Ganz neue Aspekte

Das ZDF-Kulturmagazin mutiert zum Lifestyle-Club

Von Brigitte Knott-Wolf
14.03.2014 •

Seit Anfang Februar hat das freitags abends im ZDF laufende Kulturmagazin „Aspekte“ eine um 15 Minuten verlängerte Sendezeit. Die nunmehr eine Dreiviertelstunde umfassende Sendestrecke von 23.00 bis 23.45 Uhr wird dazu genutzt, über anmoderierte Magazinbeiträge hinaus ein zusätzliches Rahmenprogramm live aus dem ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin auszustrahlen. Dort hat sich – in aufgelockerter Sitzweise – ein betont jugendliches Publikum versammelt. Das Studio verfügt zudem über eine Bühne, die Platz bietet für Gespräche vor Ort und den Auftritt einer Musik-Band. Was auf den ersten Blick so aussieht wie die Aufwertung eines traditionellen und renommierten Kulturmagazins, ist jedoch – bei näherer Betrachtung der ersten drei Folgen – nichts weniger als dessen völlige Umgestaltung, einschließlich einer deutlichen Niveausenkung. Eines der ältesten Kulturmagazine des Fernsehens erhält hier ein neues Profil, das ihm im Grunde genommen seine alte Identität nimmt.

Bereits in den vergangenen zwei Jahren hatte man das Magazin, dessen Anfänge bis auf das Jahr 1965 zurückgehen, mit dem Ziel einer personellen und optischen Verjüngung runderneuert: mit neuem Redaktionsleiter, Daniel Fiedler, neuer Moderatorin, Katty Salié, und neuer Studiodekoration (vgl. FK-Hefte Nr. 6/12 und 42/12). Seit Februar treten jetzt Katty Salié, 38, noch zwei weitere Moderatoren gleichberechtigt zur Seite: Jo Schück, 33, und Tobias Schlegl, 36. Letzterer ist bereits bekannt als Saliés bisheriger Abwesenheitsvertreter bei „Aspekte“. Immer zwei von ihnen moderieren im Wechsel die Sendung aus dem Studio heraus, was die Ankündigung der Magazinbeiträge und Interviews mit den Studiogästen einschließt.

Jubelberichterstattung von der Berlinale

Es gibt pro Ausgabe einen thematischen Schwerpunkt und – so jedenfalls in den ersten drei Folgen seit dem ‘Relaunch’ – jeweils zwei Studiogäste und einen Musikauftritt. Die Musiker stammen bisher alle aus dem Bereich der U-Musik: Bei der ersten Sendung dieser Art traten die fünf Indie-Rocker von Maximo Park live auf, bei der zweiten war es die Schauspielerin Dagmar Manzel mit Liedern von Friedrich Hollaender, bei der dritten Thees Uhlmann mit Band.

Mit dem nunmehr vollzogenen Schritt verlässt „Aspekte“ die klassische Magazinform zugunsten eines Lifestyle-Clubs mit Talkshow-und Musikelementen. Diesen Studioelementen werden die klassischen Magazinbeiträge nicht nur zu-, sondern praktisch untergeordnet. Denn durch die Art der Präsentation erhält das Studiogeschehen faktisch die meiste Aufmerksamkeit. Das ist vor allem deshalb schwer erträglich, weil diese Studiogespräche bisher nicht viel mehr bieten als seichte Plauderei. Die im Studio vorgetragenen Musikeinlagen dienen nicht nur der Unterhaltung und der Lieferung von atmosphärischem Kolorit, sondern sind auch als inhaltlich relevante Beiträge des Kulturmagazins gedacht, denn die Musiker werden im Zusammenhang mit ihrem Auftritt auch interviewt. Das jedoch geschah bisher stets in einer Manier, die eher an eine Promotion-Aktion für ein neues Album erinnerte als an ein journalisisches Gespräch.

In der ersten neu gestalteten Ausgabe (7. Februar) moderierte neben Katty Salié Tobias Schlegl; am Schluss der Sendung wurde dann noch kurz der Neue vorgestellt: Jo Schück präsentierte eine neue Rubrik namens „Kulturwetter“, die sich als ziemlich schlichte Variante der Kulturtipps entpuppte. Schwerpunktthema der Sendung war die Berlinale, Studiogäste waren der Schauspieler Jürgen Vogel und Berlinale-Leiter Dieter Kosslick. Als ‘klassische‘ Magazinbeiträge gab es darüber hinaus einen ironisch-satirisch aufgemachten Filmbeitrag zu den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi („Vorbei sein ist alles“) und das Porträt einer an der Oper Stuttgart engagierten südafrikanischen Sängerin.

