Am Ende der Anfangsjahre

1966 – Deutsches Fernsehen in Ost und West zwischen Etablierung und Neuorientierung

Von Klaudia Wick

Im Rahmen des Filmfestivals Berlinale präsentiert die Programmgalerie des Berliner Museums für Film und Fernsehen jeweils eine Retrospektive. Diese Sonderschau blickt 2016 ein halbes Jahrhundert Jahre zurück und steht unter dem Titel „Deutsches Fernsehen 1966 – Perspektiven in Ost und West“. Die Retrospektive beginnt wie die diesjährige Berlinale am 11. Februar. Zu der Sonderschau, die bis zum 1. Mai dauert, erscheint im Verlag Bertz+Fischer ein gleichnamiges Buch (204 Seiten) mit diversen Texten zum Thema. Der einführende Aufsatz von Klaudia Wick ist hier im Folgenden abgedruckt. Klaudia Wick ist seit 2015 Leiterin der Abteilung ‘Audiovisuelles Erbe/Fernsehen’ der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin und Kuratorin der Retrospektive. Zuvor arbeitete sie unter anderem 16 Jahre lang freiberuflich als Fernsehkritikerin und war von 1996 bis 1999 Chefredakteurin „taz“. • MK

* * * * * * * * * *

Für die Westdeutschen ist 1966 das Jahr vor dem Attentat auf den Studenten Benno Ohnesorg, in dessen Folge die Studentenrevolte viele überkommene Gewissheiten durch neue Freiheiten ersetzen wird. Für die Ostdeutschen ist es das Jahr nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED, das als „Kahlschlag-Plenum“ in die Geschichte eingeht und die wenigen, nach dem Mauerbau in Aussicht gestellten Freiräume wieder zubetoniert. Viele Babyboomer aus beiden deutschen Staaten werden 1966 freilich als das Jahr in Erinnerung behalten, in dem ein Fernseh-Delfin ihre Herzen eroberte. Das ZDF zeigt die US-Serie „Flipper“ (NBC, 1964 bis 1967) ab dem Neujahrstag im Nachmittagsprogramm. Weil aber 1966 auch das Jahr vor der Einführung des Farbfernsehens ist, sehen die Deutschen die prächtigen Unterwasseraufnahmen noch in Schwarz-Weiß.

Das Fernsehjahr 1966 markiert das Ende einer Aufbauphase. Seit die Geräteindustrie das ‘In-die-Röhre-Schauen’ erschwinglicher gemacht hat, kommen die Zuschauer aus allen Gesellschaftsschichten. Das Fernsehen sendet hüben wie drüben regelmäßig und abendfüllend, es hat eine eigene, vielfältige Formensprache entwickelt und mit seinen verlässlich wiederkehrenden Reihen und Serien das Freizeitverhalten der Deutschen maßgeblich verändert. Der Feierabend findet nun zu Hause statt!

Fernsehen ist Zugang auf Knopfdruck: Gerade in ländlichen Gebieten ebnen die Theaterverfilmungen und Ausstellungsberichte den Standortnachteil der Provinz gegenüber den Städten ein und synchronisieren die Lebenswelten. Aber bei aller Euphorie für die neue Wirkmacht müssen die Programmmacher doch auch erkennen: Weder die Hochkultur noch die politische Debatte begründen den Erfolg beim Publikum, sondern die vielen Formen der leichten Unterhaltung. Und der Spagat zwischen Bildungsauftrag und Zuschauerwunsch ist noch größer geworden, seit in der Bundesrepublik das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) auf Sendung ist. Denn Karl Holzamer, Philosoph, Pädagoge und erster ZDF-Intendant, will die Herzen der Zuschauer mit Unterhaltsamkeit erobern. Den Zuschauern ermöglicht die Konkurrenz mit dem (Ende Oktober 1954 als Gemeinschaftsprogramm gegründeten) Deutschen Fernsehen der ARD ein Umschaltverhalten, das Ernstes und Erbauliches weitgehend vermeidet. Dieser sogenannte „Unterhaltungsslalom“ wird in der DDR genau verfolgt und analysiert. Denn Mitte der 1960er Jahre schalten bis zu 85 Prozent der DDR-Fernsehteilnehmer das Westfernsehen ein. Sogar ein hoher Anteil von SED-Parteimitgliedern ist darunter, wie eine 200 Seiten starke Untersuchung „Zum Einfluß des Westfernsehens“1 1966 feststellt. In Betrieben werden die Programmankündigungen dieses Westfernsehens in Kopie verteilt. In einigen Fällen, so der Bericht, müssen sogar Gemeinde- oder Partei­versammlungen abgesagt werden, weil drüben attraktive Fernsehsendungen laufen – bevorzugt Shows, Kriminalfälle und Serien.

