SWR will Online-Plattform für Meinungsaustausch starten

23.09.2021 •

Der Südwestrundfunk (SWR) arbeitet an einer neuen Online-Plattform, über die der öffentlich-rechtliche Sender einen gesellschaftlichen Diskurs organisieren will. Auf der geplanten Plattform sollen Menschen zusammengebracht werden, „die konträrer Meinung sind“, erklärte der SWR auf MK-Nachfrage: „Diese Menschen sollen sich in einem geschützten Raum austauschen können. Es geht dabei darum, Menschen wieder miteinander zu verbinden, Brücken zu bauen zwischen Menschen, die ansonsten nicht mehr miteinander reden oder sich gegenseitig nur noch beschimpfen.“

Es gehe dem SWR darum, einen Ort im Netz zu schaffen, wo ein gesellschaftlicher Diskurs „nicht nach dem Prinzip ‘Der Lauteste gewinnt’ verläuft, sondern wo Regeln gelten, deren Einhaltung auch sichergestellt werden“, hieß es weiter. Nach dem derzeitigen Stand soll die neue Plattform, die noch keinen endgültigen Namen hat, Anfang 2022 gestartet werden. Zuvor soll es im Spätherbst 2021 eine Beta-Phase geben, während der es Nutzern möglich ist, sich an der Weiterentwicklung der Plattform zu beteiligen.

Pro-und-Contra-Debatten im Videochat

SWR-Intendant Kai Gniffke ist davon überzeugt, dass es für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk „eine zentrale Aufgabe der Zukunft“ sei, auf digitalen Plattformen gesellschaftlichen Diskurs zu ermöglichen, der dort mit Regeln und „wertegetrieben“ stattfinden könne. Entsprechend hatte sich Gniffke, der seit September 2019 SWR-Intendant ist und beim Sender seitdem zahlreiche neue Projekte angestoßen hat, Ende März 2021 vor dem SWR-Rundfunkrat geäußert (vgl. MK-Meldung). Er betonte damals, dass es in den öffentlich-rechtlichen Programmangeboten weiterhin Information, Bildung, Beratung und auch Unterhaltung geben müsse. Diese vier im Medienstaatsvertrag enthaltenen Kategorien ließen sich nach seiner Auffassung um eine fünfte erweitern, und zwar um „die Komponente ‘Dialog’“.

Aktuell befindet sich der SWR noch mitten in der Entwicklung der neuen Plattform, deren Arbeitstitel „Digitales Dialogformat“ lautet. Die Grundstrukturen stehen aber bereits fest: Zu einem gesellschaftlich relevanten Thema setzt die Redaktion eine Debatte an, zu der sich Online-Nutzer anmelden können. Zu jedem „Live-Event“ (SWR) gibt es eine Pro- und eine Contra-Meinung. Bei der Registrierung ordnen sich die Nutzer einem der beiden ‘Meinungslager’ zu. Alle, die möchten, haben dem SWR zufolge die Chance, als Videodiskutanten vom Zufallsgenerator ausgelost zu werden. Nacheinander treffen dann jeweils zwei zufällig kombinierte Diskutanten im Videochat mit jeweils unterschiedlichen Meinungen aufeinander und damit Menschen, die sich – wie es sich der Sender vorstellt – vorher noch nie gesehen haben, aus unterschiedlichen Lebenswelten stammen, möglicherweise unterschiedlich alt oder verschiedener Herkunft sind.

Die anderen Nutzer können diese Zweier-Diskussionen, für die es eine festgelegte zeitliche Spanne geben wird, im Chat kommentieren und, so der SWR, sie können „bei spannenden Debatten-Paarungen auch die Redezeit verlängern“. Der Sender will über die Redaktion die in den Videochats genannten Fakten noch während laufenden Diskussionen checken, „damit falsche Behauptungen und Fake News richtiggestellt werden können“. Die jeweiligen Debatten werden von einem sogenannten SWR-Host begleitet; ihm ist es möglich, Diskutanten, die sich nicht an die Regeln halten, „sofort die rote Karte zu zeigen und sie aus der Debatte rauszunehmen“.

Bereichsübergreifende Entwicklungsarbeit

Die Redaktion, die sich aus verschiedenen SWR-Bereichen zusammensetzen wird, will im Nachgang zu den „Live-Events“, wie der SWR gegenüber der MK erläuterte, Argumente, Lösungsansätze und Fragen, die sich aus den Diskussionen ergeben, „an Politik und Verantwortliche herantragen und damit einen öffentlichen Diskurs über Ansätze zu Problemlösungen fördern und für Teilhabe sorgen“. Vorgesehen ist, über die Instagram-Plattform eine Community für das neue SWR-Diskussionsformat im Netz aufzubauen und so auch neue Zielgruppen an den Sender zu binden. Die Instagram-Community soll auch in die Auswahl der Diskussionsthemen einbezogen werden.

An der Entwicklung der neuen Plattform sind nach Darstellung des SWR von Anfang an Redakteure aus allen großen Programmbereichen der Rundfunkanstalt beteiligt. Teil des Projektteams ist auch das SWR X Lab, das Innovationslabor des Südwestrundfunks, das im Bereich ‘Innovationsmanagement und Digitale Transformation’ angesiedelt ist. Hinzugezogen wurden dem Sender zufolge auch externe Experten. Die Federführung für die Umsetzung des Projekts hat die multimediale Chefredaktion des SWR, die der Programmdirektion Information zugeordnet ist.

Der SWR ist offen für Kooperationen bei seinem neuen „digitalen Dialogformat“; andere ARD-Landesrundfunkanstalten seien über das Projekt informiert, ohne dass es bisher aber konkrete Absprachen gebe, so der SWR. Der Südwestrundfunk kann sich vorstellen, dass sein neues Dialogformat etwa bei multimedialen ARD-Themenschwerpunkten genutzt werden könnte, um „die Nutzerinnen und Nutzer noch stärker teilhaben zu lassen an der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Schwerpunkt-Themen“.

23.09.2021 – Volker Nünning/MK

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