Sat 1 nimmt Drittanbieter-Formate aus dem Programm

12.11.2020 •

Der private Fernsehsender Sat 1 nimmt die bisherigen drei Drittanbieter-Formate sukzessive aus dem Programm, die er ab März 2017 aufgrund einer Entscheidung der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz (LMK) ausstrahlen musste. Im Oktober wurde bekannt, dass Sat 1 die Sendungen „Focus TV Reportage“ (vom Drittanbieter DCTP), „Dinner Party“ (Good Times) und „Grenzenlos – Die Welt entdecken“ (Tellvision) innerhalb der kommenden Wochen auslaufen lassen wird. „Es besteht für uns bereits seit August 2020 keine Verpflichtung mehr zur Ausstrahlung und Finanzierung der Drittsendeprogramme“, begründete Sat 1 auf MK-Nachfrage die Entscheidung.

Die LMK hatte DCTP, Good Times und Tellvision 2017 für die Dauer von fünf Jahren als Sat-1-Drittanbieter zugelassen (bis Ende Februar 2022; vgl. MK-Artikel). Die Drittanbieter-Sendungen musste Sat 1 laut den rechtlichen Vorgaben angemessen finanzieren, was von der Medienaufsicht geprüft wurde. Dass Sat 1 die Drittanbieter-Sendungen künftig nicht mehr ausstrahlen wird, hängt damit zusammen, dass Sat 1 die Aufsichtsbehörde gewechselt hat. Der Wechsel war im August 2020 vollzogen worden.

Nach Wechsel der Aufsichtsbehörde

Seit dem 15. August ist das Sat-1-Programm von der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MA-HSH) lizenziert und nicht mehr von der LMK (vgl. MK-Meldung). Zuvor hatte die Sat 1 Satelliten Fernsehen GmbH die von der LMK in den 1980er Jahren für das Sat-1-Programm erhaltende Zulassung zurückgegeben. Die von der MA-HSH ausgestellte Sat-1-Lizenz läuft nun auf die Seven One Entertainment Group GmbH, die bis Ende September den Firmennamen Pro Sieben Sat 1 TV Deutschland GmbH hatte. Die Sat 1 Satelliten Fernsehen GmbH wurde im August in die damalige Pro Sieben Sat 1 TV Deutschland GmbH eingegliedert und existiert somit nicht mehr.

Die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe konnte für das Sat-1-Programm die lizenzgebende Medienanstalt erst wechseln, als ein dazu seit August 2012 anhängiger Rechtsstreit im Juli 2020 vom Bundesverwaltungsgericht in letzter Instanz entschieden wurde. Nachdem die MA-HSH im Juli 2012 dem TV-Konzern für Sat 1 eine neue Lizenz ausgestellt hatte, fochten die LMK und die Hessische Landesanstalt für neue Medien und privaten Rundfunk (LPR Hessen) diese Neulizenzierung von Sat 1 an, unter anderem mit der Begründung, ein Programmveranstalter könne „bei laufender Lizenz und unverändertem Programm nicht beliebig die ihn beaufsichtigende Landesmedienanstalt wechseln“.

Das Bundesverwaltungsgericht stellte dazu im Juli 2020 fest, die Klagen von LMK und LPR Hessen gegen die MA-HSH seien unzulässig, da Landesmedienanstalten keine Befugnis hätten, gegeneinander zu klagen (Az. im Fall LMK: 6 C 6.19, im Fall LPR Hessen: 6 C 25.19). Auch die beiden gerichtlichen Vorinstanzen hatten die Klagen der beiden Medienanstalten zurückgewiesen. Als dann infolge der letztinstanzlichen Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts Sat 1 die lizenzgebende Medienanstalt wechselte, erklärte die LMK auf MK-Nachfrage dazu, ihre Drittanbieter-Zulassungen für DCTP, Good Times und Tellvision seien dadurch gegenstandslos geworden. Diese Lizenzen seien 2017 gekoppelt worden an die Sat 1 Satelliten Fernsehen GmbH als Veranstalterin des Sat-1-Programms. Da Sat 1 nun von einer anderen Konzerntochtergesellschaft veranstaltet werde, gebe es, so die LMK weiter, keine Rechtsgrundlage mehr für die weitere Verbreitung der Formate über die Drittsendezeiten-Regelung.

Keine gerichtlichen Hindernisse

Auch wenn die LMK zu dieser Einschätzung kam, nahm die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe bei ihrem Sender Sat 1 nicht schon Mitte August die Drittanbieter-Formate aus dem Programm. Zum damaligen Zeitpunkt lagen die schriftlichen Urteilsbegründungen des Bundesverwaltungsgerichts noch nicht vor, in denen sich das Gericht möglicherweise näher mit den Drittanbieter-Formaten bei Sat 1 beschäftigen würde. Beispielsweise zu der Frage, ob die von der LMK erteilten Zulassungen der Drittanbieter-Sendungen weiterhin gelten würden, wenn, wie im Fall von Sat 1, im Zuge des Wechsels der lizenzgebenden Medienanstalt bei einem fortbestehenden Sender konzernintern die Betreibergesellschaft gewechselt wird.