Grenzenlos fernsehen

„Der Klassenfeind sitzt auf dem Dach!“, weiß der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht.2 Auf beiden Seiten der deutsch-deutschen Grenze stehen Sendeanlagen, die so positioniert kaum geeignet sind, das eigene Territorium mit Fernsehempfang zu versorgen. Das jeweils andere Deutschland erreichen die Sendemasten dafür umso besser und natürlich überwindet der Overspill mühelos den neuen antifaschistischen Schutzwall. Alle Versuche der DDR-Führung, mit Störsendern den Empfang des Westfernsehens zu unterbinden, sind zum Scheitern verurteilt. Zu nah liegen die eigenen Sendefrequenzen an denen des Klassenfeindes. Selbst als junge Pioniere der Freien Deutschen Jugend (FDJ) 1961 von Haus zu Haus gezogen waren, um gen Westen ausgerichtete Fernsehantennen zu entfernen3, hatte das keine substanzielle Umkehr gebracht. Deshalb wird im Politbüro des Zentralkomitees (ZK) der SED inzwischen mehr Wert darauf gelegt, die eigenen Fernsehzuschauer mit dem besseren Programm zu überzeugen. Die ZK-Abteilung für Agitation, zuständig für das Fernsehen, beschreibt 1966 die veränderte Aufgabenstellung: Statt Antennen von Dächern herunterzureißen, geht es darum, die Antennen des Klassenfeindes in den Köpfen zu entfernen4.

Doch ganz offensichtlich steht diesem Ziel der ideologische Programmauftrag des Deutschen Fernsehfunks (DFF) im Weg, wie die Programmleitung des DDR-Fernsehens einräumen muss: „Es ist in keiner Weise gelungen, dem Zuschauer das Gefühl zu nehmen, daß er von uns andauernd belehrt wird. Ohne Übertreibung muß festgestellt werden, daß Spannung, Lachen, Schmunzeln und Entspannung ohne politisches Engagement im wesentlichen nicht aus unseren eigenen Sendungen dem Zuschauer ermöglicht wird, sondern meist aus Programmen aus dem Ausland, und besonders mit Hilfe des bürgerlichen Films“.5

Bereits wenige Wochen nach dem Mauerbau 1961 hat der Sender Freies Berlin (SFB) fürs Fernsehen ein Vormittagsprogramm gestartet, das sich an die Bürger jenseits der Mauer wendet und deshalb innerhalb der ARD nur von den grenznahen Sendern Norddeutscher Rundfunk (NDR), Hessischer Rundfunk (HR) und Bayerischer Rundfunk (BR) übernommen wird. Zum Jahresanfang 1966 erweitern ARD und ZDF das sogenannte „Wiederholungsprogramm für Mitteldeutschland“, das „trotz Mauer, Stacheldrahtverhauen und Minenfeldern Brücken nach drüben“ schlagen soll, wie der ARD-Vorsitzende Werner Hess (HR) erklärt.6 Nach Unterhaltungssendungen und Nachrichten vom Vortag schließt das Vormittagsprogramm mit einer aktuellen Presseschau ab. Viele Informationen, die den DDR-Bürgern von der eigenen Presse vorenthalten werden, finden so tagtäglich den Weg über die Grenze.

In der Bundesrepublik beschäftigen sich zahlreiche Sendungen mit der abgeriegelten Sowjetzone. Der Dokumentarfilmer Hans-Dieter Grabe zeigt in seiner Reportage „Hoffnung – Fünfmal am Tag. Beobachtungen auf einem deutschen Bahnhof“ (ZDF, 9.2.1966), wie auf dem überlaufenen Bahnhof von Bebra die deutsch-deutsche Teilung alltäglich Gestalt annimmt: In den Interzonenzügen, die fünfmal am Tag hier halten, sitzen aufgeregte Rentner auf dem Weg zu ihren Westverwandten oder Westdeutsche, die aus besonderem Anlass, nicht selten eine Beerdigung, in das andere Deutschland reisen dürfen oder müssen. Grabe interessiert sich aber auch für die erschöpften ehrenamtlichen Helfer der Bahnhofsmission. „Hoffnung – Fünfmal am Tag“ zeigt deren emotionale Überforderung und thematisiert ihre Verbitterung über den Undank der Durchreisenden: kein Trinkgeld für den Kofferträger, aber Wucherpreise zahlen für eine Orange!

