Sparplan für NDR-Chor ruft massive Kritik hervor

03.10.2020 •

Als der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am 8. Mai dieses Jahres bekannt gab, er müsse in den kommenden vier Jahren 300 Mio Euro einsparen, war eines nicht abzusehen: dass die massivste Kritik nicht etwa Kürzungen oder der Einstellung von Sendungen im Fernsehprogramm gelten würde, sondern der geplanten Umstrukturierung des NDR-Chors. Dieser Plan hat unter anderem diverse offene Briefe hervorgerufen: Am 14. August protestierten die Vorstände der sechs deutschen Rundfunkchöre, am 18. August der Deutsche Musikrat, am 24. August 16 europäische Chordirigenten und am 8. September schließlich die Vertretung der Studenten an den fünf Musikhochschulen im Sendegebiet des NDR.

Angedacht ist beim Sender die langfristige Umwandlung des 27-köpfigen Chors in ein 18‑köpfiges Ensemble von Teilzeit-Choristen, die bei einer GmbH beschäftigt sind. Was der NDR vorhabe, sei eine „kalte Abwicklung“, sagt die Musikergewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung (DOV). Keiner der jetzigen Sänger des NDR-Chores sei von der Umstrukturierung betroffen, betont dagegen Katja Marx, die Hörfunkdirektorin des NDR, gegenüber der MK. Die jüngste unter den derzeitigen Bedingungen beschäftigte Musikerin werde 2050 pensioniert. In historischen Dimensionen denkt auch Gerald Mertens, der Geschäftsführer der DOV. Mit Blick auf das runde Jubiläum im kommenden Jahr sagte er gegenüber der MK: „Wenn das 75-jährige Bestehen bevorsteht, darf man sich über die nächsten 25 Jahre Sorgen machen.“ Gegründet wurde das Ensemble am 1. Mai 1946 – damals noch als Chor des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR).

Wesentliches wird zur Disposition gestellt

Für die Vorstände der sechs deutschen Rundfunkchöre stellt sich angesichts der langfristig geplanten „Umwandlung des NDR-Chores in ein verkleinertes Vokalensemble“ in der beschriebenen Form „die Frage, ob damit nicht automatisch wesentliche Bereiche der Aufgaben eines Rundfunkchores zur Disposition gestellt werden“. Die „klangliche Flexibilität“, die „Beherrschung der verschiedensten Stile und Epochen“ und „eine stimmliche wie altersmäßige Mischung“ seien dann nicht mehr gewährleistet.

„Unter 70 Prozent Festanstellung macht das Ganze keinen Sinn“, so DOV-Geschäftsführer Mertens. Seiner Gewerkschaft schwebt eine „moderate Verkleinerung“ von 27 auf 22 Chormitglieder vor. Gegenüber der MK verwies NDR-Hörfunkdirektorin Marx darauf, dass „wir als drittgrößte Landesrundfunkanstalt der ARD mit Abstand die meisten fest angestellten Musikerinnen und Musiker haben“. 242,5 solcher Stellen gebe es derzeit. Beim WDR, also der größten Landesrundfunkanstalt, seien 219 Musiker fest angestellt. Laut DOV liegen die jährlichen „Brutto-Arbeitgeberkosten“ des NDR für den Chor bei 2,33 Mio Euro. Hinzu kämen noch Kosten für Reisen, Kleidung und ähnliches. Der NDR selbst machte auf Anfrage keine Angaben zum Chorbudget.

Dass der Zukunft des Chors relativ viel Aufmerksamkeit zuteil wird, hängt damit zusammen, dass die Planungen des NDR in ihrer angedachten Form einen „Dominoeffekt bei anderen Rundfunkchören“ auslösen könnten. Das befürchtet zumindest der Verband der Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in der Nordelbisch Evangelisch-Lutherischen Kirche. Und dann ist da noch eine mögliche Signalwirkung in andere Bereiche des NDR. Björn Siebke, der für den Norddeutschen Rundfunk zuständige Sekretär bei der Gewerkschaft Verdi, sagte gegenüber dem Verdi-Medienmagazin „M – Menschen Machen Medien“: „Das, was hier geschieht, könnte ein Testballon für ganz viele Arbeitsfelder im NDR sein.“

300-Mio-Euro-Sparprogramm beim NDR

Ein weiterer NDR-Klangkörper, der im Rahmen des 300-Mio-Euro-Programms von Kürzungen betroffen ist, ist die Big Band des Senders. Dabei lassen sich aber naturgemäß keine Arbeitsplätze kürzen, „weil jeder seine Solostimme hat“, sagt Gerald Mertens. Hier plant der NDR bei Musikern, die neu eingestellt werden, eine Kosteneinsparung durch Arbeitszeitverkürzungen. Die übrigen Klangkörper des Senders – die NDR Radiophilharmonie in Hannover und das Elbphilharmonie-Orchester in Hamburg – bleiben von den Sparmaßnahmen indes unberührt.

In Sachen Chor hofft DOV-Geschäftsführer Mertens, bis Ende September zu einer Einigung mit dem NDR zu gelangen – was aus seiner Sicht heißt, „dass die Privatisierung vom Tisch kommt“. Bei der DOV geht man davon aus, dass das Personalkonzept für den Chor auf den kommenden Sitzungen des NDR-Verwaltungsrats (23. Oktober) und des NDR-Rundfunkrats (30. Oktober) auf der Tagesordnung steht. Der NDR sagte auf Anfrage am 17. September, die „Tagesordnungen für die Oktobersitzungen von Verwaltungsrat und Rundfunkrat“ lägen noch nicht vor.

03.10.2020 – René Martens/MK

` `