Springer beruft Julian Reichelt als „Bild“-Chefredakteur ab

20.10.2021 •

Der Axel-Springer-Konzern (Berlin) hat den Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Julian Reichelt, am 18. Oktober „mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden“. Zur Begründung verwies Springer in einer Mitteilung auf „Presserecherchen“, durch die man „in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen“ habe. Der Vorstand habe erfahren, „dass Julian Reichelt auch aktuell noch Privates und Berufliches nicht klar trennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat“. Deshalb halte der Vorstand jetzt eine Beendigung von Reichelts Tätigkeit für unvermeidbar.

Im März 2021 waren erste Anschuldigungen gegen Julian Reichelt bekannt geworden: Mehrere Springer-Mitarbeiterinnen warfen Reichelt Machtmissbrauch und das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen vor. Auch Nötigung und Mobbing wurde ihm in einzelnen Fällen vorgeworfen. Ab dem 12. März ließ sich Reichelt wegen der gegen ihn laufenden internen Compliance-Untersuchung auf eigenen Wunsch von seiner Position als „Bild“-Chefredakteur freistellen. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wies der 41-Jährige zurück.

Privates und Berufliches nicht klar getrennt

Der Springer-Konzern schaltete damals auch die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer ein. Am 25. März teilte Springer das Ergebnis der Untersuchung mit: Julian Reichelt habe zwar „Fehler in der Amts- und Personalführung“ begangen, sie seien aber nicht strafrechtlicher Natur gewesen. Reichelt habe die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt. Es habe aber keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung gegeben.

Insgesamt hielt es der Springer-Vorstand deshalb nicht für gerechtfertigt, Reichelt von seinem Posten als „Bild“-Chefredakteur abzuberufen. Am 25. März kehrte Reichelt an seinen Arbeitsplatz zurück (vgl. MK-Meldung). Gleichwohl baute Springer damals, die Chefredaktion der „Bild“-Gruppe um. Neben Reichelt wurde Alexandra Würzbach, Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“, gleichberechtigte Vorsitzende der Chefredaktion der „Bild“-Zeitung. Der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner erklärte damals: „Auch wenn es keinen rechtlichen Handlungsbedarf gibt, besteht Änderungsbedarf bei der Führungskultur in der ‘Bild’-Redaktion.“ Dieser Änderungsbedarf hat sich nun nach Auffassung von Springer augenscheinlich noch einmal so verschärft, dass Julian Reichelt jetzt von seinem Führungsposten abberufen und entlassen wurde.

Zum neuen alleinigen Vorsitzenden der dreiköpfigen „Bild“-Chefredaktion berief der Konzern am 18. Oktober Johannes Boie. Der 37-Jährige wurde im Januar 2019 Chefredakteur von Springers Wochenzeitung „Welt am Sonntag“. Alexandra Würzbach, 53, bleibt Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“ und verantwortet bei „Bild“ weiterhin das Personal- und Redaktionsmanagement. Claus Strunz, 55, ist nun als Chefredakteur für das Bewegtbildangebot von „Bild“ verantwortlich, wozu seit dem 22. August auch das lineare „Bild“-Fernsehprogramm gehört (vgl. MK-Meldung). Als bisheriger „Bild“-Chefredakteur war Julian Reichelt beim „Bild“-Fernsehprogramm für die dortige Sendestrecke „Bild live“ verantwortlich. Er moderierte bei dem TV-Programm auch Ausgaben der Talksendung „Viertel nach Acht“.

Ausgebremstes Ippen-Investigativteam

Springer-Konzernchef Döpfner erklärte zur Entscheidung, sich vom „Bild“-Chefredakteur zu trennen: „Julian Reichelt hat ‘Bild’ journalistisch hervorragend entwickelt und mit ‘Bild live’ die Marke zukunftsfähig gemacht. Wir hätten den mit der Redaktion und dem Verlag eingeschlagenen Weg der kulturellen Erneuerung bei ‘Bild’ gemeinsam mit Julian Reichelt gerne fortgesetzt. Dies ist nun nicht mehr möglich. Mit Johannes Boie haben wir einen erstklassigen Nachfolger. Er hat unter Beweis gestellt, dass er journalistische Exzellenz mit modernem Führungsverhalten verbindet.“