„Drüben“ nennt das ZDF eine neue Fernsehreihe, die ab 1966 regelmäßig aus „Mitteldeutschland“ berichtet. Der Nachricht, dass die sächsische Textilindustrie in Chemnitz (es wird ignoriert, dass die Stadt seit 1953 Karl-Marx-Stadt heißt) das Angebot an Damenstrümpfen erhöht, folgt beim ZDF der süffisante Zusatz: „Nahtlose Damenstrümpfe gehören zu den überteuerten Luxuswaren.“ Und beim Bericht über die zentrale DFF-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ fällt der Blick sogleich auf das Parteizeichen des Nachrichtensprechers: Nicht Objektivität, sondern Parteilichkeit, schlussfolgert der ZDF-Moderator, sei drüben also das Prinzip der Berichterstattung.

Das gegenseitige Zitieren ist in beiden deutschen Fernsehsystemen gängige Praxis. Thilo Koch, Leiter des West-Berliner NDR-Studios, hat schon 1958 in der Fernsehreihe „Die rote Optik“ damit angefangen und dafür eigens einen Abfilmapparat entwickeln lassen. DFF-Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler beschäftigt sich seit 1960 auf die gleiche Weise (und unter Zuhilfenahme ähnlicher Technik) in „Der schwarze Kanal“ mit dem Westfernsehen. Im „inner­deutschen Fernsehkrieg“ (Koch) wird ab 1969 Gerhard Löwenthal mit dem „ZDF-Magazin“ für mehrere Jahrzehnte zu von Schnitzlers direktem Gegenspieler.

Vorbilddramaturgien

Die Mauer ist ein beliebter Gegenstand für das westdeutsche Fernsehen, der westdeutsche Kapitalismus ein beliebter Gegenstand für das Ostfernsehen: Weil auch der sozialistische Fernsehfilm von der Überlegenheit des eigenen Systems ausgehen soll, fehlen den Autoren oft Figuren mit glaubwürdigen inneren Widersprüchen für ihre Vorbilddramaturgien. Etliche Fernsehspiele des DFF erzählen deshalb von Menschen, die in der kapitalistischen Gesellschaft der BRD nicht glücklich geworden sind. In „Besuch aus der Ferne“ (DFF, 18.9.1966) thematisiert der Regisseur Lothar Bellag die Systemunterschiede anhand zweier Freunde, die einst Studienkollegen waren: Der eine praktiziert als Landarzt mit Nachtbereitschaft, der andere ist nach dem Medizinstudium in den Westen geflohen. Auf Besuch in der alten Heimat stellt sich heraus, dass sich der Republikflüchtling – schon ganz der Westler – als ‘Halbgott in Weiß’ geriert, während der sozialistische Landarzt seine Patienten als Freunde und Nachbarn wahrnimmt.

In Hamburg stellt der Regisseur Egon Monk in seinem Fernsehspiel „Preis der Freiheit“ (ARD7/NDR, 15.2.1966) seinerseits die Systemfrage: Die an der innerdeutschen Grenze diensttuenden jungen Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR schwanken zwischen Kameradschaft und gegenseitigem Misstrauen, sie langweilen und fürchten sich, schwatzen und schweigen miteinander, haben die Kippe lässig im Mundwinkel und den Finger gefährlich nah am Abzug. Monk stellt dem Freiheitswillen einzelner Soldaten das System der (Grenz-)Überwachung gegenüber. Am Ende wird einer von ihnen fliehen und dabei seinen Wachkameraden schwer verletzen. Der Preis der Freiheit ist aber nicht nur der Schädelbruch des Kameraden, sondern auch der gestiegene Argwohn der Grenzsoldaten.

Der Brecht-Schüler Egon Monk hat 1960 in Hamburg die Fernsehspielabteilung des NDR übernommen. Durch eine Neuordnung im ARD-internen Sendergefüge muss der NDR seit kurzem nicht mehr 50 Prozent, sondern nur noch 20 Prozent des gemeinsamen ARD-Fernsehprogramms zuliefern. Den wegfallenden Produktionsdruck lenkt der junge Hauptabteilungsleiter um in eine ästhetische und dramaturgische Qualitätsoffensive: Das Fernsehen soll filmischer werden! Statt Bühnenstücke zu adaptieren, will der experimentier­freudige Monk zeitgenössische Autoren gewinnen, die genuine Fernsehspiele entwickeln. Eberhard Fechner, Dieter Meichsner, Helga Feddersen, Klaus Wildenhahn oder Peter Beauvais gehören zu Monks Weggefährten.