Mitte Oktober stellte das Gericht dann den Prozessbeteiligten die Urteilsbegründungen zu, die das Gericht am 20. Oktober auch auf seiner Internet-Seite veröffentlichte. Darin äußert sich das Gericht auch kurz zur Drittsendezeiten-Regelung: Für die Zulassung von Drittanbieter-Formaten sei die Medienanstalt zuständig, die die aktuelle Lizenz für das Hauptprogramm (in diesem Fall Sat 1) ausgestellt habe. Aufgrund dieser Feststellung des Gerichts gab es für Sat 1 dann keine Hindernisse mehr, die noch von der LMK lizenzierten drei Drittanbieter-Formate aus dem Programm zu nehmen.

Mit den betroffenen Produktionsfirmen hat Sat 1 jeweils Vereinbarungen zum weiteren Vorgehen getroffen: „Wir werden die bereits vorproduzierten Folgen zu den bislang geltenden Konditionen abnehmen und vergüten bzw. die Abbruchkosten übernehmen. Dabei stimmen wir uns eng mit den Produzenten ab und stellen so sicher, dass ihnen durch das Ende der Fensterprogramme keine unmittelbaren finanziellen Nachteile entstehen.“ Ausgestrahlt werden die restlichen Ausgaben der „Focus TV Reportage“ sowie von „Dinner Party“ und „Grenzenlos“ aber nicht mehr auf ihren bisherigen, sondern auf neuen Sendeplätzen; „Grenzenlos“ ist sogar zum Sat-1-Ableger Sat 1 Gold verlagert worden.

Neue Aufträge für bisherige Drittanbieter

Die bisher bei Sat 1 dienstags von 23.10 bis 0.15 Uhr ausgestrahlte „Focus TV Reportage“, produziert von Burda Studios, läuft seit dem 26. Oktober montagabends bei Sat 1 ab 23.20 Uhr nach dem „Akte“-Magazin. Die „Focus TV Reportage“ wird noch bis zum 7. Dezember bei Sat 1 zu sehen sein. Die Sendung wurde auf dem bisherigen Sendeplatz im halbjährlichen Wechsel mit der „Spiegel TV Reportage“ ausgestrahlt, den im Juli 2020 die „Focus TV Reportage“ wieder übernommen hatte.

Das Talkformat „Dinner Party“ lief bisher im Anschluss an die „Focus TV Reportage“ bzw. „Spiegel TV Reportage“ ab 0.15 Uhr in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Neuer Sendeplatz für die „Dinner Party“ ist nun die Nacht von Montag auf Dienstag (ab zirka 2.10 Uhr; seit dem 26. Oktober). Die letzte Ausgabe der „Dinner Party“ wurde von Sat 1 in der Nacht vom 9. auf den 10. November ausgestrahlt. Auf den beiden Sendeplätzen im Sat-1-Programm, die bisher für die „Focus TV Reportage“ und die „Dinner Party“ reserviert waren, werden nun Folgen der US-Serien „Navy CIS L.A.“ und „Navy CIS“ ausgestrahlt.

Die von Tellvision produzierte Drittanbieter-Sendung „Grenzenlos – Die Welt entdecken“, bisher bei Sat 1 samstags von 19.00 bis 19.55 Uhr zu sehen, läuft bei Sat 1 Gold seit dem 27. Oktober. Dort wird das Reisemagazin dienstags gegen 23.45 Uhr gesendet und bleibt noch bis zum 8. Dezember im Programm. Auf dem bisherigen Sendeplatz von „Grenzenlos“ bei Sat 1 läuft nun eine weitere Folge der Scripted-Reality-Reihe „Auf Streife“, so dass nun samstags von 17.00 bis 19.55 Uhr nacheinander drei Folgen dieser Reihe zu sehen sind.

Sat 1 will mit den Produktionsfirmen, die vom Auslaufen der Drittanbieter-Formate betroffen sind, auch künftig kooperieren. Was die Zusammenarbeit mit Burda Studios und Spiegel TV anbelangt, ist noch offen, um welche Formate es sich hierbei handeln wird. Möglicherweise können beide Firmen auch 2021 die „Focus TV Reportage“ bzw. die „Spiegel TV Reportage“ herstellen, dann aber in Form von Auftragsproduktionen. Hierzu äußerte sich der Sender auf Nachfrage nicht näher. Auch mit Good Times und Tellvision will Sat 1 weiter zusammenarbeiten: „Entsprechende Formate sind bereits in der Produktion.“ Dabei handle es nicht um die bislang von beiden Firmen hergestellten Sendungen „Dinner Party“ und „Grenzenlos“; diese beiden Formate würden nicht fortgeführt, erklärte Sat 1.

12.11.2020 – Volker Nünning/MK

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