Hochkultur als Alibi

Die zweite Ausgabe (14. Februar) widmete sich der „versteckten Lust der Frauen“, wie es in der Anmoderation hieß. Diesmal moderierten Katty Salié und Jo Schück und es gab kein „Kulturwetter“. Erneut spielte die gerade in Berlin stattfindende Berlinale thematisch eine entscheidende Rolle: Die Regisseurin und der Hauptdarsteller des Films „Zwischen Welten“ (bei dem ZDF und Arte Koproduzenten sind) waren als Studiogäste vertreten und einer der Magazinbeiträge widmete sich Lars von Triers viel diskutiertem Film „Nymphomaniac“, der sicherlich auch Anlass für das gewählte Rahmenthema gewesen ist. Die Vorstellung eines neu erschienenen Buchs mit dem Titel „Die versteckte Lust der Frauen“ bestand aus einem Filmbericht über die Autorin und einem Studiogespräch zum Thema mit einer Kulturwissenschaftlerin. Und Dagmar Manzel sang auf der Studiobühne, nicht schön, aber eindrucksvoll Lieder von Friedrich Hollaender aus den 1920er und 1930er Jahren. Dazu wurde sie im Interview befragt, aber auch zum Teddy Award, einem schwul-lesbischen Filmpreis, der im Rahmen der Berlinale vergeben wird.

Insgesamt gab es in den ersten beiden neuen „Aspekte“-Folgen also viel über die aktuellen Berliner Filmfestspiele, und es war eine ziemlich distanzlose Jubelberichterstattung, wie sie übrigens auch vom 3sat-Magazin „Kulturzeit“ betrieben wurde, das ja ebenfalls aus dem ZDF-Hauptstadtstudio gesendet wird. Gespannt erwartete man daher von der dritten Ausgabe der neuen „Aspekte“, die in die Zeit nach Beendigung der Berlinale fiel, ob das Magazin vielleicht doch noch zu klassischen Kulturthemen zurückfinden würde.

Doch auch in der diesmal von Jo Schück und Tobias Schlegl moderierten Folge (21. Februar) bestanden die ersten beiden Beiträge wieder aus Empfehlungen für neue Filme: einen Spielfilm über Kinderhandel („Philomena“) und einen Dokumentarfilm über den verurteilten Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi („Die Kunst der Fälschung“), gedreht vom Sohn seines Verteidigers. Dazu war dann ein Kriminalhauptkommissar vom LKA Berlin im Studio zu Gast, der als Anschauungsmaterial eine Fälschung mitgebracht hatte, mit dem dann allerdings ein enttäuschend dürftiges Gespräch geführt wurde. Des Weiteren war noch ein Filmbeitrag über einen Künstler zu sehen, der ebenfalls im Studio zu Gast war, und es gab einen Beitrag über einen französischen YouTube-Star. Den Schlusspunkt bildete ein neckisches Spielchen, das man sich ausgedacht hatte: In einem „Museumslotto“ wurde aus 30 Namen das „Erlebnismuseum Zugspitze“ ausgelost, über das dann in der nächsten „Aspekte“-Ausgabe (14. März) berichtet werden wird.

Eine gewisse Berlin-Lastigkeit

Immer mehr verlässt „Aspekte“ offensichtlich die Gefilde der klassischen Kultur. Die wenigen Beiträge zur sogenannten Hochkultur in den ersten drei Folgen wirkten wie Exoten mit Alibifunktion. Die Studiogespräche ähneln mehr belanglosem Smalltalk. Wie banal sie sind, kann man in einem direkten Vergleich mit Interviews sehen, die in der 3sat-„Kulturzeit“ stattfinden. Das ZDF-Magazin „Aspekte“, nunmehr präsentiert in der Art eines Kultur-Clubs, zeigt jetzt zwar mehr Lebendigkeit und Atmosphäre, verschiebt aber die Kulturberichterstattung hin zu mehr Popkultur und U-Musik. Vielleicht ist das ja ein spezifischer Berlin-Trend, denn die Stadt hat erst kürzlich mit Tim Renner ausgerechnet einen Popmusik-Manager zum Kulturstaatssekretär ernannt. Überhaupt ist in „Aspekte“ eine gewisse Berlin-Lastigkeit in der Auswahl der Themen unübersehbar – und das in einem Land, das mit guten Gründen Kultur als föderale Aufgabe begreift.

Seit 2013 sind vom ZDF die Kulturredaktionen zu einer zentralen Redaktion in Berlin zusammengefasst worden (vgl. FK-Meldung), und eine zentralistische Institution neigt eben dazu, ihr Programmangebot auch einem Gesamtkonzept unterzuordnen. So ist eine Annäherung aller hier angesiedelten Kulturformate offensichtlich, wie beispielsweise an das 3sat-Magazin „Kulturzeit“, das immer schon Studiointerviews geführt hat, und an den flippigen Lifestyle-Charme von „Kulturpalast“, der einst für den Digitalsender ZDFkultur und eine jüngere Zielgruppe entwickelt wurde und jetzt auch regelmäßig auf 3sat zu sehen ist (samstags, 19.25 Uhr).

Doch kann man Flippigkeit adaptieren und dennoch ernst genommen werden wollen? Eine solche Charakteristik passt nicht zum Profil einer Sendereihe, von der man inhaltlich Bedeutsames erwartet. Diese ganz neuen „Aspekte“ stellen das Ende des traditionellen Kulturmagazins dar: Die Sendung verliert hier an Diskurshöhe, das Verständnis von Kultur als Reflexionsraum für gesellschaftliche Vorgänge, für das Anheben tagesaktuellen Geschehens auf die zeitgeistige Ebene kommt nun zu kurz.

• Text aus Heft Nr. 11/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

14.03.2014/MK

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