Der neugierige Mensch

Zum Tod des Fernsehmoderators und Schriftstellers Roger Willemsen

Von Dietrich Leder

Roger Willemsen, der am 7. Februar im Alter von 60 Jahren in der Nähe von Hamburg nach schwerer Krankheit starb, hatte ich 1985 kennen gelernt. Er arbeitete damals als Assistent bei den Literaturwissenschaftlern an der Münchner Universität. Aufgefallen war er mir durch einen Aufsatz in der Monatszeitschrift „Merkur“, in dem er sich unter dem Titel „Gewalt als Unterhaltung“ mit der Unfähigkeit der Kritiker beschäftigte, Filme im Kino richtig wahrzunehmen. Der Text bestach durch einen ungewöhnlich frechen Ton. Einem führenden Kritiker wies er stichhaltig nach, dass dieser fünfzig Prozent des Handlungsverlaufs eines Horrorfilms falsch dargestellt hatte, weil ihm der Film weniger wichtig gewesen war als die Fabrikation eines moralischen Urteils über ihn

Wegen dieses Textes schlug ich vor, Roger Willemsen zur Duisburger Filmwoche des Jahres einzuladen, auf der wir über die Ereignisse um die Gewaltszenen im Brüsseler Heysel-Park-Stadion beim Europapokal-Endspiel FC Liverpool gegen Juventus Turin vom 29. Mai 1985 diskutieren wollten, so wie sie damals in der Live-Übertragung des ZDF erschienen waren. Willemsen ließ sich darauf ein. Als er dann in Duisburg zum Vortrag anhob, hatte er einen kleinen Zettel in der Hand, auf den er jedoch in der nächsten halben Stunde nicht schaute. Er sprach frei, aber so druckreif, dass ich kaum etwas ändern oder korrigieren musste, als ich den Text vier Jahre später unter dem Titel „Gewalt und Herrlichkeit“ in der Zeitschrift „Zelluloid“ (Nr. 28/29, Mai 1989, S. 13-22) veröffentlichte. Von Willemsens Eloquenz, aber auch von seinem enormen Sprechtempo und seinem Witz waren damals in Duisburg alle Anwesenden sichtlich beeindruckt.

Man wollte keine Ausgabe der Sendung versäumen

Von da ab konferierten wir gelegentlich über politische, mediale und literarische Themen. Und wir tauschten Artikel aus, die wir schrieben. Roger war aus der akademischen Laufbahn mittlerweile ausgebüxt und nach London gezogen, wo er sich an einem Roman versuchen wollte. Als Freunde und ich die Idee entwickelten, uns in einem dokumentarischen Essayfilm an der Geschichte der Familie von Weizsäcker zu versuchen, war er mit Begeisterung dabei. Er hatte sich gerade an der Redetechnik des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker kritisch abgearbeitet und ihm gefiel die Idee, eine durchaus auch finstere Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts zu schreiben. Dass aus dem Film nichts wurde, hatte mit der Komplexität des Themas zu tun. Als wir das Ende des Projekts beschlossen, war Roger bereits ausgestiegen. Er hatte seinen Ausstieg in einem Telefonat mit dem Hinweis begründet, dass er zukünftig für das Fernsehen arbeiten würde. Das löste ein gewisses Gelächter aus, denn der großgewachsene, stets ein wenig rosenwangige Willemsen schien auch mit seiner Tenorstimme so gar nicht in das kleine Fernsehen zu passen. Welch ein Irrtum!

