Studie zu Streaming-Serien: Zu wenig Frauen, zu wenig Vielfalt

25.11.2020 •

Modern, divers, auf der Höhe der Zeit, das ist der Ruf, den Streaming-Anbieter wie Netflix, Amazon & Co. gemeinhin genießen – und im direkten Vergleich mit dem linearen deutschen Fernsehen scheint dieses Image erst recht zu gelten. Dass diese Bewertung in Hinblick auf die Geschlechterverteilung und die Sichtbarkeit von Frauen, aber auch bezüglich diverser Identitäten und zugeschriebener Ethnien keine bis wenig Verankerung im fiktionalen Angebot der Streaming-Plattformen hat, zeigt eine Studie der Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer.

Demnach sind Frauen in den Produktionen der Streaming-Anbieter (Subscription-Video-on-Demand/SVoD) deutlich unterrepräsentiert und zudem weniger vielfältig dargestellt als Männer. „Auch Streaming-Serien spiegeln nicht die Gesellschaft wider: Frauen sind weniger vielfältig dargestellt als Männer. Sie kommen seltener vor, sind jünger, schlanker und nur in bestimmten Berufen zu sehen. Nicht-binäre und Figuren mit anderen Geschlechtsidentitäten tauchen so gut wie gar nicht auf. Und was die Sichtbarkeit ethnischer Vielfalt betrifft, dominiert die jeweilige Mehrheitsbevölkerung“, so bilanzierte Elizabeth Prommer, Professorin an der Universität Rostock, die Ergebnisse der Studie, die am 22. Oktober veröffentlicht wurde.

Deutsche Produktionen schneiden schlecht ab

Für die von der Film- und Medienstiftung NRW, der MaLisa-Stiftung und vom ZDF geförderte Untersuchung „Geschlechterdarstellungen und Diversität in Streaming- und SVoD-Angeboten“ wurden knapp 200 Serien der bekanntesten Anbieter analysiert. Berücksichtigt wurden ausschließlich Eigenproduktionen („Originals“) mit Erstveröffentlichung auf den Plattformen zwischen Januar 2012 und Juni 2019. Die Ergebnisse sind ernüchternd, speziell die für den deutschen Markt. So sind in diesen Eigenproduktionen der Plattformen (bezogen auf alle Länder) die zentralen Rollen zu 57,7 Prozent männlich, zu 41,8 Prozent weiblich und zu verschwindend geringen 0,5 Prozent divers. Splittet man die Resultate auf die Produktionen einzelner Länder und Regionen auf, schneiden die deutschen Serien gegenüber dem Durchschnittswert deutlich schlechter ab. Im Vergleich zu „Asien“, „Süd- und Mittelamerika“, „Nordamerika“ und „Europa (ohne Dt.)“ hat „Deutschland“ hier den niedrigsten Frauenanteil, nämlich nur 34,8 Prozent.

Auch bei einem nur auf Deutschland bezogenen Vergleich zwischen dem linearem Fernsehen und den Streaming-Angeboten schneiden Letztere überraschend schlecht ab: Während herkömmliche Serien hierzulande unter ihren Hauptfiguren einen Frauenanteil von 38 Prozent haben, sind es bei den deutschen Serienproduktionen auf Netflix oder Amazon Prime Video, auf Sky oder TNT Deutschland (Pay-TV-Anbieter wurden teils auch in die Studie einbezogen) mit lediglich 35 Prozent sogar nochmal drei Prozentpunkte weniger. Zum Vergleich: In den USA liegen diese Werte bei 39 Prozent (Fernsehen) und 44 Prozent (Strea­ming). Wieso Deutschland in der Geschlechterverteilung auf den Streaming-Plattformen so auffallend schlecht dasteht? Elizabeth Prommer führt das auf die noch immer überwiegend männlichen Produzenten, Autoren und Regisseure zurück, die hinter den entsprechenden Produktionen stünden: „Wir wissen, wenn Männer Regie führen oder Produktion oder Drehbuch machen, dann sehen wir mehr Männer.“

