Sendereihe unter Manfred Eichel, Redaktionsleiter und Moderator von 1992 bis 1999, wieder wöchentlich ausgestrahlt wurde. Spektakulär war der Umzug der „Aspekte“-Redaktion im Jahr 2000 nach Berlin ins ZDF-Hauptstadtstudio mit dem neuen Redaktionsleiter und Moderator Wolfgang Herles, der vom politischen Journalismus her kam. Er war bis 1991 Leiter des ZDF-Studios in Bonn, das er wegen Kritik am damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) verlassen musste (vgl. zu Wolfgang Herles auch diesen MK-Artikel).

Eindrucksvoll ist beispielsweise auch die Wiederbegegnung mit Heinrich Böll, der 1975 in einem „Aspekte“-Interview gefragt wird, wie er denn damit umgehe, dass man ihn als Autor für eine moralische Instanz halte. Böll äußert sich daraufhin abwägend und gibt zu bedenken, dass in jedem guten Autor immer auch etwas von einem Anarchisten stecke. Nach ihm wäre dann Günter Grass diese Rolle als moralische Instanz zugefallen, fährt die Dokumentation fort und belegt dies mit Ausschnitten aus alten „Aspekte“-Beiträgen. Die Rolle habe Grass dann später wieder verloren, nachdem er sich in seiner Autobiografie „Vom Häuten der Zwiebel“ zu seiner bis dahin von ihm verschwiegenen SS-Mitgliedschaft als Jugendlicher in der Endphase des Zweiten Weltkriegs bekannt hatte. Dass allerdings auch ein Kulturmagazin wie „Aspekte“ über diese Vorgänge nicht nur berichtet hat, sondern auch selbst an der Stilisierung von Autoren und anderen Personen des öffentlichen Lebens zu moralischen Instanzen wie an deren späterer Demontage mitgewirkt haben dürfte, das allerdings hinterfragt die Dokumentation nicht näher.

Kontinuität durch Wandel?

Zwar bietet der 50-Jahre-Rückblick dem „Aspekte“-Erfinder Schmieding wieder eine große Bühne, doch von der klassischen Magazinform, mit der die Sendereihe einst angetreten ist, ist heute nicht mehr viel übrig. Es gibt immer noch in sich abgeschlossene Einzelbeiträge, die an- und abmoderiert werden, doch das geschieht seit Anfang 2014 im Rahmen einer Live-Sendung vor Publikum, in der diese Filmbeiträge nur einen Teil des Programms ausmachen und Gespräche mit Studiogästen und live eingespielte Musikeinlagen mit dazu gehören. So haben sich bei „Aspekte“ seit 1965 nicht nur die Inhalte verändert, das Format und der – immer mehr gegen Mitternacht rückende – Sendeplatz am Freitag, sondern auch die Anforderungen an die Moderatoren, die jetzt über ihre klassische Funktion hinaus durchaus Entertainer-Qualitäten aufweisen müssen, um im Berliner Studio ihr Publikum unterhalten zu können.

Mit der Neugestaltung der Kulturreihe wurde daher nicht nur die Sendezeit von 30 auf 45 Minuten verlängert, sondern auch die Doppelmoderation eingeführt. In wechselnder Kombination präsentieren nun die Moderatorin Katty Salié und die Moderatoren Tobias Schlegl und Jo Schück die jeweilige Sendung. Die Reihe hat sich von der klassischen Magazinform hin zu einer Art Lifestyle-Kultur-Studio-Show am späten Abend gewandelt. Sie sieht sich an wie ein Designer-Produkt, sie setzt in ihrer Ausstattung und Dramaturgie auf eine eigene Ästhetik und will selbst ein Kulturangebot sein. Sie richtet sich zwar deutlich an ein jüngeres Publikum, jedoch ein jüngeres mit Lifestyle eben. Das ist das Gegenteil von dem, was man als Underground-Kultur bezeichnen könnte, ist aber genauso weit entfernt von einem traditionell bildungsbürgerlichen Kulturverständnis.

Natürlich muss sich ein Sendeformat in 50 Jahren verändern, modernisieren, erneuern. Doch das Ausmaß, wie es bei „Aspekte“ geschehen ist, hat von diesem alten Kulturmagazin nicht mehr viel übriggelassen als den Namen. Daher stößt die in Verbindung mit diesem Jubiläum jetzt von den Verantwortlichen ausgiebig benutzte ‘Kontinuität-durch-Wandel-Rhetorik’ dann doch auf wenig Plausibilität. Hier wird eine Kontinuität beschworen, die es eigentlich nicht mehr gibt. Zudem hörte mit der Neugründung der Redaktion Kultur im Jahr 2013 im Grunde genommen auch die „Aspekte“-Redaktion als solche auf zu existieren. Denn die neue Redaktion sei nunmehr auch für Kulturbeiträge in anderen Sendungen „aus der ZDF-Familie“ tätig, so der seitdem amtierende neue Redaktionsleiter Daniel Fiedler.

