Klaus Scherer: Nagasaki – Warum fiel die zweite Bombe? Reihe „Geschichte im Ersten“ (ARD/NDR)

Keine militärische Notwendigkeit

Am 6. und 9. August 1945 detonierten über Hiroshima und Nagasaki die bislang einzigen Atombomben über bewohnten Gebieten. Es gab zwei Blitze, „heller als tausend Sonnen“. Durch die entstandene Hitze verdampften Menschen bei lebendigem Leib. Auf dem Asphalt reduzierten sich ihre Leiber auf eine Silhouette, die aussah wie die Spur auf einer belichteten Photoplatte. Mehrere zehntausend Menschen waren sofort tot. Überlebende starben in den folgenden Jahren einen qualvollen Strahlentod. Warum entschlossen sich die USA damals dazu, im Pazifikkrieg gegen Japan zwei Atombomben einzusetzen?

Bis heute gilt es als historische Tatsache, dass die Hiroshima-Bombe zunächst einen Schock auslöste, die Zerstörung Nagasakis die unbeugsamen Japaner dann zur Kapitulation zwang. Die beiden Bombenabwürfe kosteten weit über 100.000 Menschen das Leben. Doch durch das damit erzwungene Kriegsende wurden scheinbar ungleich viel mehr Leben gerettet. Diese Arithmetik des Krieges stellt Klaus Scherer in Zweifel.

Der ehemalige Auslandskorrespondent berichtete viele Jahre für die ARD aus Japan und den USA. In seiner vom NDR produzierten Dokumentation, die die ARD im Rahmen ihrer Reihe „Geschichte im Ersten“ anlässlich des 70. Jahrestages der beiden Atombombenabwürfe ausstrahlte, lässt Scherer zunächst einmal die oft vernachlässigten Opfer aus Nagasaki zu Wort kommen. Vor der Kamera erzählen die letzten noch lebenden Zeitzeugen, wie sie als Schulkinder den Atomblitz und die Druckwelle mit Glück überlebten. „Ich mache seit über 20 Jahren Interviews. Kaum etwas ging mir so nahe wie die Schilderungen der Alten, die als Sechsjährige tagelang zwischen Toten und Sterbenden umherirrten“, erklärt Scherer.

Das alles ist sehr ergreifend in dem Film. Sehenswert ist Scherers Dokumentation aber vor allem deshalb, weil er nicht nur die tatsächlichen Gründe für den Abwurf der zweiten Bombe über Nagasaki herausfinden will, sondern auch die für den Abwurf der ersten. Im Gegensatz zu dem etwas irreführenden Untertitel des Films – „Warum fiel die zweite Bombe?“ – stellt er die These auf, dass es selbst für die Bombe über Hiroshima keine direkte militärische Notwendigkeit gab. Eine Wochenschau des amerikanischen Militärs aus der Zeit direkt nach dem Kriegsende, die Scherer in US-Archiven fand, zeigt ein völlig kampfunfähiges, militärisch längst besiegtes Land. „Es besteht kein Zweifel, dass Japan vor dem Abwurf der Atombombe besiegt war“, lautete der Kommentar des amerikanischen Wochenschau-Sprechers in markigem Tonfall, der in Scherers Film zu hören ist. Warum wurden die Bomben dann überhaupt abgeworfen?

Im Gespräch mit Spezialisten – darunter der japanische Historiker Tsuyoshi Hasegawa und der US-amerikanische Geschichtswissenschaftler Martin Sherwin, der auch eine Biografie über Julius Robert Oppenheimer, der als „Vater der Atombombe“ gilt, verfasste – wirft Scherer einen nuancierten Blick auf die Spätphase des Pazifikkriegs. Formal ist sein Film nicht gerade die Neuerfindung der TV-Dokumentation. Ganz konventionell zeigt Scherer Talking Heads im Wechsel mit Archivaufnahmen. Die dabei herausgeschälte These hat es jedoch in sich.

So rekonstruiert der Film zunächst den eigentlichen Grund, warum das militärisch längst am Boden liegende Japan die Kapitulation so qualvoll lange hinauszögerte. Die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki war für die verantwortlichen japanischen Militärs kein Argument für die Beendigung der Kriegshandlungen. Es wurden hier lediglich Japans Großstädte Nummer 67 und 68 dem Erdboden gleichgemacht. Dass dies jeweils auf einen Schlag geschah, spielte keine Rolle. Das Leid der Bevölkerung war für die Militärführung zweitrangig, sie fürchtete etwas ganz anderes: Die Japaner hatten eine quasi religiöse Beziehung zu ihrem Kaiser und hatten große Angst davor, dass die US-Siegermacht ihren Tennō, den „Himmlischen Herrscher“, durch einen Kriegsverbrecherprozess entwürdigen könnte. Aus diesem Grund hoffte man darauf, dass die gegenüber Japan neutralen Sowjets günstigere Bedingungen für eine Kapitulation aushandeln würden. Als die Russen jedoch ihren Pakt mit Japan brachen und am 8. August 1945 – also einen Tag vor dem US-Atombombenabwurf auf Nagasaki – auch in den Krieg eintraten, war dies „der wahre Tiefschlag für Japan“, so der Historiker Martin Sherwin.

Diese neu bewertete Perspektive auf das Ende des Pazifikkriegs kann der Film durchaus glaubhaft machen, kommt dabei nicht dogmatisch oder verschwörerisch daher. Der Film verdeutlicht auch die eigentlichen Motive der US-amerikanischen Atombombenabwürfe. In seinem Abriss über Los Alamos, dem damaligen Zentrum der Forschungen an einem Atomwaffenprogramm der US-Regierung, rekonstruiert Scherer, dass die Höllenmaschinen für viel Geld entwickelt worden waren – und folglich getestet werden mussten. Dass die Japaner ihre Kapitulation hinauszögerten, spielte den US-Amerikanern, die längst schon das Wettrüsten mit der Sowjetunion im Blick hatten, in die Karten. Der Film macht plausibel, dass die japanische Zivilbevölkerung „als Versuchsobjekte“ herhalten musste. Denn bei der zweiten Bombe, die auf Nagasaki fiel, wurde die Sprengkraft durch den Einsatz von Plutonium statt Uran verdoppelt. Amerikanische Militärs hatten ein großes Interesse daran, diese Wirkungen genau zu studieren. Deshalb erinnert Scherer daran, dass amerikanische Wissenschaftler die Strahlenopfer zwar sehr genau untersuchten – ihnen dabei aber medizinisch nicht halfen.

Die Argumentation in dem 45-minütigen Film (630.000 Zuschauer, Marktanteil: 6,5 Prozent) ist komplex. Der vielschichtig ausgeleuchtete Stoff hätte für eine einstündige Produktion gereicht. Der Film ist umso bewegender, als er überlebende Zeitzeugen aus Nagasaki zu Wort kommen lässt. Wir schauen in die Gesichter dieser Menschen, die die Ereignisse nach 70 Jahren erstaunlich differenziert bewerten. Sie sehen sich nicht nur als Opfer der US-Amerikaner, sondern auch der damaligen japanischen Führung, die die Kapitulation hinauszögerte. Trotzdem – und das ist an diesem Film zutiefst beeindruckend – sehen wir in den Augen dieser in Würde gealterten Menschen keinen Hass. So vermittelt sich am Ende dieser aufschlussreichen Neubewertung der Atombombenabwürfe ein Funken Hoffnung.

07.08.2015 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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