Sein von März 1991 bis Februar 1993 werktäglich beim Pay-TV-Sender Premiere ausgestrahltes Format „0137“, das unverschlüsselt ausgestrahlt wurde und damit als Lockmittel auf den neuen Sender aufmerksam machen sollte, war eine ungewöhnliche Gesprächssendung, in der Willemsen pro Tag jeweils drei Gäste entweder im Hamburger Studio oder aber per Schalte interviewte. Er sprach in den nächsten zwei Jahren wirklich mit jedem, der an dem betreffenden Tag oder in der jeweiligen Woche für Nachrichten gesorgt hatte. Willemsen war stets bestens vorbereitet. Die üblichen Ungenauigkeiten, die sich auch führende Moderatoren gönnen, gab es bei ihm nicht. Und er wagte sich auch an Gesprächspartner, denen andere aus dem Weg gingen. Nicht all diese Gespräche glückten, aber die Sendung, die von 19.30 und 20.15 Uhr ausgestrahlt wurde, war damals ein Pflichttermin. Man wollte keine Ausgabe versäumen. 1993 wurde er für die Sendung mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Danach standen ihm alle Fernsehsender offen, doch er ging nicht – wie es jetzt in vielen Nachrufen steht – direkt von Premiere zum ZDF. Dazwischen gab es noch eine Episode im WDR, der ihn für eine wöchentliche Talkshow verpflichtet hatte. Diese Sendung war schon überaus groß angekündigt worden, als Willemsen nach einem Streit um Produktionsdetails die Reißleine zog. Dass er das konnte, lag daran, dass der WDR es verabsäumt hatte, frühzeitig die alles entscheidenden Verträge abzuschließen. Willemsen ging im Krach, denn Dreinreden ließ er sich nie. Das für den WDR entwickelte Konzept realisierte er dann wieder bei Premiere, wohin er zurückkehrte, ehe er dann 1994 zum ZDF ging und dort „Willemsens Woche“ präsentierte. Eine Kultursendung, die mühelos von der ernsten zur Unterhaltungsmusik wechselte, die klassische Literatur nicht verriet, wenn sie sich mit der populären beschäftigte und die das Kino mochte und das Fernsehen nicht verachtete.

Fragensteller auch jenseits der Kameras

Dort wurde Roger Willemsen zu einem Fernsehstar, dem nun alle Türen auch in der feinen Gesellschaft offenstanden. Ihm, der so gerne wider den Stachel löckte, gefiel das durchaus und er kokettierte mit diesem seinem gesellschaftlichen Aufstieg freimütig. Vielleicht konnte man ihm wegen dieser Fähigkeit zur Selbstironie, mit der auch seine erotomanischen Anwandlungen kommentierte, nie lange oder groß böse sein, auch wenn manche politische Debatte durchaus im Streit endete. Er hat sich Zeit seines Lebens als einen politischen Menschen begriffen. Das bedeutete für ihn aber nicht nur, sich in Debatten einzumischen und Position zu beziehen, sondern auch, sich für die Verhältnisse selbst zu interessieren, die zu politischer Auseinandersetzung führten. Er war ein durch und durch neugieriger Mensch, der einen mit seinen Fragen wirklich überraschen konnte. Auch jenseits der Kameras stellte er Menschen, denen er auf seinen Reisen durch Deutschland und durch die ganze Welt begegnete, Fragen nach dem Leben und den Lebensverhältnissen. Das legte er in seinen Büchern nieder, denen er sich verstärkt widmete, nachdem er sich vom Fernsehen verabschiedet hatte.

Von seiner grundlegenden Neugier zeugt auch das letzte Buch, das von ihm erschien, „Das hohe Haus“, für das er ein Jahr lang die Debatten im Berliner Bundestag verfolgt hatte. Ein Buch, das sich zwischen journalistischem Bericht und politischem Essay hin und her bewegt und das sich dabei nicht eindeutig festlegen lässt. Ähnliches gilt für ihn als Person: Man konnte ihn nicht leicht auf einen Begriff bringen, aber er war stets verlässlich in der Sache wie im Anspruch, den er an sich und die Medien stellte, für die er arbeitete. Ich sah ihn das letzte Mal bei der Hochzeit von Freunden, was kein Zufall war. Roger war mit vielen befreundet, was man an den persönlich gehaltenen Nachrufen ablesen kann. Nicht nur seinen Freunden wird er fehlen.

09.02.2016/MK

Print-Ausgabe 24/2016

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