Demonstrativ zieht die NDR-Fernsehspielredaktion um auf das Gelände von Studio Hamburg, um näher am Produktionsprozess zu sein als bisher. Binnen weniger Jahre entsteht so eine neue Fernsehspielpraxis, die sich einerseits filmischer Mittel bedient, dabei aber andererseits in ihrer dramaturgischen Form der analytischen Distanz und den Vermittlungsformen des epischen Theaters verpflichtet ist. „Private Leidenschaften interessieren mich nicht“,8 bekennt Egon Monk in Bezug auf sein Fernsehspiel „Ein Tag“ (ARD/NDR, 6.5.1965), das nüchtern und vermeintlich emotionslos den Alltag im Konzentrationslager von 1939 beschreibt. Auch „Preis der Freiheit“ folgt diesem Vermittlungsmuster, das die minutiöse Zustandsbeschreibung an der bewachten Grenze nutzt, um den Zuschauer nicht zum Mitfühlen mit einzelnen Spielfiguren, sondern zum Nachdenken über die Verhältnisse an der Mauer zu bringen.

Zeichen der Zeit

So wie sich in Hamburg die Fernsehspieldramaturgen finden, haben sich in Stuttgart beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) die Dokumentarfilmer gesammelt. Sie sind vom Hörfunk zum Fernsehen gekommen oder wurden beim „Spiegel“ abgeworben. Ihre Redaktion trägt das Wort „Film“ nicht einmal im Namen, sondern heißt „Dokumentarabteilung“. Vieles – auch der bekannte Reihentitel „Zeichen der Zeit“ – ist eine Übernahme aus dem Hörfunk. Mit der Reportage „Die Vergessenen“ (ARD/SDR, 8.5.1956), die die ärmlichen Lebensumstände jüdischer Exilanten in Paris beschreibt, hat sich die Redaktion früh einen Namen gemacht.

Seit sie sich mit „Die deutsche Bundeswehr“ (ARD/SDR, 16.10.1956) in die öffentliche Debatte zur Wiederbewaffnung eingemischt haben, gelten die Stuttgarter als politische Größe. Ihre Filme beziehen ihre Lebendigkeit vor allem aus dem ironischen bis sarkastischen Sprachstil. Die 16-Millimeter-Kameras sind nur dann leichthändig und damit beweglich, wenn sie auf den Originalton verzichten. Bei Tonaufnahmen müssen sie schalldämmend verkleidet (geblimpt) werden und das Pilottonkabel kettet Kameramann und Toningenieur wie siamesische Zwillinge aneinander. Immerhin kann Roman Brodmann, der 1965 vom ZDF nach Stuttgart gewechselt ist, seine Beobachtung einer Schönheitskonkurrenz für „Die Misswahl“ (ARD/SDR, 30.6.1966) schon mit einer selbstgeblimpten Schulterkamera drehen, die zudem über ein Zoomobjektiv verfügt. So kommt das Kamerabild mitten aus dem Geschehen und der Ton kann den Gesprächen der Konkurrentinnen lauschen. Stilprägend und sinnstiftend für die Dokumentarfilme der „Stuttgarter Schule“ bleiben aber die Einlassungen aus dem Off, die das Gezeigte nicht selten von oben herab kommentieren.

Im gleichen Jahr porträtiert Georg Stefan Troller im Rahmen der NDR-Reihe „Schwierigkeiten beim Zeigen der Wahrheit?“ in Paris die Dreharbeiten eines Reporterteams des französischen Politmagazins „Cinq colonnes à la une“ (übersetzt etwa: „Fünf Spalten auf Seite 1“). Freimütig beneidet er den Reporter um dessen drahtloses Mikrofon. Während Troller mit seiner siebenköpfigen Mannschaft den Franzosen folgt, beschränken sich diese auf das Nötigste (Kameramann, Tonmann, Reporter), um so möglichst beweglich und reaktionsschnell zu arbeiten. Indem er den kompletten Produktionsprozess einer Sendung begleitet, hinterfragt Troller in seiner Reportage (NDR, 19.3.1966) immer wieder die Bedeutung der vermeintlich objektiven Fernsehbilder. Wie die Autoren von „Zeichen der Zeit“ verlässt sich auch Troller in seinen Reportagen aus Paris nicht allein auf seine Kamerabilder, sondern er pointiert mit ausführlichen Kommentaren und Erläuterungen. Er verzichtet jedoch auf jene denunziatorischen Zuspitzungen, die den Stuttgartern zum probaten Stilmittel geworden sind. Auch zeigt sich Troller wie selbstverständlich im Bild und spricht das Voice-over selbst. Sein Kommentar wird so zum flaneurhaften erzählerischen Ich.