Wenn der Springer-Konzern Reichelts Abberufung als „Bild“-Chefredakteur mit „Presserecherchen“ in Zusammenhang bringt, sind damit sowohl erschienene als auch nicht veröffentlichte Artikel gemeint. Am 17. Oktober (Sonntag) sollte bei der Ippen-Mediengruppe – zu der etwa die Tageszeitungen „Frankfurter Rundschau“ und „Münchner Merkur“ sowie das Münchner Boulevardblatt „tz“ gehören – eigentlich eine umfangreiche Geschichte zum Fall Julian Reichelt publiziert werden. Über Monate hatte das hauseigene Investigativteam recherchiert; der Springer-Konzern und Reichelt konnten zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Zu der für den 17. Oktober geplanten Veröffentlichung der Geschichte kam es dann aufgrund einer zwei Tage zuvor erfolgten Intervention des 81-jährigen Verlegers Dirk Ippen jedoch nicht, worüber am 18. Oktober das Medienkritik-Portal „Übermedien“ berichtete.

In einem öffentlich gewordenen internen Protestbrief vom 15. Oktober an den Verleger und die Ippen-Geschäftsführung kritisierte das vierköpfige Ippen-Investigativteam unter Leitung von Daniel Drepper die Entscheidung scharf, dass die Reichelt-Geschichte nicht veröffentlicht werden dürfe, da ein solches Vorgehen „allen Regeln der unabhängigen Berichterstattung“ widerspreche. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) sprach von einem inakzeptablen „Eingriff nach Gutsherrenart“. Das Ippen-Investigativteam entstand aus dem bereits von Drepper geleiteten Portal „Buzzfeed Deutschland“, das im Sommer 2020 von der Ippen-Gruppe übernommen worden war.

Ein Artikel der „New York Times“

Während hierzulande am 17. Oktober keine Geschichte zum Fall Reichelt veröffentlicht wurde, veröffentlichte dazu an diesem Tag die „New York Times“ ein langes Stück, das vom Autor Ben Smith stammte, der von 2011 bis 2020 Chef von „Buzzfeed News“ in den USA gewesen war und dann Autor der „New York Times“ wurde. In seinem Artikel wirft Smith ein Schlaglicht auf die Unternehmenskultur bei Springer und das Gebaren von Konzernchef Döpfner. Außerdem macht Smith bisher nicht Bekanntes über Reichelts Affären in der „Bild“-Redaktion öffentlich, in der es eine Arbeitsplatzkultur („workplace culture“) gebe, die aus einer Mischung von „Sex, Journalismus und Firmengeld“ bestehe. Für seine Geschichte standen Smith auch Abschriften von Dokumenten zur Verfügung, die aus Springers Compliance-Untersuchung gegen Reichelt vom Frühjahr 2021 stammen.

Dies nimmt nun offenbar der Springer-Konzern zum Anlass, um rechtliche Schritte gegen Dritte einzuleiten, „die versucht haben, die Compliance-Untersuchung vom Frühjahr mit rechtswidrigen Mitteln zu beeinflussen“. De facto geht es Springer dabei darum, die Informanten und Quellen für die Medienberichte zu finden. Nachdem der Artikel in der „New York Times“ veröffentlicht wurde, publizierte auch der „Spiegel“ am Abend des 18. Oktober mit Unterstützung der vier Ippen-Investigativ-Redakteure eine Geschichte zum Abgang von Julian Reichelt.

Dass sich Springer nun so schnell von Reichelt als „Bild“-Chefredakteur getrennt hat, darf sicher auf den Artikel in der „New York Times“ (dem am 19. Oktober noch ein zweiter auf der Titelseite der Zeitung folgte) und mit den Geschäftsinteressen des Konzerns in den USA in Verbindung gebracht werden. In den USA sorgen bereits seit mehreren Jahren auch infolge der dortigen „MeToo“-Skandale Vorwürfe wegen Machtmissbrauchs insbesondere gegenüber Frauen schnell für enorme Negativ-PR. Und in den USA hat Springer sein Engagement in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. 2015 wurde das Online-Portal „Business Insider“ gekauft, das heute „Insider“ heißt. Im August 2021 erwarb der Konzern, an dem der US-amerikanische Finanzinvestor KKR (Kohlberg Kravis Roberts & Co.) mit 48,5 Prozent beteiligt ist, für angeblich mehr als eine Milliarde Dollar das Internet-Portal „Politico“. Dadurch wird Springer zu einem immer größeren Journalismus-Player in den USA und damit zu einem gewissen Gard auch zu einem Konkurrenten für die „New York Times“.´

20.10.2021 – vn/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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