Der Mann mit
dem leichten Gepäck

Zum Tod des Fernsehproduzenten Wolfgang Rademann

Von Karl-Otto Saur

Am 22. Oktober 1985 stand im ZDF-Programm die erste Folge der neuen, groß angekündigten Krankenhausserie „Die Schwarzwaldklinik“ an. Am selben Tag hatten im Gebäude des ZDF die alljährlich veranstalteten „Mainzer Tage der Fernsehkritik“ begonnen, eine Veranstaltung, mit der der öffentlich-rechtliche Sender seine Bereitschaft zur Selbstkritik beweisen wollte.

Am Abend gab es den Empfang des Intendanten. Nichts störte die Harmonie. Bis am nächsten Morgen der Autor und Regisseur Oliver Storz sich als Erster zu Wort meldete. Mit vor Zorn bebender Stimme berichtete er, dass er den Empfang der „Mainzer Tage“ geschwänzt habe, um sich die erste Folge der so lautstark angekündigten neuen Serie anzuschauen. Und so etwas Ärgerliches und Verlogenes habe er lange nicht gesehen, polterte er in den Saal. Die Verantwortlichen des ZDF wirkten betroffen. Bis sie gegen Mittag die Einschaltquoten der Sendung auf den Tisch bekamen.

Der Produzent der Serie war Wolfgang Rademann, der vor allem mit Unterhaltungssendungen seinen Ruf als Einschaltquotenheld erworben hatte. Stars wie Peter Alexander oder Harald Juhnke verdankten ihm viel. Und auch der größere Teil des Publikums. Waren doch alle seine Produktionen auf ein Gute-Laune-Gefühl angelegt, das die Zuschauer nie überforderte. Er war durchaus in der Lage, die Arbeiten von jemandem wie Oliver Storz anzuerkennen, der sich intensiv mit der jüngsten Zeitgeschichte auseinandersetzte. Rademann wusste aber auch, was er selbst wollte. Einer seiner Lieblingssprüche galt den Kritikern der „Süddeutschen Zeitung“: „Wenn ich eines Tages in der ‘Süddeutschen Zeitung’ eine positive Kritik bekomme, dann weiß ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.“

Mit dem ZDF-„Traumschiff“ unterwegs

Wolfgang Rademann wurde 1934 in Berlin geboren. Er begann nach dem Krieg seine Journalisten-Karriere in Ost-Berlin, wechselte jedoch nach wenigen Jahren in den Westen. Dort schrieb er vor allem für die „B.Z.“ und den „Stern“ Boulevardgeschichten. Das bestimmte in doppeltem Sinn seine weitere Karriere. Er hatte ein Gespür für das, was die Masse wirklich interessierte und er lernte die Größen des Show-Business persönlich kennen. Eine ganze Reihe von ihnen managte er später und brachte sie so in seinen eigenen Unterhaltungssendungen unter. Seine unverwüstliche schnoddrige Berliner Schnauze sorgte zusätzlich dafür, dass ihn jeder mochte.

Ein Leben lang behielt er seine Leidenschaft fürs Zeitunglesen. Er konsumierte jeden Tag unzählige Blätter. Dadurch fühlte er sich sicher, was den Geschmack des großen Publikums betraf, und er lag auch tatsächlich selten daneben. Am deutlichsten spürbar wurde das, als er sich entschloss, neben seinen Starshows auch in den fiktionalen Bereich einzusteigen. Es begann mit der „Schwarzwaldklinik“, die auch international für das ZDF ein großer Erfolg war, und er setzte diese Arbeit mit dem ZDF-„Traumschiff“ fort. Das war für ihn eigentlich die ideale Sendereihe. Urlaub war für Rademann verschwendete Zeit. Mit dem „Traumschiff“ konnte er unterwegs sein und auch noch vom Liegestuhl aus sich um jede Kleinigkeit kümmern. Die Schauspieler drängten sich geradezu, eine Rolle auf dem „Traumschiff“ spielen zu können. Und er selbst, der Mann mit dem leichten Gepäck, fühlte sich bestärkt in der Meinung, dass er kein Büro brauche. Sein Büro war das Telefon und das konnte er überallhin mitnehmen.

Vor wenigen Monaten sollte Rademann seinen vierten Bambi überreicht bekommen. Da war er aber bereits zu krank, um den Preis persönlich entgegennehmen zu können. Stellvertretend übernahm diese Aufgabe Ruth Maria Kubitschek, mit der ihn, den ewigen Junggesellen, seit vielen Jahren eine Lebenspartnerschaft verband. Wolfgang Rademann verstarb nach schwerer Krankheit am 31. Januar in seiner Heimatstadt Berlin.

02.02.2016/MK

Print-Ausgabe 17/2016

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