Denken und Handeln

Das dokumentarische Arbeiten ist im Fernsehen der DDR nicht einfacher geworden, seit ein Millionenpublikum erreicht wird. Weil das Programm „Denken und Handeln maßgeblich beeinflussen“ kann (DFF-Intendant Heinz Adameck)9, steht es schon seit geraumer Zeit unter Dauerbeobachtung durch die DDR-Führungsspitze. Die Filme sollen die Programmatik der SED in Fernsehen umsetzen: Kritik muss solidarisch sein – oder einen Gegenstand aus dem kapitalistischen Ausland treffen. Dies gelingt den Dokumentaristen Walter Heynowski und Gerhard Scheumann, als sie den Söldner Siegfried Müller, genannt „Kongo-Müller“, interviewen. In der Annahme, er spreche mit Westjournalisten, äußert sich der Major – bald zunehmend benebelt vom reichlich bereitgestellten Alkohol – offen über die Gräueltaten seiner Einheiten. Der Interviewfilm „Der lachende Mann“ (DFF, 9.2.1966) wird als Kinofilm in 37 Ländern aufgeführt, darf aber in der Bundesrepublik nicht gezeigt werden.10

Nach einer Verbotswelle zum 10. Jahrestag des Deutschen Fernsehfunks wird seit geraumer Zeit die langfristige Programmplanung bei der Sendeanstalt in Abstimmung zwischen Intendanz und Partei festgelegt. Besonders in der Hauptabendschiene soll so ein ideologisch konformes Programm entstehen. Die DFF-Reihe „Bilder und Beobachtungen zur technischen Revolution“ inszeniert die DDR als modernen Industriestaat. Weil es in der sozialistischen Gesellschaft keine unlösbaren Widersprüche zwischen den volkswirtschaftlichen Belangen und den Interessen des einzelnen Menschen geben darf, beschäftigt sich die Dokumentarspielreihe „Der Mensch neben dir“ damit, wie letzte Hindernisse in der Arbeitswelt auszuräumen sind.

Beliebt sind auch exemplarische historische Lebensläufe. Vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart erzählt, sollen sie den Gründungsmythos von der DDR als antifaschistischem Deutschland wachhalten. So erinnert das Dokumentarspiel „Kein Platz für Gereke“ (DFF, 15.2.1966) an den bundesdeutschen Landwirtschaftsminister Günther Gereke, der 1952 in die DDR gewechselt war. Die Spielfilmserie „Ohne Kampf kein Sieg“ (DFF, 28.8. bis 6.9.1966) idealisiert den Rennfahrer Manfred von Brauchitsch, der ebenfalls in die DDR übergesiedelt war. Selbst die populären Fernsehromane sind nicht frei von ideologischen Vorgaben: In Ulrich Theins Mehrteiler „Columbus 64“ (DFF, 1.10. bis 6.10.1966) muss sich ein angehender Schriftsteller, dargestellt von Armin Mueller-Stahl, als Fahrer im Uranbergbau der Wismut bewähren. Die harten Arbeitsbedingungen im Bergbau, die ausführlich und ohne Beschönigungen gezeigt werden, formen letztlich aus dem richtungslosen jungen Bürger einen verantwortungsvollen Genossen und Ziehvater.11

Im westdeutschen Fernsehen gibt es zwar auch einen edukativen Programmauftrag, aber weil sich das Fernsehen als Feierabendvergnügen etabliert, spart es gerade die Arbeitswelt weitgehend aus. Im Widerstreit zwischen Entspannungsmedium und Bildungsauftrag setzt sich die Programmidee der „Lebenshilfe“ durch.12 Das Fernsehen versteht sich als medialer Begleiter gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse und gefällt sich darin, möglichst praktische Hilfestellung zu leisten. So unterrichtet das Fernsehen seine Zuschauer 1966 vor allem in etwas, das man später als Lifestyle bezeichnen wird: Man kann Quickstepp oder Englisch lernen und in der neuen ARD-Reihe „Der 7. Sinn“ bereitet der WDR in unterhaltsamer Form Wissenswertes für Autofahrer auf.

