„Umweltsau“-Video beim WDR: Intendant Buhrow verteidigt Vorgehen des Senders

04.02.2020 •

WDR-Intendant Tom Buhrow hat das Vorgehen der Rundfunkanstalt hinsichtlich des von WDR 2 auf seiner Facebook-Seite veröffentlichten sogenannten „Umweltsau“-Videos verteidigt, das Ende Dezember eine heftige öffentliche Kontroverse ausgelöst hatte. Es habe „ein schnelles und eindeutiges Signal“ gebraucht, um auf die massive Kritik an dem Video zu reagieren, erklärte Buhrow am 24. Januar in der Sitzung des WDR-Rundfunkrats in Köln. Damit spielte der Intendant zum einen darauf an, dass bereits einen Tag, nachdem das Video am 27. Dezember 2019 veröffentlicht wurde, der stellvertretende WDR-Hörfunkdirektor Jochen Rausch entschied, zum Schutz der Kinder das „Umweltsau“-Video zu löschen und damit von der WDR-2-Facebook-Seite zu entfernen. Und zweitens darauf, dass er, Buhrow, sich am Abend desselben Tags in einer von WDR 2 ins Programm genommene Sondersendung für die Veröffentlichung des Videos entschuldigte.

In dem Video sang der WDR-Kinderchor Dortmund zu der Melodie des Liedes „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ einen umgedichteten Text mit dem Refrain „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“. Buhrow sagte im Rundfunkrat: „Die Verstörung über das Video kam aus der Mitte der Gesellschaft.“ Der Intendant verwies darauf, dass das Stammpublikum des WDR beim Sender angerufen habe. Ihn wie auch Jochen Rausch habe geleitet, „Schaden vom WDR abzuwenden, ihn mindestens zu minimieren“.

Neue Social-Media-Strategie

Valerie Weber, die als Programmdirektorin für die Bereiche NRW, Wissen und Kultur auch die Hörfunkprogramme verantwortet, sagte in der Rundfunkratssitzung, dass im Zusammenhang mit dem „Umweltsau“-Video „ein paar Fehler passiert“ seien. Sie verwies darauf, dass das Publikum das zur Weihnachtszeit veröffentlichte Video wie einen Weihnachtsgruß des WDR habe auffassen können, der aber vielmehr „wie ein Affront“ gewirkt habe. Sie sagte, der Text für das Lied sei in der Kabarettredaktion von WDR 5 entstanden. Bereits im Herbst 2019 sei in einer Satire-Sendung des Programms das Lied mit entsprechender Einbettung von Kabarettisten gesungen worden.

Weber hinterfragte außerdem, ob die Entscheidung richtig gewesen sei, zu dem auf Facebook veröffentlichten Video und der dadurch entstandenen Debatte dann eine Sondersendung im UKW-Programm WDR 2 zu machen – nicht zuletzt weil durch einen solchen Wechsel des Kanals das Thema „auch nochmal groß“ gemacht werde. Im Zuge der ansteigenden Empörung habe sich dann auch gezeigt, dass die Social-Media-Manager der einzelnen WDR-Angebote nicht untereinander vernetzt gewesen seien, um entsprechend reagieren zu können. Was diesen Punkt angeht, kündigte Intendant Buhrow vor dem Rundfunkrat an, der WDR wolle eine neue Social-Media-Strategie erarbeiten, um künftig auf solche Krisenfälle besser vorbereitet zu sein. Es gehe darum, zu überprüfen, wie Strukturen zu ändern seien, um „schnell, faktenbasiert und einheitlich“ reagieren zu können. Es seien drei Arbeitsgruppen eingesetzt worden, sagte Buhrow.

Der WDR-Rundfunkratsvorsitzende Andreas Meyer-Lauber sagte, zu dem „Umweltsau“-Video habe das Büro des Rundfunkrats rund 2700 E-Mails und 100 Briefe erhalten. Aus einem kleinen Teil der Zuschriften sei „ernsthafte Verärgerung“ über das Video deutlich geworden. Doch der große Teil der Zuschriften habe auf ihn gewirkt, als handle es sich um „Kampagnen-Mails“, die von rechten bis rechtsextremen Gruppen initiiert worden seien. Beispielhaft verwies Meyer-Lauber darauf, dass 250 an den Rundfunkrat gesendete E-Mails „den gleichen Wortlaut“ gehabt hätten und dass das „Umweltsau“-Video zum Anlass genommen worden sei, um den WDR und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt massiv anzugreifen. Meyer-Lauber machte deutlich, dass sich der Rundfunkrat „nicht so beschimpfen lassen“ müsse: „Der Rundfunkrat macht sich nicht zum Abladeplatz von rechtsextremem Gesäusel.“

Kontroverse Diskussion im Rundfunkrat

Die Rundfunkratsmitglieder diskutierten kontrovers über das „Umweltsau“-Video und den Umgang des Senders mit der heftigen öffentlichen Kritik. Die frühere SPD-Bundespolitikerin Ingrid Matthäus-Maier, die im Rundfunkrat die Interessen konfessionsloser Menschen vertritt, kritisierte das Video deutlich: Das Video sei keine Satire gewesen, sondern „ein schlechtes Produkt“. Alt und Jung hätten dadurch auseinanderdividiert werden sollen. Sie begrüßte es, dass sich Intendant Buhrow für das Video entschuldigt habe.

Der Grünen-Politiker Oliver Keymis hingegen sagte, er sei falsch gewesen, das Video zu löschen. Das Lied sei nicht ernst zu nehmen gewesen. Er halte es aber für einen Fehler der Macher, das Video mit Kindern produziert zu haben. Keymis hob darüber hinaus die Bedeutung der Meinungs- und Pressefreiheit sowie der inneren Rundfunkfreiheit hervor, auf die sich beim WDR dessen Mitarbeiter verlassen können müssten. Die stellvertretende Rundfunkratsvorsitzende Dagmar Gaßdorf sagte, sie persönlich habe sich durch das Video nicht beleidigt gefühlt. Sie habe jedoch verstehen können, wenn sich Menschen beleidigt gefühlt hätten. Es sei daher richtig gewesen, dass sich der Intendant entschuldigt habe.

In der Mitteilung, die der WDR-Rundfunkrat nach der Sitzung über seinen Newsletter verbreitete, erklärte Gaßdorf: „Selbstverständlich stehen wir uneingeschränkt zur Kunst-, Kultur- und inneren Rundfunkfreiheit sowie zur Freiheit der Satire.“ Damit bestätigte Gaßdorf auch die Position mehrerer Mitglieder des Gremiums. Der Rundfunkrat hatte schließlich in seiner Sitzung mehrheitlich beschlossen, seinen Programmausschuss mit weiteren Beratungen zum „Umweltsau“-Video zu beauftragen.

04.02.2020 – vn/MK