Erschrecken und Staunen

Die Nominierungen für den 64. Hörspielpreis der Kriegsblinden 2015

Von Jochen Meißner

Am 4. Mai wird bekannt gegeben, welches Stück mit dem diesjährigen Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wird. Der Wettbewerb findet zum 64. Mal statt. Im folgenden Artikel stellt MK-Autor Jochen Meißner die drei für den Preis nominierten Hörspiele vor. Die Preisverleihung ist am 12. Mai (Dienstag) in Köln. -MK-

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 Auf bestimmten Hierarchie-Ebenen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gibt es die Vorstellung, dass man das falsche Publikum habe. Man ist unzufrieden und hätte lieber ein anderes. Vorzugsweise ein jüngeres. Die Medienjournalistin Silke Burmester hat das in einem Text im „Spiegel“ vom 22. März vorigen Jahres gegeißelt und im Zusammenhang mit den verkrampften Bemühungen von ARD und ZDF um ein jugendlicheres Publikum ein paar polemische Fragen gestellt: „Warum dem Jugendwahn anheimfallen, bei dem man nur verlieren kann? Warum nicht dasitzen, die Röhrenradios und Poesiealben des Fernsehens senden und zusehen, wie die Zielgruppe wächst und wächst und wächst?“

Der demografische Wandel zeigt, dass die junge Zielgruppe zahlenmäßig abnimmt und die ältere, die übrigens schon mit dem Transistorradio und der Stereophonie aufgewachsen ist, dem Programm entgegenwächst. Anders als weichgezeichnete Degeto-Filme oder Rosamunde-Pilcher-Produktionen hat sich in den letzten Jahren das Hörspiel auf unterschiedlichste Art und Weise mit den Problemen einer alternden Gesellschaft beschäftigt. In Frank Naumanns Hörspiel „Basel, wir kommen“ (RBB 2007) etwa wurde das Lebensalter jedes Bundesbürgers per Gesetz um sieben Jahre herabgesetzt. Als Gegenwehr dazu wollten in „Tantes Inferno“ (MDR/Deutschlandradio Kultur 2008) von Jens Sparschuh ein paar Ost-Rentner durch „gezielte Hochaltrigkeit“ die Sozial- und Rentensysteme ruinieren, um damit den Boden für die Revolution zu bereiten. Mit „Dreileben“ hat Gernot Grünewald 2012 ein formal ebenso ambitioniertes wie berührendes Stück über das Sterben gemacht (RBB/Deutschlandradio Kultur 2012). Für „Testament – Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ (Deutschlandradio Kultur 2011) hat das Theaterkollektiv She She Pop 2012 sehr zu Recht den Hörspielpreis der Kriegsblinden bekommen. Und im vergangenen Jahr war Gert Roland Stiepels Rentnersatire „Abschiedsgeschenk“ (NDR 2013) unter den drei Nominierten für den Hörspielpreis der Kriegsbinden.

Die Ökonomisierung des Rentenalters

Auch in diesem Jahr hat es wieder ein Stück, das die Ökonomisierung des Rentenalters thematisiert, unter die letzten Drei des Kriegsblindenpreises geschafft: Hermann Bohlens Hörspiel „Lebensabend in Übersee“ (vgl. FK 48/14) ist mit einem Untertitel versehen, der die Zielrichtung verdeutlicht: „Sha Ji Jing Hou – Ein Huhn schlachten, um die Affen einzuschüchtern.“ Es geht also um Abschreckung. Senioren, die in ihrem Leben nicht die mindestens nötigen 487.800 Euro angespart haben, um in Deutschland bleiben zu dürfen, werden aufgrund des „Gesetzespaketes zu Vermeidung von Altersarmut“ – je nach Vermögen – in billigere Länder abgeschoben. Denn da sind sie im Unterhalt einfach preiswerter.

Wer nur ins vergleichsweise teure Polen verbracht wird, kann sich glücklich schätzen. Weniger Begüterte kommen beispielsweise in die chinesische Provinz Yunan – je nach finanziell erbrachter „Lebensleistung“. Für die zwischenmenschlichen Kontakte gibt es die Internet-Telefonie und andere elektronische Hilfsmittel. Ein fiktiver Experte erklärt im Interview den strukturellen Mangel des Gesetzes, nämlich dass die nach Fallpauschalen abgegoltenen Altenpflege-Unternehmen kein gesteigertes Interesse am möglichst langen (Über-)Leben ihrer Rentner haben. Gerahmt von Feature-Elementen einer fiktiven Radioreportage entwickelt sich aus der über Skype geführten Fernbeziehung zwischen der beiden Hauptfiguren Annegret (Christine Schorn) und Poldi (Ulrich Pleitgen) eine verdächtig plausible Zukunftsvision von gespenstischer ökonomischer Rationalität, gegen die man nicht einmal mit aggressiver Hochaltrigkeit anstinken kann.