Synchronisierte Lebenswelten

Mit dem Ausbau des Empfangsnetzes, das nun endlich auch die ländlichen Gegenden flächendeckend mit Fernsehen versorgt, schließt die abgehängte Provinz zu den kulturbeflissenen Städten auf. Das ZDF startet im Januar 1966 das Kulturmagazin „Aspekte“, das die geografisch zerstreuten Ereignisse der internationalen Hochkultur in jedes Wohnzimmer mit Fernsehapparat vermitteln kann. Nur fünf Monate nachdem das Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss Premiere hatte, zeigt der NDR im ARD-Programm eine Fernsehfassung (29.3.1966). Der DFF folgt ein gutes halbes Jahr später mit einer eigenen TV-Adaption. Beim SDR experimentiert der irische Dramatiker Samuel Beckett mit der elektronischen Kamera und dem so oft geschmähten engen Bildausschnitt des Fernsehens (Beckett nannte es „keyhole-art“13). Sein erstes Fernsehspiel „He Joe“ (ARD/SDR 13.4.1966) inszeniert Beckett in neun Kamerafahrten, ohne Schwenk und ohne Schnitt. Es ist ein Stück, das die technischen Bedingungen des Fernsehens virtuos nutzt und zugleich die etablierte Formensprache rüde verweigert.

In seinem alltäglichen Sendungsbewusstsein ist das Fernsehen Mitte der 1960er Jahre aber längst kein technisches oder kulturelles Experiment mehr, sondern ein omnipotenter Alltagsbegleiter. Die Interviewsendungen von Günter Gaus ermöglichen Begegnungen mit Politikern und Prominenten, ohne dass man sich aus dem Sessel erheben muss. Magazine wie Trollers „Pariser Journal“ bringen etwas Savoir-vivre ins eigene Wohnzimmer. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss der neuen Werbeinseln im Programm von ARD und ZDF, die maßgeblich zur Modellierung eines kollektiven Konsumverhaltens beitragen – übrigens dank des Overspills in West wie in Ost. Das Fernsehen, im Westen das Fenster zur Welt, ist im Osten auf diese Weise ein Schaufenster in den Westen.

Das neue Leitmedium lockt mit ausgesprochen zeitintensiven Formen und einer persönlichen Ansprache, die bei den Leuten ankommt. Das Fernsehen habe sich zum „Niedersitz der Massen“ entwickelt, grantelt der Fernsehpublizist Egon Netenjakob in einer Kritik zum Durbridge-Krimi „Melissa“ (ARD/WDR, 10.1. bis 14.1.1966).14

Spannende Mehrteiler haben das Potenzial zum „Straßenfeger“. Das weiß auch Egon Monk in Hamburg und lässt aus dem großen englischen Postraub von 1963 den Dreiteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ entwickeln (ARD/NDR, 8.2. bis 13.2.1966) und das Familiendrama „Die Unverbesserlichen“ in Serie gehen. Davon zeigt die ARD von 1965 bis 1971 jedes Jahr zum Muttertag eine neue Folge und macht so Inge Meysel zur „Fernsehmutter der Nation“. Spektakuläre Musik- und Unterhaltungsshows beschwören die Magie des Dabeiseins. Die ZDF-Show „Der goldene Schuß“ betont ihren Live-Charakter, indem Gastgeber Lou van Burg seine Kandidaten per Telefon anruft und fragt: „Welches Äpfelchen wählen Sie?“ In einer Sonderausgabe aus Monte Carlo kann er im Sommer 1966 die Hollywood-Schauspielerin Grace Kelly, die jetzt Fürstin Gracia Patricia heißt, sogar dafür gewinnen, das Kommando „Kimme, Korn, ran!“ auf Deutsch in die Kamera zu sprechen. Im ARD-Fernsehen lädt Hans-Joachim Kulenkampff acht Kandidaten aus europäischen Ländern zum Wissenswettbewerb ein: Voraussetzung zur Teilnahme an „Einer wird gewinnen“ (kurz: „EWG“) sind neben einer fundierten Allgemeinbildung gute Deutschkenntnisse. So geht Mitte der 1960er Jahre internationale Völkerverständigung.