Filmgenre, Alter, Beruf, Körperform

Die Medienwissenschaftlerin untersuchte in ihrer Studie auch Kriterien wie das Filmgenre, Alter, Beruf und Körperform wie auch den Grad der Bekleidung der entsprechenden Figuren. Fazit: Die gängigen Klischees werden nach wie vor bestätigt (nachfolgende Werte bezogen auf alle Länder). So sind die höchsten Frauenanteile in den Genres Romantik, Sitcom und Drama zu finden, deutlich niedriger fallen diese aus in den Bereichen Politik, Action, Abenteuer und Musik/Musical. Die Berufe der Seriencharaktere sind ähnlich erwartbar. Frauen arbeiten besonders oft im Verkauf, Gesundheitswesen oder Bildungssystem – und viel seltener als Männer in einem MINT-Beruf oder bei einer Security-Firma; als Handelnde in der organisierten Kriminalität tauchen sie ebenso selten auf.

Während unter den 20- bis 29-jährigen Charakteren die Frauen mit 50,8 Prozent sogar minimal in der Überzahl sind, sinkt dieser Wert wenig überraschend mit zunehmendem Alter. So sind weibliche Figuren in der Altersklasse der über 60-Jährigen nur noch zu 32,4 Prozent vertreten. Noch schlechter sieht es mit 23,3 Prozent nur bei den 50- bis 59-Jährigen aus. (Womit der subjektive Eindruck zahlloser Schauspielerinnen, dass die Rollenauswahl spätestens ab 50 dünn wird, nun auch für den Streaming-Bereich wissenschaftlich unterfüttert wäre.)

Dominanz der Mehrheitsbevölkerung

Sexistisch geht es auch in Sachen Körperform zu. Während weibliche Figuren in SVoD-Angeboten mit 16 Prozent doppelt so oft wie Männer „sehr dünn“ sind (hingegen weniger als halb so oft „übergewichtig“), sind Frauen auch viel öfter „spärlich bekleidet“ oder gleich ganz nackt: Dies gilt für fast ein Drittel der weiblichen Figuren, bei den Männern hingegen nur für ein knappes Fünftel. Immerhin, in diesem Punkt schneidet Deutschland besser ab: Zwar sind weibliche Figuren auch hierzulande mit 18,8 Prozent deutlich häufiger „leicht bekleidet“ als ihre männlichen Pendants (8,9 Prozent), doch treten beide Geschlechter nahezu gleich oft ganz nackt auf. Dass deutsche Streaming-Produktionen hier im Ländervergleich ganz gut dastehen, liegt aber vor allem daran, dass Frauen außerhalb Deutschlands noch viel offensichtlicher auf ihre körperlichen Reize reduziert werden: So ist etwa in süd- und mittelamerikanischen Serien jede zweite weibliche Figur spärlich bekleidet oder gleich völlig enthüllt zu sehen (während dies bei den Männern nur auf ein Fünftel zutrifft).

Auch die zugeschriebenen Ethnien der Serienfiguren wurden durch Elizabeth Prommer und ihre Mitarbeiterinnen untersucht. In deutschen Produktionen war mit 89,1 Prozent die überwiegende Mehrheit der zentralen Rollen weiß und 10,9 Prozent waren dem Mittleren Osten zuzuordnen. Die Figurenzuschreibungen Schwarz, Latino/Latina, Südasien oder Asiatisch trafen hier in keiner einzigen der untersuchten Produktionen zu. Es ist naheliegend, dass sich in diesem Bereich die Ergebnisse stark nach Produktionsland unterscheiden – dennoch fällt in diesem Bereich (und gerade auch für Deutschland) die Dominanz der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung auf. Klar ist: Es bleibt noch viel zu verändern, wenn die Streaming-Portale ein halbwegs authentisches Abbild unserer vielfältigen Gesellschaft anbieten wollen.

25.11.2020 – kaz/MK

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