Der Zynismus des Gestern

Erschrecken kann man auch vor den O-Tönen aus dem dreistündigen dokumentarischen Hörspiel „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen“ von Peter F. Müller, Leonhard Koppelmann und Michael Müller, dem zweiten nominierten Stück für den Kriegsblinden-Wettbewerb 2015. Der Nazi-Kriegsverbrecher und berüchtigte „Schlächter von Lyon“ hatte nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Namen Klaus Altmann eine zweite Karriere in Bolivien gemacht – als Berater von Diktatoren, Paramilitärs und Drogenbossen. Außerdem war er Mitarbeiter westlicher Geheimdienste.

Die O-Ton-Aufnahmen der Stimme Barbies, der uns als „das Böse“ begegnen soll, stammen aus dem Jahr 1979. Barbie klingt immer selbstgerecht, manchmal selbstmitleidig, aber nie von irgendeinem Selbstzweifel getrübt. Man hört in dieser Stimme eines jovialen, älteren Herrn, der stolz von seinen Taten im Krieg erzählt, den Zynismus des Gestern. Immer mit dem Subtext: Es war alles gar nicht so schlimm. Barbie sagt von sich, er sei nie ein glühender Antisemit gewesen, sondern es erst nach dem Krieg geworden. Kontrastiert werden seine (Lebens-)Lügen durch die Aussagen des Historikers Peter Hammerschmidt und die Kommentare des unermüdlichen Rechercheurs Peter F. Müller.

Das eigentlich relevante hörspielästhetische Mittel ist die Ablösung von Barbies Stimme durch die Stimme des Schauspielers Felix von Manteuffel. So nimmt man die verführerische Kraft des Bösen ein wenig zurück und transformiert sie in eine andere, glattere und vielleicht zeitgemäßere Tonalität. So dicht am Feature war noch keine Nominierung für den Hörspielpreis der Kriegslinden, der in den letzten Jahren auffällig oft an Stücke mit einem signifikanten dokumentarischen Anteil ging.

Das Staunen über die Welt

Der dokumentarische Hintergrund, vor dem sich das Hörspiel „Ickelsamers Alphabet“ des Liquid Penguin Ensembles abspielt (vgl. FK 49/14), das dritte nominierte Stück, ist 500 Jahre alt. Es handelt sich um das „Dictionarium der zierlichen Wörter“ des frühneuzeitlichen Grammatikers Valentinus Ickelsamer, der den Deutschen das Lesen beibringen wollte. Die musikalischen Lautqualitäten der Buchstaben, die man damals noch als „buochstaben“ schrieb und aussprach, bilden das Grundgerüst des Hörspiels. Mit dem Franzosen Louis Meigret hatte Ickelsamer einen Zeitgenossen, der die Ansicht vertrat, dass man schreiben solle, wie man spreche. Deshalb plädierte er vehement gegen eine Buchstabeninflation, die für den Laut „o“ im Französischen mehr als ein Dutzend Schreibweisen zur Verfügung stellt, vom einfachen „o“ bis zu „eaulx“.

Aus der fiktiven Allianz der beiden Grammatiker hat das Saarbrücker Duo Katharina Bihler und Stefan Scheib, die das Liquid Penguin Ensemble bilden, ein Hörspiel gemacht, das die unterschiedlichen Lautqualitäten der Wörter im Deutschen und im Französischen aufs Schönste vereinigt. Wenn „fünf Klafter Wörter über die Klippen einer schnatternden Unterlippe stürzen“, trifft „coquelicot“ auf „klickern“, „caracoler“ auf „verkorkst“ und „cocquecigrue“ auf „Krakeler“ – um nur mal zu zeigen, was mit dem Explosivlaut „k“ möglich ist. Ausgesprochen werden diese Wörter von Katharina Bihler, die sich selbst spielt, und von Elodie Brochier, Bihlers fiktiver französischer Großcousine.

Neben den radiophonen Klangqualitäten ist es das Fiktiv-Dokumentarische, das die Hörspiele des Liquid Penguin Ensembles auszeichnet. Angefangen bei ihrer Produktion „Gras wachsen hören – Das Biolingua-Institut wird 100 Jahre alt“ aus dem Jahr 2007 verweben Katharina Bihler und Stefan Scheib auf so raffinierte und kunstvolle Weise nachprüfbare Fakten mit poetischen Formen, dass man sich der Suggestion des vermeintlich Authentischen weder entziehen kann noch will. Über die Welten, die das Liquid Penguin Ensemble in seinen Hörspielen präsentiert, gerät man immer wieder ins Staunen, weil sie ebenso poetisch wie wahr sind.

Ergänzung (vom 4. Mai): Wie am heutigen Montag bekannt gegeben wurde, hat die Jury das Stück „Ickelsamers Alphabet“ mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 2015 ausgezeichnet.

03.05.2015/MK

Print-Ausgabe 14/2017

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