Beim Deutschen Fernsehfunk setzt man alles daran, mit den Attraktionen des Westfernsehens mitzuhalten, ohne den eigenen sozialistischen Programmauftrag zu verraten. Einmal jährlich zum Jahrestag der Republik mobilisiert der DFF die ganze Nation zur Beteiligung an der ganztägigen (!) Fernsehshow „Spiel mit!“. In der Live-Sendung „Mit dem Herzen dabei“ werden verdiente Werktätige vor laufender Kamera mit telegenen Überraschungen geehrt. Beispielsweise wird eine Magdeburger Verkehrspolizistin an einer Kreuzung von 1000 Autos buchstäblich umzingelt.

Die Wünsche der in der Sendung Ausgezeichneten sind zum Teil mit geheimdienstlichen Methoden recherchiert: So sollen in der Wohnung eines Lokführers versteckte Mikrofone angebracht worden sein, um dessen Lebensrhythmus auszuspähen.15 Mit spektakulären Auftritten will Walter Ulbricht die sozialistische Unterhaltungskunst von der des kapitalistischen Nachbarn absetzen. So versöhnt sich der Staatsratsvorsitzende in der am 16. April 1966 zu sehenden Ausgabe von „Mit dem Herzen dabei“ mit dem ehemaligen Justizminister Max Fechner, der nach dem 17. Juni 1953 in Ungnade gefallen war und mehrere Jahre als „Feind des Staates und der Partei“ im Gefängnis gesessen hatte.

Aufbruch

„Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen: Es gibt keine Nationalstaaten mehr, es gibt nur noch die Menschheit und ihre Kolonien im Weltraum.“ Mit diesem Intro startet im September 1966 im ARD-Programm eine Science-Fiction-Serie. Die Studiokulissen der „Raumpatrouille“ (17.9. bis 10.12.1966) sind gespickt mit Geräten aus dem täglichen Bedarf wie Bügeleisen, Bleistiftanspitzern oder Badezimmerarmaturen. Das Fernsehen der kapitalistischen Gesellschaft hat nämlich nicht genug Produktionsmittel, um „Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“ (so der Untertitel) technisch formvollendet auszustatten. Macht nichts! Die modernen Designs der Haushaltsgeräteindustrie müssen in der Not aushelfen. Noch fehlen dem Fernsehpublikum des Jahres 1966 die internationalen Vergleiche, das ZDF wird „Star Trek“ (NBC, 1966 bis 1969) erst sechs Jahre später unter dem Titel „Raumschiff Enterpriese“ ins Programm nehmen.

Erst einmal fiebern alle dem neuen Farbfernsehen entgegen, das im Rahmen der Deutschen Funkausstellung in Berlin im Sommer 1967 eingeführt werden soll. Den preiswertesten Farbfernseher bietet in Westdeutschland der Versandhandel an: Der Neckermann „Weitblick“ kostet ‘nur’ 1840 D-Mark. Mit der neuen PAL-Technik steht die Fernsehentwicklung wieder an einem Neuanfang. Der Theaterregisseur Peter Zadek wird eine Weile lang mit Farbe und Filtern experimentieren, in der Stuttgarter Dokumentarabteilung ist man in Sorge, dass das dokumentarische Drehen nun wieder beschwerlich werden könnte. Zum Staatsbesuch des Schahs von Persien wird Roman Brodmann am 2. Juni 1967 mit einer Schwarz-Weiß-Kamera nach West-Berlin fahren. Seine Bilder vom „Polizeistaatsbesuch“ (ARD/SDR, 26.7.1967) dokumentieren den Beginn der Studentenbewegung. Deren gesellschaftlicher Erneuerungswille wird im bundesdeutschen Fernsehen der 1970er Jahre Einzug halten und die Formensprache des Fernsehens von Grund auf verändern.