Fiedlers Vorgänger Christhard Läpple, der als „Aspekte“-Redaktionsleiter auf Wolfgang Herles folgte, war nur kurz im Amt (2011 bis 2013). Man erinnert sich an Thilo Sarrazins umstrittenen Auftritt in einem „Aspekte“-Beitrag zu dieser Zeit und an andere politisch strittige Eklats (vgl. hierzu FK 6/12). Dort, wo ein erweiterter Kulturbegriff dazu führt, dass Kultur die Politik provoziert, gab und gibt es immer wieder kritische Reaktionen. Das spart auch die Jubiläumsdokumentation nicht aus. Seit dem Weggang von Läpple – er arbeitet jetzt an anderer Stelle im ZDF-Hauptstadtstudio –, scheint „Aspekte“ auch in dieser Hinsicht ‘zahmer’ geworden zu sein.

In einem Interview im Deutschlandradio Kultur (17. Oktober) zum „Aspekte“-Jubiläum hat Manfred Eichel ausdrücklich die Möglichkeit zu längeren Interviews bejubelt, die jetzt wegen der verlängerten Sendezeit gegeben sei. Doch solche Interviews sind in den aktuellen „Aspekte“-Sendungen nicht zu finden; sie stehen, wenn überhaupt, nur im „Aspekte“-Online-Angebot. Dort finden sich immer wieder zusätzliche, im linearen ZDF-Programm nicht ausgestrahlte Beiträge und die ausgestrahlte Sendung selbst gibt es dort auch in Ausschnitten zu sehen, auf Einzelbeiträge reduziert.

„Aspekte“ als Kulturevent?

Die einzelnen Filmbeiträge dauerten in der Sendung am Jubiläumstag (16. Oktober) kaum länger als fünf Minuten. Wegen der Frankfurter Buchmesse ging es in dieser Ausgabe vor allem um Buchvorstellungen. Die „Aspekte“-Ausgabe der darauffolgenden Woche (23. Oktober) bestand zum einen nur aus zwei eingespielten Beiträgen, die jeweils einen unmittelbar vor dem Start stehenden Kinofilm vorstellten. Die Präsentation von neuen Kinofilmen – das ist ein bei „Aspekte“, vor allem seit dem letzten Relaunch, sehr beliebtes Genre. Mittelpunkt der Sendung bildete zum anderen ein – fast eine halbe Stunde dauernder – Auftritt von zwei Star-Pianisten im Studio: Igor Levit vom klassischen Fach und Chilly Gonzales von der U-Musik. Da ging es nicht nur um Promotion für neue CDs, sondern auch um die Performance im Studio, wobei natürlich der Entertainer Gonzales die besseren Karten hatte. Dieser sogenannte „Kampf der Klaviergiganten“ wurde sehr reißerisch anmoderiert und kommentiert. Man schwankte zwischen Mitleid und Bewunderung für den klassischen Pianisten Levit: Mitleid hinsichtlich dessen, was er sich dort zumuten musste, um eines solch wichtigen PR-Termins willen, und Bewunderung dafür, dass er auch das leisten konnte.

„Kultur im Fernsehen will inspirieren, nicht popularisieren“, schreibt ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler im Vorwort der zu Ehren des Geburtstagskinds vom ZDF herausgegebenen Pressemappe. Das ist eine wichtige Feststellung, die auch das Selbstverständnis des neuen Redaktionsleiters Daniel Fiedler wiedergibt. Der sagt in einem dort abgedruckten Gespräch, dass „Aspekte“ nicht nur über Kultur berichte, sondern auch einen „aktiven Part“ habe, weshalb Künstler in die Sendung eingeladen würden, um sich und ihre Arbeit dort zu präsentieren, so dass „Kulturschaffende und Kulturinteressierte ‘Aspekte’ auch als Bühne begreifen“ können. Oder wie es der ehemalige „Aspekte“-Redaktionsleiter und -Moderator Johannes Willms im in der ZDF-Pressemappe veröffentlichten Interview ausdrückt: Man könne „natürlich aus der Sendung selbst ein Event mit zwei Moderatoren und Publikum machen […], als eine Möglichkeit, die Sache zu verkaufen im stetigen Kampf um Quote, um Anerkennung im eigenen Haus“.

Daniel Fiedler beschreibt in den Presseunterlagen seine Ziele für „Aspekte“ so: Es gehe darum, „eigene Themen zu setzen, die Relevanz haben und die wir mit eigener Handschrift präsentieren“. Das war, so legt es die Jubiläumsdokumentation nahe, auch ein Anliegen, das seine Vorgänger vertreten haben. Aber wo genau zeigt sich diese Relevanz gerade in den neu aufgestellten „Aspekten“? Es sieht doch derzeit alles mehr nach bloßem, wenig Relevanz einfordernden Kultur-Entertainment aus. Fiedler konkretisiert seine Vorstellungen weniger thematisch als durch „einen anderen Blick auf die Welt“, den das Kulturfernsehen haben solle. „Kulturjournalismus“, sagt er, „ist auch die Lust am Verspielten, am Grübeln, an der Ironie, am Nachdenken, am Witz – auch im Fernsehen.“ Das ist ein gutes Motto für das künftige „Aspekte“-Jahrzehnt – wenn denn zu der Form, wie Daniel Fiedler sie in dem Zitat beschreibt, auch noch gute Inhalte kommen.

13.11.2015/MK
Es war einmal ein Magazin: „Aspekte“ hat die alte Tradition mit großem Schwung über Bord geworfen Foto: Screenshot

Print-Ausgabe 24/2016

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