Auch der Deutsche Fernsehfunk steht zu Beginn des neuen Jahrzehnts vor einem Paradigmenwechsel. Um „eine bestimmte Langeweile“ (Erich Honecker 1971) im Fernsehen der DDR endlich zu überwinden, wird das Programm im Rahmen einer umfassenden Reform entideologisiert: Viele unterhaltende Fernsehformate wie „Ein Kessel Buntes“ (DFF, 29.1.1972 bis 19.12.1992)16 und „Außenseiter-Spitzenreiter“ (DFF, ab 18.6.1972)17 oder der „Polizeiruf 110“ (DFF, ab 27.6.1971)18 entfalten beim Publikum Bindungskräfte, die selbst die DDR überdauerten. Das Fernsehen der DDR wird also ab dieser Zeit in jeder Weise bunter. Die dortigen Secam-Fernsehgeräte zeigen aber nur die DDR-Sendungen in Farbe, das Schaufenster in den Westen bleibt grau in grau. •

Fußnoten

1 Fischer (Sektor Rundfunk/Fernsehen), 21.7.1966: „Zum Einfluß des Westfernsehens“. Zit. n. Claudia Dittmar: „Feindliches Fernsehen. Das DDR-Fernsehen und seine Strategien
im Umgang mit dem westdeutschen Fernsehen“, Bielefeld 2010, S. 220

2 O.V.: „Störsender – Vielköpfige Hydra“, in: „Der Spiegel“ Nr. 45/1980, S. 42-44

3 O.V.: „Aktion Ochsenkopf“, in: „Der Spiegel“ Nr. 37/1961, S. 25

4 Abteilung Agitation, 19.10.1966: „Wie die westlichen Propaganda-Zentralen geschlagen werden“. Zit. n. Dittmar, a.a.O., S. 221

5 Zit. n. Dittmar, a.a.O., S. 234

6 Zit. n. Joan-Kristin Bleicher (Hg.): „Fernseh-Programme in Deutschland. Konzeptionen – Diskussionen – Kritik (1935-1993)“. Wiesbaden 1996, S. 102. – Mitteldeutschland: Die DDR war 1966 von der Bundesrepublik noch nicht als Staat anerkannt worden und wurde im öffentlichen Sprachgebrauch meist als „Mitteldeutschland“ oder „Ost-Zone“ bezeichnet.

7 ARD wird hier als Kürzel für „Deutsches Fernsehen“ verwendet; so lautete der offizielle Name des bundesweit gesendeten Gemeinschaftsprogramms der ARD-Rundfunkanstalten bis in die 1980er Jahre. In Klammern werden die ausstrahlende und die produzierende Sendeanstalt genannt.

8 Knut Hickethier: „Leidenschaften interessierten Egon Monk nicht“, in: „Die Welt“ vom 28.2.2007

9 Heinz Adameck: „Die Rolle des Fernsehens bei der Bewußtseinsbildung seiner Zuschauer“, in: „Einheit. Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus“, Nr. 11/1962, S. 79; zit. n. Dittmar, a.a.O., S. 226

10 Vgl. zu den Filmen von Heynowski/Scheumann auch den Beitrag von Andreas Kötzing im Katalog zur Ausstellung „Deutsches Fernsehen 1966 – Perspektiven in Ost und West“

11 Die bereits 1965 fertiggestellte Miniserie erhielt nach dem 11. Plenum im Dezember des Jahres keine Freigabe und lief nur einmal nach massiven Eingriffen: Man störte sich an der ungeschönten Darstellung der DDR-Arbeitswelt ebenso wie am Titelsong und Mitwirken von Wolf Biermann, der seit dem Plenum generelles Auftritts- und Veröffentlichungsverbot hatte.

12 O.V.: „Lebenshilfe und zweckfreie Sinnenfreude“, in: „Der Spiegel“, Nr. 8/1963, S. 60

13 Dietmar Kammerer: „Samuel Becketts Fernseharbeiten“, in: „Samuel Beckett: Filme für den SDR“, Booklet zur DVD-Ausgabe, Filmedition Suhrkamp, Berlin 2008

14 Egon Netenjakob: „Sehfunk. Niedersitz der Massen. Bemerkungen anläßlich des diesjährigen Durbridge“, in: „Funkkorrespondenz“ Nr. 4/1966, S. 9

15 Vgl. Rüdiger Steinmetz/Reinhold Viehoff (Hrsg.): „Deutsches Fernsehen Ost. Eine Programmgeschichte des DDR-Fernsehens“, Berlin 2008, S. 194

16 Die letzten zehn Ausgaben von „Ein Kessel Buntes“ liefen in der ARD.

17 „Außenseiter-Spitzenreiter“ läuft bis heute im Dritten Programm MDR Fernsehen.

18 Die Krimireihe „Polizeiruf 110“ läuft bis heute in der ARD.

27.01.2016/MK

Print-Ausgabe 24/2016

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren